Heute soll es also soweit sein. Der 79-Jährige Fifa-Präsident Sepp Blatter will sich zum fünften Mal die Krone aufsetzen – trotz all der Skandale, Korruptionsvorwürfe und und der jüngsten Verhaftungen hochrangiger Fifa-Funktionäre. Kritiker wollen Blatter endlich weg haben. Selbst Politiker fordern einen Neuanfang. Ein solcher sei nur ohne jetzigen Chef möglich. Seit 1998 thront Blatter auf dem Zürichberg über den Weltfussball.

Doch die Hoffnungen der Kritiker dürften sich heute am späten Nachmittag jäh zerschlagen. Experten erwarten, dass für Blatter die Wahl im Hallenstadion in Zürich-Oerlikon eine einfache Nummer wird. Keine Chancen werden dem einzigen Herausforderers Blatters, dem jordanischen Prinzen Ali Bin Al Hussein, eingeräumt.

Unmoralisches Angebot

Der 39-Jährige Jordanier blieb als einziger Gegner Blatters übrig, nachdem der Niederländer Michael van Praag und der Portugiese Luis Figo ihre Kandidaturen im Mai zurückgezogen hatten. Erst Anfang dieser Woche sorgte der Prinz für Aufsehen. Im April habe ihm ein Unbekannter die Stimmen von 47 Wahlmännern und Einblicke in heikles finanzielles Insiderwissen über Sepp Blatter zum Kauf angeboten.

Das Wahlteam um den Prinzen habe daraufhin die Behörden informiert. Im Baur au Lac sagte am Dienstag ein Kampagnen-Sprecher, man habe Strafanzeige eingereicht. Der Gang an die Öffentlichkeit irritiert. Erstens bleiben solche Angebote normalerweise unter dem Tisch. Zweitens bringt nun auch Ali Bin Al Hussein seinen Namen mit dreckigen Geschäften in Zusammenhang. Die «Süddeutsche Zeitung» spekulierte, Ali habe im Angebot womöglich eine Falle gewittert. Nur deshalb sei er an die Öffentlichkeit gegangen.

Klare Mission

Der Jordanier ist seit 2011 Vize-Chef des Weltfussballverbandes. Nun will er mehr. Im Januar verkündete er per Twitter seine Bewerbung auf die Präsidentschaft der Fifa. Der jordanische Adelige möchte Blatter vom Thron stossen. Er habe viele Diskussionen mit «respektablen» Verbandskollegen geführt, bevor er sich dazu durchgerungen habe, Blatter herauszufordern, schrieb er damals auf dem sozialen Netzwerk.

Für sein mögliches Amt hat er sich eine klare Mission gesetzt. Er will den Fokus wieder auf das Sportliche und nicht das Administrative legen. Die Welt brauche eine herausragende Fussballorganisation, die ein Leuchtfeuer für Transparenz und gute Geschäftsführung sei, so der Prinz.

Für mehr Transparenz

Dass das Transparenzversprechen nicht nur eine Worthülse ist, bewies Ali Bin Al Hussein jüngst in Zusammenhang mit der Affäre um den Garcia-Report, der die Korruptionsvorwürfe bei der WM-Vergabe an Katar und Russland untersuchte. Der Jordanier inszenierte sich als Fürsprecher der Veröffentlichung des Berichts.

Eine Publikation des Garcia-Berichts wäre der Fussballgemeinschaft zuträglich, sagte er gegenüber den Medien.
Es würde dabei helfen, den Verband im besten Sinne des Sportes zu reformieren. Die gesamte Fussballfamilie habe ein Recht darauf zu erfahren, was im Bericht stünde, so Ali. Bis heute hat die Fifa keine Seite des pikanten Berichts veröffentlicht.

Blatters Machtkalkül spülte Al Hussein an die Macht

Dass ausgerechnet der jordanische Prinz sich nun als Gegenspieler von Sepp Blatter hervortut, dürfte den langjährigen Fifa-König schmerzen. Denn der Jordanier ist quasi handverlesener Vize-Chef. Dank einem Coup hievte sich Ali Bin Al Hussein 2011 an die Fifa-Macht.

Blatter selber hatte damals grosses Interesse, einen starken Gegenspieler aus Südkorea auf Distanz zu halten: Chung Mong-Joon. Jener ist der Sohn des Hyundai Gründers Chung Ju-Yung und gilt als reichster Mann Südkoreas. Er war 2002 auch Präsidentschaftskandidat der progressiven Partei und amtete 17 Jahre als Vize-Chef der Fifa. 2011 unterlag er im Rennen um die Wiederwahl aber dem jordanischen Prinzen.

«Trojanisches Pony»

Die Niederlage kam überraschend. Und sie war bitter für den Koreaner. In seinen Memoiren beschrieb er Sepp Blatter als «kleinen Quälgeist». Die Niederlage des Hyundai-Erben war umso überraschender, als dass Ali kein bekannter Name war. Der Prinz zählte gerade einmal 35 Jahre. Elf Jahre vorher schloss er ein Studium an der Eliteuniversität Princeton ab. Von 1999 bis 2008 diente er vornehmlich in der Garde seines Bruders, König Abdullah II.

Wegen dem fehlenden Profil in der internationalen Sportwelt nannte der schottische Investigativjournalist und Fifa-Experte Andrew Jennings den jungen Fussballfunktionär denn auch «Prince Who?». Ali sei das «Trojanische Pony» gewesen, das lanciert wurde, um Chung zu stürzen.

Fussballfunktionär seit jungen Jahren

Ganz unbekannt war der jordanische Prinz dann aber doch nicht: 1999 wurde er als 24-Jähriger Vorsitzender des jordanischen Fussballverbandes. Unter seiner Führung feierte der jordanische Fussball einige seiner grössten Erfolge in der jüngeren Geschichte.

Ein besonderes Anliegen waren ihm offenbar die Förderung der Jugend und des Frauenfussballs sowie Fussball-Entwicklungsprojekte. Als Präsident des Asian Football Development Project (AFDP) tritt er seit mehreren Jahren als Gönner auf. Unter den vom jordanischen Prinzen geförderten Projekten befindet sich auch die vom Thurgauer Samuel Schweingruber gegründete NGO Salt Academy. 2013 besuchte Ali das Fussballprojekt im Nordwesten Kambodschas.

Genialer Schachzug wird zum Bumerang

Die Kandidatur des Jordaniers wirft nun ein neues Licht auf das taktische Kalkül des heute 78-jährigen Blatters, der die fünfte Amtszeit anstrebt. Sein Schachzug von 2011 könnte 2015 zum Bumerang werden. Wenn sich eine Mehrheit der Exekutivmitglieder bei der Wahl vom 29. Mai gegen Blatter entscheidet, leitet ein jordanischer Prinz künftig die Geschicke des Weltfussballverbandes.

Ob er sich aber durchsetzen kann, ist fraglich: Gemäss Informationen des Nachrichtenmagazins «Spiegel» sei Ali  abermals eine Schachfigur, dieses Mal in den Händen von Michel Platini. Und wie ein Angestellter des Fifa-Hauptquartiers gegenüber dem Portal sagte: «Mein linker grosser Zeh hat mehr Chancen gegen Blatter als ein Mann von Platinis Gnaden.»

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