Wer hat, dem wird gegeben.» Oder, inhaltlich dasselbe Sprichwort, nur in etwas derberen Worten: «Der Teufel scheisst immer auf den grössten Haufen.» Und der Haufen ist tatsächlich gross – sehr gross. Nämlich 455 000 000 000 Franken gross. So viel Geld besitzen die 300 Reichsten der Schweiz zusammen, wie die 18. Gold-Ausgabe der BILANZ aufzeigt. Das sind pro Kopf respektive Familie im Schnitt stolze 1517 Millionen. Auch die Mehrung ist mit 14 Prozent oder 55 Milliarden ausgesprochen üppig ausgefallen. Davon entfallen alleine auf die zehn Reichsten 20 Milliarden. Zusammen nennen sie Werte von unglaublichen 123 Milliarden Franken ihr Eigen. Zum Vergleich: Das ist fast doppelt so viel, wie vor 18 Jahren die damals 100 Reichsten der Schweiz zusammen besessen haben (siehe «Wechsel-Spiele» auf Seite 186).

455 Milliarden Franken. Ein solch dicker Batzen kam noch nie zusammen, seit BILANZ über die Superreichen berichtet. Der letzte Rekord, 420 Milliarden, stammt aus dem Jahr 2000; danach zerbarst die Internetblase, bei den Firmen machte sich Katerstimmung breit, die Konjunktur fing an zu stottern, die Aktienkurse schmierten ab und zerzausten auch die Depots der Reichen. Diesmal allerdings hat so ziemlich alles gestimmt, um jenen mit viel Geld noch mehr Geld einzutragen: Die Wirtschaft floriert, die Exporteure sind hochzufrieden, die Unternehmen melden stetig steigende Gewinne, Rekordzahlen sind fast an der Tagesordnung. Manche Vermögen zusätzlich anschwellen liessen die steigenden Preise von Boden und Wohnraum. Oder der Boom am Kunstmarkt, ausgelöst durch die hohe Nachfrage aus Amerika und Asien. Und weil endlich auch bei den Löhnen etwas mehr draufgelegt wird als in den letzten Jahren, brummt der Konsum, sind Luxusgüter wie Schmuck, Zigarren, Uhren und Champagner gefragt, buchen Herr und Frau Schweizer wieder vermehrt Zimmer in teureren Hotels oder reisen zu extravaganteren Destinationen. Das wiederum macht die in solchen Branchen aktiven Reichsten um ein gehöriges Stück vermögender. Vor allem aber zeigten sich die Börsen über weite Strecken des Jahres von ihrer Schokoladenseite, was den Banken einen beträchtlichen Zuwachs bei den verwalteten Vermögen beschert hat.

Die massivsten Zuwächse bei den 300 Reichsten sind denn auch primär von der Börsenhausse gespeist. Die Familien Hoffmann und Oeri etwa haben in einem einzigen Jahr ihren Besitz um fünf Milliarden Franken vermehrt und konnten so Platz zwei unter den 300 Reichsten halten. Die massige Aufbesserung verdanken die Nachkommen der Gründerfamilie ihrer Mehrheitsbeteiligung am Basler Pharmakonzern Roche; die Börsenkapitalisierung stieg auf den Rekordwert von rund 200 Milliarden Franken. Auch die saftigen Vermögenszuwächse bei Thomas Schmidheiny und Klaus-Michael Kühne – je zwei Milliarden – sind auf anziehende Aktienkurse zurückzuführen, in diesem Fall bei Holcim respektive Kühne + Nagel. Der vor Ertragskraft strotzende Uhrenkonzern Swatch Group hat ebenso die Börsianer elektrisiert, die Kurse sind innerhalb Jahresfrist um rund ein Drittel nach oben geschnellt. Swatch-Chef Nicolas G. Hayek muss deshalb im aargauischen Steuerparadies Meisterschwanden eine Milliarde mehr an Vermögen versteuern. Zufrieden ist Mr. Swatch damit nicht; nach seinem Dafürhalten müsste der Börsenwert der Uhrengruppe doppelt, eigentlich sogar dreimal so hoch liegen.

Bemerkenswert ist die Vermögensverdoppelung auf 2 bis 3 Milliarden, die Willy Strothotte erreichte. Der weltweite Kohldampf nach Rohöl, Kohle und Metallen, vor allem aus China und Indien, trieb Umsatz und Gewinn des führenden Rohstoffhändlers Glencore – Strothotte hält gegen zehn Prozent der Anteile – in schwindelnde Höhen. Die Vermögensvermehrung noch stärker beschleunigt hat die fast atemberaubende Aktienhausse bei Xstrata; der Glencore-Anteil am Minenkonzern brachte dem Rohstoffhändler einen Mehrwert von gegen zehn Milliarden ein.

Kein Anlass zur Klage, jedenfalls mit Blick auf die Vermögensaufbesserung um fünf Milliarden Franken, sichtet Ingvar Kamprad. Bald einmal die gesamte Welt verschraubt Ikea-Hausrat; die 104 000 Mitarbeiter verkauften im letzten Geschäftsjahr für 17,3 Milliarden Euro Schwedenmöbel, was einem Zuwachs von 17 Prozent entspricht. Weitaus beeindruckender ist die Gewinnmarge von überdurchschnittlich hohen zwölf Prozent. Die Vermögensschätzung positiv beeinflusst hat ferner, dass BILANZ erneut ein bislang blickdichtes Sparschwein in einer Steueroase gesichtet hat. Zwar gaukelt der inzwischen 80 Jahre alte Schwede der immer grösseren Ikea-Fangemeinde in aller Welt vor, doch eigentlich ein armer Tor zu sein; schliesslich habe er das gesamte Family-Business, frühzeitig schon, in eine Stiftung in den Niederlanden eingelegt. Nur hält die Familie unverändert die Verfügungsgewalt in ihren Händen. Der Wahlwaadtländer kann sich sträuben, wie er will: Er führt mit 25 bis 26 Milliarden Franken unverändert die Liste der 300 Reichsten an.

Mit einer Ausweitung des Besitztums um gleich drei Milliarden darf sich die Familie Bertarelli brüsten. Die wunderbare Vermehrung ist aber nicht darauf zurückzuführen, dass die Nachkommen des Fabio Bertarelli beim Biotechnologiekonzern Serono besonderes Führungsgeschick bewiesen hätten; vielmehr befreite sich Filius Ernesto mit einem Überraschungscoup von der allzu offensichtlichen Last des Familienerbes und verkaufte die Anteile kurzerhand nach Deutschland an Merck. Nun darf er sich endlich dem zuwenden, was er wirklich kann: mit seinem Schiff «Alinghi» beim America’s Cup die Konkurrenz in Grund und Wellen segeln. Und die Börse? Die Anleger atmeten auf, begrüssten den Ausstieg des Hauptaktionärs mit einem stürmischen Kursanstieg.

Dass sich auch mit Pferden klotzig Geld verdienen lässt, stellt John Magnier seit Jahren unter Beweis. Zwar ist sein Vermögenssprung primär seinem Quickie als Grossaktionär beim Fussballklub Manchester United zu verdanken. Die Kassen des Wahlschweizers aus dem Wallis mit Wurzeln in Irland füllen aber ebenso seine Pferde; bis zu 300 000 Franken kassiert Magnier – für lediglich einen Sprung von seinen Spitzenhengsten. Auch andere unter den 300 Reichsten widmen sich voller Inbrunst der Pferdezucht oder der Reiterei, beispielsweise Klaus J. Jacobs, Athina Onassis, die Familie Liebherr oder Elisabeth Engelhorn, Tochter des Investors Curt G. Engelhorn. Anlass genug, für die Illustration des Prologs Pferdebilder zu wählen.

Neben den vielen Gewinnern sind fast keine Verlierer auszumachen; lediglich bei einer Handvoll von Reichsten schmolzen die Vermögen – und dies oft auch nur wegen spezieller Umstände. So bei Prakash Hinduja. Im Vorjahr wurde das Vermögen der indischstämmigen Familie auf 4 bis 5 Milliarden festgelegt und in diesem Jahr sogar auf rund 7 Milliarden eingeschätzt, weil die Hinduja Group auf Hochtouren läuft und die Recherche neue Vermögenswerte ans Tageslicht beförderte. Doch da nur Prakash in der Schweiz lebt, wurde das Vermögen auf die vier Brüder aufgeteilt; womit der Einzelne gegenüber dem Vorjahr ärmer geworden ist – zumindest auf dem Papier. Auch Friedrich Christian Flick hat nicht den Verlust von 700 Millionen Franken zu beklagen; vielmehr verlegte Bruder Gert-Rudolf sein Quartier von der Schweiz nach Britannien, inklusive werthaltiger Depots. Die Rückstufung um 1,1 Milliarden bei Walter Haefner dagegen ist reell, hat doch die von ihm kontrollierte Autohandelsfirma Amag mit Porsche eine prestigeträchtige Marke verloren.

In diesem Jahr haben 14 neue Personen mit einem Mindestvermögen von 100 Millionen Franken Einzug gehalten – denn so viel ist nötig für den Eintritt in die 300 Reichsten. Das grösste Vermögen, 14 bis 15 Milliarden, brachte Victor Vekselberg mit. Damit ist der Russe locker auf Platz drei vorgeprescht und hat den Thurgauer Burgherrn Baron August von Finck aus den Top Ten gestossen. Vekselberg wohnt am Zürichberg, seine ebenfalls in Zürich beheimatete Renova Holding ist die Dachgesellschaft grosser Konzerne wie der russischen Ölfirma TNK-BP oder der zusammen mit Glencore jüngst gebildeten grössten Aluminiumgruppe der Welt. Mit Dimitri Rybolovlev figuriert ein weiterer Russe neu auf der Reichsten-Liste. Zusammen mit den schon früher aufgeführten Juri Shefler sowie Viatcheslav Kantor sind nun vier Exil-Russen erfasst – wahrscheinlich gibt es noch einige zu entdecken. Das Lager fremdländischen Reichtums jedenfalls hat Verstärkung erfahren: Heute ist jeder zweite unter den 300 Reichsten aus dem Ausland zugezogen, mehr als jeder fünfte liess sich mit einem deutschen Reisepass in steuermilderen Gegenden der Schweiz nieder.

Neu in der Liste ist ein alter Reicher: Martin Ebner. Der Herr der Fliegen konnte aus seinem im Zuge der Börsenbaisse vor fünf Jahren zusammengekrachten Milliardenimperium Bestände retten, und neben weiteren Beteiligungen bringt die höchst freundliche Börsenverfassung seine Habe wieder zum Blühen. Von 4 bis 5 Milliarden Franken subito auf null und innerhalb von fünf Jahren wieder auf 400 bis 500 Millionen – rührig ist er, das müssen die Neider Ebner lassen. Mit gleich fünf neugebackenen Reichsten kann die Kategorie der Investoren aufwarten, ein klares Indiz, wie die Börse frischen Reichtum schafft. Prominenten Zuzug haben auch die Manager erhalten; nagelneu in der Rangliste sind Credit-Suisse-Chef Oswald Grübel sowie der Öl-Mann Tom O’Malley.

Als weitere Premiere anzukündigen ist die Kategorie der Medienunternehmer. Die zwölf der dort vertretenen Reichsten besitzen zusammen 6,6 Milliarden Franken. Unter den Repräsentanten primär heimischen Medienschaffens sind bekannte Namen zu finden, so die Grossverleger-Familien Coninx und Ringier, Charles von Graffenried, Jürg Marquard oder Franziska und Erwin Reinhardt-Scherz.

Wo neue Namen in eine zahlenmässig begrenzte Liste Einlass finden, müssen zwangsweise alte weichen (siehe «Herausgefallen» und «Überzählige» auf Seite 77). Von Genf nach Monaco weggezogen ist Bruce Rappaport, Bankier im (Un-)Ruhestand. Ebenfalls ins Ausland gezügelt respektive zurück in seine Heimat, genauer in die Nähe des Kristallkonzerns Swarovski, hat Gernot Langes-Swarovski; wahrscheinlich will der 63-Jährige etwas kürzer treten und sich vermehrt seinen Weingütern widmen. Der Berner Oberländer Bauunternehmer Walter Hauenstein dagegen ist verstorben, das Vermögen verteilt sich nun auf vier Erben. Andere Namen wie jene von Maria Menarini, Gottlieb Knoch, Hans Ulrich Lehmann, Charles-Henri Sabet, René de Picciotto oder Hesham Amin El-Nasharty fielen dem Streichkonzert zum Opfer, weil sie frischem Reichtum weichen mussten.

Und nun hereinspaziert, liebe Leser: Manege frei für die Parade der 300 Reichsten, Scheinwerfer an, Vorhang auf für 455 Milliarden Franken.

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