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Interview 
«Digitalisierung ist bei uns eher Marketing als Strategie»

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Fabian Hediger: Organisator der World Web Forum.World Web ForumQuelle: World Web Forum

Jedes Jahr holt Fabian Hediger Techgrössen an das World Web Forum nach Zürich. Er sagt, warum Firmen rasanteres Wachstum brauchen und die Schweiz dort steht, wo das Silicon Valley vor 30 Jahren stand.

Von Karen Merkel
2017-11-08

Fabian Hediger ist mit dem digitalen Wandel bereits seit einer Zeit vertraut, als die meisten erwägten, ob sie sich einen Nokia-Knochen anschaffen sollten. Im Jahr 2000 gründete er Beecom. Das Unternehmen bietet Schweizer Firmen Software, über die Mitarbeiter auf wichtige Prozesse und Dokumente zugreifen können.

Der digitale Wandel in der Schweiz geht Hediger selten schnell und weit genug. Ein Grund, warum er das «World Web Forum» organisiert, das im Januar 2018 in Zürich in die sechste Runde geht. Das Tech-Treffen wartet mit klangvollen Namen vor allem aus dem Silicon Valley auf. 2018 sind unter anderem Iron-Maiden-Frontman Bruce Dickinson dabei oder David Le, der für Uber-Konkurrent Lyft die stolze Summe von 1 Milliarde Dollar von Google eingeworben hat.

«An das World Web Forum holen wir Vorbilder», sagt Hediger. «Wir hoffen, dass der Gast zuhört und sich fragt: Warum geben wir uns eigentlich mit 5 Prozent Umsatzwachstum zufrieden?» Warum rasantes Wachstum auch für Schweizer Firmen eine Notwendigkeit ist, erläutert Hediger im Gespräch:

Sind Sie gerade auf dem Velo unterwegs? Ich hörte, Sie führen Telefongespräche gerne, während Sie Velo fahren.
Stimmt. (lacht.) Ja, in einem anderen Moment hätte das gut sein können. Jetzt bin ich aber gerade im Büro.

Sie sind offenbar ein echter Techie – in jeder Lebenslage das Smartphone dabei.
Nicht ganz. Wenn ich abends zu meiner Familie nach Hause gehe, schalte ich mein Smartphone aus. Andererseits bin ich sicher ein Techie... darum haben am Anfang auch wenige geglaubt, dass das World Web Forum so gross werden kann.

Wieso das?
Wir sind 2006 als Java-Gruppe gestartet, da sind 15 Leute gekommen. Nicht viele, aber denen hat es gefallen. Im Jahr darauf sind 30 Teilnehmer gekommen, 2011 waren es 100. Das war gut, doch wir haben bemerkt, dass wir wenig bewirken. Die Leute, die kamen, wollten zwar gerne in die technologische Entwicklung investieren, hatten aber in ihren Firmen nicht die Entscheidungsbefugnis und keine Budgets.

Was haben Sie dann geändert?
Wir haben gesagt: Wir müssen die Leute mit Entscheidungskompetenz und Budget ansprechen, also die Geschäftsleitung und Verwaltungsräte. Da haben uns viele damals gesagt, das könnt ihr vergessen – ihr als Internet- und Softwarefirma könnt diese Leute nicht zum Event bekommen. Das haben wir widerlegt: Wir sind jetzt bei 1500 Teilnehmern, bisher haben wir jedes Jahr Umsatz und Teilnehmerzahl verdoppelt.

Warum braucht es eine Veranstaltung wie das World Web Forum?
Wir waren mit Beecom einer der ersten Partner von Atlassian. Das Unternehmen stammt ursprünglich aus Sydney und verlegte 2007 den Hauptsitz nach San Francisco. Atlassian hatte 2004 zu Beginn der Partnerschaft 25 Mitarbeiter, mittlerweile sind es rund 2000. Das Unternehmen ist börsenkotiert und seine Lösungen sind Standard bei vielen Tech-Firmen wie Facebook, Twitter oder Google. Wir als ihre Partner arbeiten also zum einen in der Schweiz, andererseits auch konstant in Kontakt mit dem Silicon Valley. Ich bin selbst ein- bis dreimal im Jahr dort. Und wir sehen, wie der Abstand zwischen US-Firmen und Schweizer Firmen immer grösser wird.

Wieso das? Auch Schweizer Firmen haben sich doch in Sachen Digitalisierung auf den Weg gemacht.
Die Unternehmenskultur ist eine vollständig andere, das Mindset. Auch wenn wir in der Schweiz noch so viel über Digitalisierung sprechen, das ist nach wie vor eher Marketing als Strategie.

Was machen Firmen im Silicon Valley anders?
Unternehmen im Silicon Valley gehen viel offensiver an ihre Ziele heran. Das ist wie mit einer Fussballmannschaft. Bei uns heisst es: «Hauptsache, du machst Sport und bist dabei.» Unternehmen im Silicon Valley sagen: «Wir gewinnen die Champions League.» Und setzen dann alles daran, um tatsächlich zu gewinnen. Sie sind bereit, Risiken einzugehen. Eine Idee wird nicht lange diskutiert, sie wird ausprobiert. Gleichzeitig analysieren die Gründer viel genauer, was funktioniert und was nicht. Und was sich nicht bewährt, wird sofort geändert oder weggelassen.

Warum halten Sie es für so wichtig, sich dieser Arbeitsweise zu öffnen? Die Wirtschaft in Europa wächst, die Schweiz gilt seit Jahren als das wettbewerbsfähigste Land weltweit. Es läuft doch.
80 Prozent der Umsätze auf dem europäischen Kontinent werden in der «Old Economy» generiert, einige Experten schätzen diesen Anteil sogar auf über 90 Prozent. Digitalisierung ist aber ein Paradigmenwechsel, das heisst: Das Alte wird sterben. Als 1989 das Internet gegründet wurde, hiessen die weltgrössten Firmen General Electric, IBM und Exxon. Heute sind es Apple, Alphabet und Microsoft. Das werten wir als ganz klares Signal. In fünfzehn Jahren, wenn unsere Kinder einen Job suchen, werden solche Unternehmungen noch viel präsenter sein in Europa. Sie werden die wichtigsten Arbeitgeber sein. Und da gelten dann einfach die Regeln, die diese Konzerne vorgeben.

Sie bewerten die Dominanz der Tech-Riesen positiv, haben das «Ende der Nationen» zu Ihrem Motto gemacht am World Web Forum im Januar. Warum?
Wir sehen, dass in gewissen Bereichen bereits heute die Verwaltungen der demokratischen Systeme zu langsam sind, um mit dem Fortschritt mitzuhalten. Das wird sich beim Thema Blockchain noch deutlicher zeigen. Die protektionistischen Versuche vonseiten der EU werden in der Branche belächelt. Unsere Speaker glauben, dass gesellschaftliche Systeme im neuen Paradigma nur noch durch die Eigenverantwortung der Unternehmen aufgefangen werden können, durch wirtschaftliche Verantwortung, aber auch soziale und ökologische.

Was sollte Unternehmen motivieren, ohne gesetzliche Vorgaben ökologisch und sozial verantwortlich zu handeln? Das ist für die unternehmerische Logik ja erstmal nicht zwingend.
Da sind viele Unternehmer im Silicon Valley anderer Meinung. Suzanne DiBianca von Salesforce wird im Januar genau darüber sprechen. Seit sie als zweihundertste Mitarbeiterin zum Unternehmen gekommen ist, verantwortet sie die Aktivitäten von Salesforce zum Wohle der Allgemeinheit. Ihr Standpunkt ist, dass es auch den Wert des Unternehmens steigert, wenn der Konzern seine soziale und ökologische Verantwortung wahrnimmt. Bei der Wertsteigerung eines Unternehmens zählt eben nicht nur, dass der Reingewinn wächst. DiBianca wird aufzeigen, dass Nachhaltigkeit absolut mit klassischer Unternehmenslogik vereinbar ist. Sie ist überzeugt, dass dadurch keine Mehrkosten entstehen – denn die Investitionen bringen der Firma hinter umso mehr. Ausserdem arbeiten im Silicon Valley die besten Leute bei Unternehmen, die für Corporate Social Responsability stehen.

Was sollte denn zum Beispiel eine Schweizer Industriefirma aus dem Paradigmenwechsel für eine Konsequenz ziehen?
Sie muss schauen, dass Geschäftsmodell so anzupassen, dass es Umsätze im neuen Paradigma generiert. Es ist ja alles da in der Schweiz. Die ETH gehört zu den besten sieben Universitäten weltweit. Nur das Mindset fehlt. Ohne das richtige Mindset können wir den Schweizerischen Erfindergeist nicht in Unicorns – also nichtkotierte Unternehmen mit einem Wert von mehr als 1 Milliarde Dollar – ummünzen.

Fallen Ihnen keine Beispiele für Firmen ein, die hierzulande auf dem richtigen Weg sind?
Natürlich sehen wir bei unserer Arbeit bei Beecom, dass es in ganz vielen Schweizer Unternehmen agile Teams gibt, die ernsthaft vorwärts machen. Ich kenne aber nur wenige Geschäftsleitungen, wie bei Liip, Ergon oder Swisscard, die selber agil aufgestellt sind. Bei Twitter zum Beispiel ist die Firma von der Kaffeeküche bis ins Board des Unternehmens agil organisiert. Es bleibt die Frage: Wie viele Unicorns haben wir bisher generiert in der Schweiz? Wir stehen etwa da, wo das Silicon Valley vor 30 Jahren stand.  

Was möchten Sie mit dem WWF Schweizer Unternehmern mitgeben?
An das World Web Forum holen wir Vorbilder – übrigens aus der ganzen Welt, nicht nur aus dem Silicon Valley. Wir wollen die Besten und Erfolgreichsten, nicht die Vertreter eines bestimmten Landes. Zum Beispiel David Le, der für Fahrdienstleister Lyft eine Investition von Google über 1 Milliarde Dollar gesichert hat. Jetzt läuft das Rennen um den Börsengang: Ist Lyft schneller oder Konkurrent Uber? Und David Le wird im Januar bei uns auf dem Podium erzählen, warum er diesen Deal gemacht hat und wie. Wir hoffen, dass der Gast zuhört und sich fragt: Warum geben wir uns eigentlich mit 5 Prozent Umsatzwachstum zufrieden? Viele sagen oft: «Wir sind hier in der Schweiz, nicht in San Francisco.» Darum geht es auch nicht. Jeder Unternehmer kann selbst entscheiden, ob und wie er den Input in seinen Kontext übersetzt.

Warum ist es überhaupt erstrebenswert, so schnell zu wachsen? Gerade die Boom-Firmen haben ja auch erhebliche Probleme zu Lasten der Mitarbeiter – Uber zum Beispiel mit einem desaströsen Managementkollaps.
Ich würde wahrscheinlich auch lieber bei Lyft arbeiten als bei Uber. Aber eine Firma muss schnell wachsen, sonst verpasst sie die Chance auf eine dominante Rolle im Markt. Wenn sie zu langsam wächst, kommen Copycats oder Grosskonzerne, die das Geschäftsmodell imitieren und ihren Marktzugang nutzen, um den Erstanbieter zu überrunden. Wettbewerb ist gut, aber er schafft auch Druck. Darum ist das schnelle Wachstum fast eine Notwendigkeit. Das ist Uber auch gelungen wie nur wenigen anderen auf dieser Welt.

Und die Mitarbeiter zahlen den Preis? Tesla-Chef Elon Musk etwa ist gefürchtet dafür, dass er konstant einen fast übermenschlichen Einsatz von seinen Angestellten fordert. Ist eine solche Führungskultur ein Imperativ für schnelles Wachstum?
Ich bin ein Fan von Elon Musk. Ich kenne die Interna nicht. Im Gegenteil: Ich bin überzeugt, dass radikales Wachstum auch sozialverträglich möglich ist. Atlassian oder Salesforce zum Beispiel haben sich soziale und ökologische Verantwortung in ihrem Leitbild auf die Fahnen geschrieben. Oder als es Rassismusgerüchte bei Facebook gab: Die Vehemenz, mit der Mark Zuckerberg und COO Sheryl Sandberg dagegen vorgegangen sind, hat gezeigt, dass ihnen solche Vorfälle total gegen den Strich gehen. Ich denke, dass es bei Tech-Firmen letztendlich nicht mehr schwarze Schafe gibt als bei anderen Unternehmen.

Neun von zehn Start-ups scheitern. Abgesehen von der Zielstrebigkeit, was ist entscheidend für den Erfolg von Gründern?
Die Businessidee ist zweitrangig. Das hat auch Kirsty Nathoo von Y-Combinator auf den Punkt gebracht, als sie vor zwei Jahren auf dem World Web Forum gesprochen hat. Y-Combinator führt dreimonatige Incubatorprojekte mit Gründern durch. Nicht die Projekte mit der besten Businessidee schneiden dabei am besten ab, denn diese wird sich zu 90 Prozent ohnehin verändern. Entscheidend ist das Kernteam. Unternehmerische Erfolgsteams bestehen grundsätzlich aus zwei Leuten – einem Verkäufer und einem Techie.

Wie Steve Jobs und Steve Wozniack in den Anfängen von Apple...
Oder die Dropbox-Gründer Drew Houston und Arash Ferdowski, Brian Armstrong und Fred Ehrsam von Coinbase und so weiter. Bei Airbnb war es ein Dreiergespann, auch das kann eine gute Grundlage bilden. Wichtig ist, wie sich das Team verhält, wenn der ursprüngliche Ansatz nicht funktioniert. Erfolgsteams probieren so lange, bis der Versuch gelingt. In der Schweiz höre ich oft: «Ich war auch mal Unternehmer, aber es hat leider nicht geklappt. Jetzt arbeite ich bei dem und dem Grosskonzern.» Das ist eben genau kein Unternehmer. Ein wahrer Unternehmer gibt nicht auf, er probiert und probiert und lernt, bis er Erfolg hat. Wie man in Kalifornien sagt: «Be the change you seek and don’t give up.»

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