Auf den erst Blick eigenartig: Da feiert das Brexit-Lager einen historischen Sieg beim EU-Referendum - doch zwei Wochen später küren die konservativen Abgeordnete eine Pro-EU-Frau zur Favoritin. Geht es nach dem Willen der Parlamentarier, soll Innenministerin Theresa May demnächst in Downing Street 10 einziehen. Kann das klappen?

Tatsächlich hat sich die 59-jährige May im Wahlkampf als höchst geschmeidig und geschickt erwiesen: Zwar schlug sie sich auf die Seite des Pro-EU-Lagers um Premierminister David Cameron, zeigte sich aber zugleich demonstrativ offen für Kritik an der EU - und hielt sich im Wahlkampf bewusst bedeckt, mied jede Profilierung. Sie wollte es eben mit keiner Seite verderben.

Brückenbauerin und Versöhnerin

Die Sowohl-als-auch-Strategie erlaubt es May nach der Brexit-Schlacht, sich als mögliche Brückenbauerin und Versöhnerin zu präsentieren. Genau das könnte ihr den Weg zum Chefsessel ebnen: Die konservative Partei ist tief gespalten, die Spaltung schmerzt, viele Abgeordnete und Mitglieder sehnen sich geradezu nach Heilung und Versöhnung.

Allerdings, ihre jetzige Haltung zur EU stellt May nach dem Referendum ohne Wenn und Aber klar: «Brexit bedeutet Brexit», sagt sie sehr kategorisch - und erstickt damit alle Hoffnungen und Spekulationen in Sachen zweites Referendum.

Flexibel und wendefähig in der Brexit-Frage - aber eher eine Hardlinerin beim Reizthema Migration. Bei diesem Thema gilt May kompromisslos bis knallhart.

Eiserne Lady

Seit Jahren wird die Innenministerin von den Medien als «aufgehender Stern» gehandelt, wie der «Telegraph» sie schon 2010 nannte. Als «Eiserne Lady im Wartestand» beschrieb der «Independent» sie drei Jahre später. Seit 2010 und in zwei Cameron-Kabinetten im Amt, verantwortet May schwierige Themen: Terrorabwehr, Überwachung, Polizei, Kindesmissbrauch.

May studierte in Oxford (wie Noch-Premier Cameron), arbeitete für die englische Notenbank. Mit der Politik begann sie früh, sie stieg in die Lokalpolitik ein, bevor sie ihren 30. Geburtstag feierte.

Vergleich wird kommen

Jetzt könnte May als erste Frau nach Margaret Thatcher Premierministerin werden. Mit der «Eisernen Lady» muss sich jede Frau, die es in Grossbritannien politisch zu etwas bringt, irgendwann vergleichen lassen.

Und tatsächlich: Streng und entschlossen schaut die Tochter eines anglikanischen Geistlichen mitunter drein, dazu ihre kinnlangen, grauen Haare - ein Vergleich mit Thatcher scheint mitunter gar nicht mal so abwegig.

Was bei Thatcher die Handtaschen waren sind bei der May die Schuhe - immer wieder ist sie durch ihren extravaganten Schuhgeschmack in die Schlagzeilen geraten. Über sich selbst redet die Verheiratete und Kinderlose aber nur sehr selten. Mitarbeiter beschreiben sie als diszipliniert, freundlich - doch nicht unbedingt als ein Freund des Smalltalks.

(sda/ccr)

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