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Die 250 Reichsten

In den letzten zehn Jahren haben die reichsten Schweizer ihr Vermögen in ungeahntem Masse vermehrt.

Veröffentlicht 31.12.1999

Gibt es in diesem Land überhaupt so viele Superreiche?» fragten wir uns bang, als wir 1989 erstmals unsere Reichstenliste zusammenstellten. Wir hatten es mit den runden Zahlen: 100 sollten es schon sein, und jeder von ihnen sollte mindestens 100 Millionen Franken auf die Waage bringen. Mit Ach und Krach brachten wir damals die runde Zahl zusammen und waren ungemein stolz, dass wir fast alle superreichen Schweizer «erwischt» hatten. Diesmal, in der zehnten Ausgabe unserer goldenen Liste, präsentieren wir Ihnen 250 Superreiche. Wir sind immer noch stolz darauf, dass wir diese Liste zusammengebracht haben. Mittlerweile aber hat uns der Verdacht beschlichen, dass uns etliche schwerreiche Mitbürger durch die Lappen gegangen sind. Der Verdacht wird genährt durch die anhaltend hohe Zahl «neuer» Reicher, deren Reichtum freilich nur für uns neu ist - reich sind die Neuen meistens schon länger, als es die BILANZ gibt.

In diesem Jahr sind es 30 neue Namen, die unsere Liste zieren (vor einem Jahr waren es 21). Das Spektrum reicht dabei vom schwerreichen Kjeld Kirk Kristiansen (3 bis 4 Milliarden) bis zum Aufsteiger Thomas Straumann (100 bis 200 Millionen). Wenn wir in diesem Rhythmus weiterfahren, können wir Ihnen demnächst die «400 Reichsten» präsentieren - oder wir müssen die Armutsgrenze für diese Goldvögel hinaufsetzen. Die Inflation der Superreichen mag mit unserem früheren Unvermögen zusammenhängen, wirklich alle aufzuspüren, aber nicht nur. Zwei weitere Faktoren spielen dabei ebenfalls eine Rolle. Zum einen ist die Schweiz für viele ausländische Reiche immer noch und immer stärker ein angenehmer Steuerhafen - und so stellt diese besondere Art der Wirtschaftsasylanten immer wieder einen erheblichen Teil der Neuentdeckungen: Im reichsten Dutzend der 98er Liste finden sich nicht weniger als neun in der Schweiz ansässige Ausländer; 1989 zählten wir diese noch gar nicht mit. Der Zuwachs an ausländischen Reichen dürfte auch in Zukunft anhalten; der Euro und der zusammenwachsende europäische Wirtschaftsraum mögen für die abseitsstehende Schweiz volkswirtschaftlich einige Nachteile haben - für die Reichen in unseren Nachbarländern könnte gerade diese Insellage besonders attraktiv sein.

Zum anderen sind die vergangenen zehn Jahre eine Zeitspanne, in der Riesenvermögen geschaffen oder in ungeahntem Masse gemehrt wurden. Allein jene 14 Reichen, die seit 1989 um jeweils mehr als eine halbe Milliarde Franken reicher geworden sind, bringen heute gegen 80 Milliarden Franken auf die Waage - und haben damit in nur zehn Jahren um fast 50 Milliarden zugelegt. 40 Prozent dieses Wachstums entfallen allein auf die offenbar nicht einholbaren Spitzenreiter, die Familien Sacher, Oeri und Hoffmann, die zusammen rund 15 Prozent des Kapitals und damit die Stimmenmehrheit am Basler Pharmakonzern Hoffmann-La Roche besitzen. 1989 schätzten wir sie - gemessen an der damaligen Börsenkapitalisierung ihres Unternehmens - auf 7 bis 8 Milliarden Franken und plazierten sie auf Rang eins. Heute ist dieser Wert auf 25 bis 30 Milliarden angeschwollen, was immer noch Platz eins bedeutet. Dabei ist diese gigantische Zahl nur die halbe Wahrheit. Was die Stimmenmehrheit an der Roche tatsächlich wert ist, liesse sich erst dann zuverlässig ermitteln, wenn die Familie diese Mehrheit tatsächlich verkaufen würde - die Bewertung des Kapitalanteils dürfte dafür nur eine ziemlich unverbindliche Annäherung darstellen.

Ebenso hartnäckig wie die reiche Basler Familie hält sich Walter Haefner in den Spitzenrängen unserer Liste: 1989 belegte er mit 2 bis 3 Milliarden den dritten Rang, 1998 liegt er mit 9 bis 10 Milliarden auf Platz zwei - und dies, obwohl er im letzten Jahr mit seinen Unternehmen einen drei Milliarden Franken teuren Börsentaucher zu verkraften hatte.

Zu den massiv reicher gewordenen des Jahrzehnts gehört auch Klaus Jacobs. 1989 - damals kontrollierte er noch die Jacobs-Suchard-Gruppe - bewerteten wir ihn mit 1 bis 1,5 Milliarden. Mittlerweile hat er diesen Konzern verkauft und sein Vermögen neu gebündelt. Geschadet hat das nicht, denn in diesem Jahr schätzen wir Jacobs auf 4 bis 5 Milliarden Franken.

Die eigentlichen Aufsteiger im Topsegment der Reichen sind vor allem Martin Ebner und Christoph Blocher. Ebner figurierte 1989 noch mit «mageren» 200 bis 300 Millionen in unserer Liste, 1998 streift er die 2-Milliarden-Grenze. Ähnliches ist auch Christoph Blocher widerfahren, dem unermüdlichen Kämpfer für die Interessen des Mittelstandes: Sein Vermögen ist von 500 bis 600 Millionen auf nicht eben mittelständische mehr als zwei Milliarden angewachsen.

Und zu den sozusagen kleinen Aufsteigern gehören Charles Vögele und Walter Fust. Am Beispiel Charles Vögeles lässt sich verdeutlichen, wie relativ die theoretischen Bewertungen von Aktienpaketen sind, die unseren Schätzungen zugrunde liegen. Vögeles Imperium aus Versandhandel und Reisebüro bewerteten wir 1989 mit 400 bis 500 Millionen Franken. Nach der Umstrukturierung der Gruppe, und vor allem dem Zusammenspannen des Reisebüroteils mit einer deutschen Gruppe, wurde klar, was Vögeles Besitz wirklich wert ist, nämlich deutlich mehr. Entsprechend wird er denn auch heute um eine volle Milliarde höher eingeschätzt als noch vor zehn Jahren. Und Walter Fust - Sie wissen schon: Der «Fust Dipl. Ing.» - hat mit seinem Verkauf an Jelmoli und dem Rückkauf der ganzen Gruppe gleich einen Sprung von 500 Millionen Franken geschafft.

Nun stehen die Topaufsteiger - jene 14 Personen, die ihr Vermögen in zehn Jahren um mindestens eine halbe Milliarde mehren konnten - nur für einen Teil des Vermögenszuwachses in zehn Jahren, wenn auch für einen erheblichen. 1989 brachten die damaligen 100 Reichsten zusammen 68 Milliarden Franken auf die Waage. Diese Zahl mit der Vermögenssumme unserer diesjährigen Reichstenliste (285 Milliarden Franken) zu vergleichen, wäre unangemessen, schliesslich umfasst diese 150 Namen mehr als vor zehn Jahren. Beschränkt man den Vergleich auf die ersten 100 der 98er Liste, so ist das Ergebnis immer noch erschlagend genug: Die Top 100 des Jahres 1998 besitzen zusammen ein Vermögen von 240 Milliarden Franken - 172 Milliarden mehr als die insgesamt 100 Reichsten des Jahres 1989. Von einer Verdreifachung der Vermögen innert zehn Jahren zu sprechen, wäre allerdings nicht ganz richtig, denn die Top 100 des Jahres 1998 sind nicht identisch mit den 100 Reichsten des Jahres 1989. Gerade in den Top 100 haben sich nämlich durch die Aufnahme von in der Schweiz lebenden Ausländern die grössten Verschiebungen ergeben.

172 Milliarden Vermögenszuwachs in zehn Jahren ist dennoch eine Zahl, über die sich nachzudenken lohnt. Was ist in diesen zehn Jahren geschehen, das die Reichen um so viel reicher werden liess? Auf wessen Kosten ging das? Sind die Armen ärmer geworden, oder ist der leidlich begüterte Mittelstand unter die Räder gekommen? Oder sind wir gar alle ein bisschen reicher geworden, die Reichen nur ein bisschen mehr? Erste Anhaltspunkte liefern die Daten der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Zwischen 1989 und 1998 hat das Bruttoinlandprodukt der Schweiz (also die Summe der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung) von 305 Milliarden auf rund 390 Milliarden Franken zugenommen, also um 85 Milliarden. Die Vermögen der 100 reichsten Schweizer haben um das Doppelte zugelegt. Das heisst, bei allen Vorbehalten zur Vergleichbarkeit dieser Zahlen: In den letzten zehn Jahren hat eine gewaltige Umverteilung des Wohlstands in der Schweiz stattgefunden. Wenn die Vermögen der reichsten 100 um 172 Milliarden zunehmen, die gesamte Wertschöpfung im gleichen Zeitraum aber nur um 85 Milliarden, dann bedeutet das, dass alleine die 100 Reichsten nicht nur die gesamte Wertschöpfung dieser Zeitperiode in ihre Taschen haben lenken können, sondern auch noch einiges der bisherigen Ströme umgelenkt haben.

Darunter gelitten haben vor allem zwei Bevölkerungsgruppen. Zum einen jene rund 20 Prozent, die keinerlei Vermögen ihr eigen nennen. Bei ihnen schlägt sich die Umleitung der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung direkt im Einkommen nieder; sie haben spätestens seit 1992 weitgehend auf steigende Reallöhne verzichten müssen. Zum anderen aber auch beim Mittelstand; zwar gilt für diesen in bezug auf die Reallöhne ähnliches wie für die Vermögenslosen, nur schlägt sich bei ihm die Verschlechterung nicht direkt in sinkender Kaufkraft nieder, sondern in der zunehmenden Unmöglichkeit, Vermögen zu bilden. Wobei für die grosse Mehrheit der Bevölkerung ein mildernder Umstand in Rechnung zu stellen ist: Das staatlich verordnete Zwangssparen über die zweite Säule schafft zwar nicht unmittelbar verfügbares Vermögen, aber zumindest Anwartschaften, die sich gesamthaft bereits auf rund 400 Milliarden Franken oder auf mehr als 50 000 Franken pro Kopf der Bevölkerung summieren. Nur: Auch dieses Zwangssparen vermindert das verfügbare Einkommen. Womit die Kernaussage erhalten bleibt: Die Umleitung der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung in die Taschen der Reichen beeinträchtigt das verfügbare Einkommen der grossen Mehrheit - und damit ihre reale Kaufkraft beziehungsweise ihre Fähigkeit, selber Vermögen zu bilden.

Nun gibt es bei den Reichen selber ein paar, die im Laufe der letzten zehn Jahre notleidend geworden sind. Allen voran der Shooting-Star der Achtziger, den wir zu Beginn unserer Reichsten-Recherchen mit 1 bis 1,5 Milliarden einschätzten und ihn im Laufe der Jahre bis über 2 Milliarden hinauflobten - bis das viele schöne Papiergeld sich in einer gigantischen Pleite in Luft auflöste. Die Rede ist natürlich von Werner K. Rey, der sich über seinen Bally-Coup in die Schweizer Wirtschaft einschlich und anschliessend ein riesiges Konglomerat von Firmen (darunter auch der bilanz-Verlag Jean Frey) zusammenbastelte, aufgebaut auf einer verschachtelten Kreditpyramide, die mit den hohen Zinsen 1990/91 ins Rutschen kam. Und als auch die Banken kalte Füsse bekamen, war es im Frühjahr 1991 mit der Herrlichkeit vorbei. Von Reys 2-Milliarden-Vermögen blieb ein ebenso grosser Schuldenberg, der als Tycoon Gefeierte sass zunächst während mehrerer Monate auf den Bahamas in Auslieferungshaft und wartet nun in einem Berner Gefängnis auf seinen Prozess.

Nicht minder spektakulär ist die Geschichte des Ralph Schmid, den wir 1989 auf 300 bis 400 Millionen Vermögen schätzten. Der gelernte Konditor machte sein Glück als Immobilienspekulant, Banker und Börsianer, nicht selten auf Kosten seiner Partner. Drehscheibe seiner vielfältigen Aktivitäten war die Luzerner Spar- und Hypobank. Als diese zusammenkrachte, konnten sich etliche Investoren Millionen ans Bein streichen. Der noble Exbankier setzte sich nach Monaco ab. Er ist in der Schweiz rechtskräftig verurteilt, aber am sonnigen Mittelmeer nicht zu fassen. Tragischer sind die Abstürze des Familienunternehmens Marti und der Viktor-Kleinert-Gruppe. Die Marti Holding war die grösste ausschliesslich in der Schweiz tätige Baugruppe, die einen Umsatz von rund 650 Millionen Franken erzielte. Das katapultierte die Familie in unsere Reichstenliste von 1989, mit 300 bis 400 Millionen Franken Vermögen. Der Einbruch am Immobilienmarkt und die hohen Zinsen brachten die Marti-Gruppe in Schieflage, so dass sie 1995 von den Banken gerettet und neu strukturiert werden musste; vom schönen Familiensilber blieb nicht mehr allzuviel übrig - gewiss aber nicht genug, um noch in unsere Reichstenliste Aufnahme zu finden. Ebenfalls ins Zinsloch zu Beginn der neunziger Jahre fiel die Viktor-Kleinert-Gruppe, die dem Namensgeber 1989 noch seinen Platz in der Reichstenliste gesichert hatte (300 bis 400 Millionen). Viktor Kleinert selber musste den Zusammenbruch nicht mehr erleben - er starb 1990, nachdem er das Unternehmen seiner Frau übertragen hatte und zwei Jahre bevor diese um Nachlassstundung ersuchen musste.

Totalabstürze dieser Art waren in den vergangenen zehn Jahren eher selten. Was nicht heisst, dass wir im Laufe der Jahre nicht den einen oder anderen Reichen um die eine oder andere 100-Millionen-Kategorie herunterstufen mussten. Dies geschah vor allem zu Beginn der neunziger Jahre, als die Immobilienkrise manchen Reichen ärmer machte, der sich zu sehr auf die Wertbeständigkeit von Grund und Boden verlassen hatte. Und das geschah auch im vergangenen Jahr, als dem unerhörten Börsenboom ein massiver Crash folgte, der manchen Reichen auf dem falschen Bein erwischte.

Im grossen und ganzen aber ist der Reichtum der reichsten Schweizer erstaunlich beständig. Und für die meisten spielt es ohnehin keine sehr grosse Rolle, wie hoch wir ihren Reichtum nun einschätzen. Denn die wirklich grossen Vermögen haben wenig mit den Ersparnissen von Normalbürgern zu tun. Legen wir unsere paar Sparbatzen meistens so an, dass sie für künftige grössere Aufwendungen verfügbar bleiben - wir sparen, um uns später etwas zu kaufen -, haben die Multimillionen- oder gar Milliardenvermögen einen anderen Charakter. Sie manifestieren sich in Unternehmen oder Unternehmensanteilen. Sie sind meist so gross, dass damit die Kontrolle über ein Unternehmen sichergestellt ist. Und wenn das so ist, dann spielt es keine sehr grosse Rolle, ob die Launen der Börse den Wert dieser Unternehmen um ein paar hundert Millionen nach oben oder nach unten korrigieren. Walter Haefner, so wurde uns schaudernd mitgeteilt, habe im Börsencrash dieses Sommers in wenigen Tagen drei Milliarden Franken verloren. Was im Grunde genommen ein vollendeter Blödsinn ist: seine Computerfirma ist gleich gross wie zuvor, seine Amag handelt nach wie vor mit Autos, und seine Rennpferde bekommen so viel Hafer wie eh und je. Das heisst, Vermögen dieser Grössenordnung bemessen sich gar nicht mehr in Franken und Rappen; sie bemessen sich in Einfluss und Macht, in Verfügungsgewalt über Produktionsmittel und Menschen. Das Konsummotiv - was könnte man mit dem Geld kaufen? - führt in diesen Sparerkategorien allenfalls zu absurden Rechnungen. Walter Haefners 9 bis 10 Milliarden Franken würden locker ausreichen, den schweizerischen Bundeshaushalt für zwei Jahre ins Gleichgewicht zu bringen (hätte es den Börseneinbruch nicht gegeben, noch für ein Jahr länger). Er könnte auch knapp 600 000 Inserateseiten in der bilanz buchen (wir hätten ungefähr für die nächsten 500 Jahre ausgesorgt - mit Mengenrabatt nur für 400 Jahre). Er könnte alle Schweizer eine Woche lang täglich einmal in ein Spitzenrestaurant einladen - wobei es einfacher wäre, in jeder der 3000 Schweizer Gemeinden ein Restaurant für rund drei Millionen Franken einzurichten. Nur: Dann hätte er wieder ein Riesenunternehmen, und wir würden über seine Monopolstellung in der Gastronomie klagen.

So absurd das tönt: Bei diesen Riesenvermögen spielt Geld gar keine Rolle mehr. Wichtig ist vielmehr die Substanz, die sich in Geldbeträgen nur höchst unzureichend ausdrücken lässt. Was ist wichtiger: dass die Roche-Mehrheitsaktionäre zigfache Milliardäre sind oder dass sie mit ihrem Aktienpaket einen der grössten Pharmakonzerne der Welt kontrollieren? Selbst für uns Zaungäste und Schlüssellochgucker ist das gar keine Frage: Die Macht ist wichtiger. Für die Betroffenen ist die Frage gar nicht so leicht zu beantworten. Sie werden mit uns einig sein, dass in dieser Grössenordnung mehr Geld tatsächlich nicht mehr Freude bereitet. Bereitet ihnen aber die mit dem Reichtum verknüpfte Macht Freude? Bei der erwähnten reichsten aller reichen Familien bin ich mir ziemlich sicher, dass ihr diese Macht keine sehr grosse Freude bereitet. Den Mitgliedern dieser Familie ist die mit der Macht verbundene Verantwortung eher lästig, weshalb sie sie denn auch weitgehend an angestellte und hochbezahlte Manager delegiert haben. Freude bezieht diese Familie wohl eher aus den nichtkommerziellen Dingen, die sie mit ihrem vielen Geld anstellen kann: Der Heimatstadt ganze Museen hinstellen, still und heimlich als Mäzene und Wohltäter wirken, einen tunlichst sozialen Beruf ausüben, ohne dabei aufs Geld angewiesen zu sein - lauter Dinge, die wir uns auch wünschen, wenn wir träumen: «Wenn ich einmal reich wär’.» Sie können es tun, und dennoch ist ihre Freude daran nicht ganz ungetrübt, denn die Verantwortung …

Irgendwie, so scheint es, sind die Schweizer Reichen ausserstande, sich ihres Reichtums zu erfreuen. Es fällt ihnen ja schon schwer, auch nur zuzugeben, dass sie reich sind. «Ach, wissen Sie, Reichtum ist etwas sehr Relatives», heisst es da. «Ich habe schon Vermögen», sagt ein zweihundertfacher Millionär, als ob es sich um ein Sparbüchlein handelte, «aber reich bin ich nicht.» In der Tat ist Reichtum etwas Relatives. In einem Umfeld, in dem Sparen ein Fremdwort ist, stellt das 20 000-Franken-Sparbüchlein ein mittleres Vermögen dar. An der Zürcher Goldküste ist man mit 100 000 Franken Erspartem ein armer Tropf. Der einfache Millionär wird sich ausrechnen, wie es wäre, soviel Kapital zu haben, dass er von den Zinsen üppig leben könnte. Der zehnfache Millionär sähe sein mittelständisches Unternehmen gerne in der Liga der grossen Player mitspielen. Dem hundertfachen Millionär fehlt zum Glück eine weitere Null auf der untersten Linie seines Bankauszugs. Der Milliardär wünscht sich den Zeitpunkt herbei, da er seine Milliarden zählen muss. Und dem zehnfachen Milliardär bleibt nichts anderes übrig, als über den grossen Teich zu blicken: «Ja, der Bill Gates, der hat es geschafft.» Kurz: Reichtum misst sich immer an jenen, die noch mehr haben, und da kann es keine Ruhe geben, bis man ganz oben angekommen ist. Das ist der Fluch des reichen Mannes - aber mit Geld hat das nichts zu tun. Eigentlich ist es also völlig überflüssig, eine Reichstenliste zu erstellen, denn reich ist nur der ganz oben an der Spitze. Alle anderen eifern ihm nach und möchten gerne reich werden. Andererseits: Woher sollen die Möchtegernreichen denn erfahren, wie erfolgreich ihr Rennen verläuft, wenn es keine Reichstenliste gäbe? Wie wäre es, wenn man diese Liste endlich als das nehmen würde, was sie in unseren Augen schon längst ist: Ein Service, Lebenshilfe im täglichen Wettkampf der Wohlhabenden um noch mehr Nullen auf ihrem Bankauszug. Die Reichen sind weiss Gott eine sehr kleine Minderheit; wir setzen uns für ihr Hauptanliegen ein: noch reicher zu werden.

Natürlich ist dies blanker Zynismus: Die Reichen brauchen diese Art Lebenshilfe gar nicht. Sie wissen schon selber, wie man reicher wird - das haben wir in den zehn Jahren, in denen wir diese Liste publizieren, zur Genüge erfahren. Dass wir diese Übung zehn Jahre lang durchgehalten haben und weiter durchhalten werden - zum Miss-vergnügen vieler Betroffener und trotz mancherlei Druckversuchen -, hat mehrere Gründe. Der offensichtliche zuerst: Die Dezemberausgabe der bilanz, in der unsere Reichstenliste erscheint, ist jeweils die bestverkaufte des Jahres. Das tut unserer Auflage gut und belebt das Geschäft, denn, verschämt sei es eingestanden, die bilanz ist auch ein kommerzielles Unternehmen. Wir publizieren, was uns unser journalistisches Selbstverständnis nahelegt - aber wir tun das für unsere Leser. Und die erwarten offensichtlich im Dezember die goldene bilanz - ebenso wie die Inserenten; und dies ungeachtet der Tatsache, dass der Besitzer manches inserierenden Unternehmens durchaus Gegenstand der Reichstenliste ist.

Die Publikation der Reichstenliste hat aber auch einen weiteren, weniger offensichtlichen Grund. Reichtum in den beschriebenen Dimensionen ist immer mit Macht und Verfügungsgewalt verbunden. Macht aber, das gehört zu den Grundgesetzen demokratischer Gemeinwesen, sollte nur ausüben dürfen, wer dazu legitimiert ist. Reichtum an sich ist noch keine hinreichende Legitimation, besonders dann nicht, wenn er sich versteckt. Der Markt mag vieles richten - zum Beispiel schafft und vernichtet er Reichtum. Legitimation für die Ausübung von Macht aber kann er nicht geben. Wie lässt sich durch Reichtum begründete Macht dann aber kontrollieren? Indem man transparent macht, wer sie ausübt. Genau dies war - bei aller freudvollen Schlüssellochguckerei - das Hauptmotiv für unsere erste, unzulängliche Reichstenliste im Dezember 1989. Das hat sich in den letzten zehn Jahren nicht geändert: Nur wenn wir wissen, wer die Reichen und wie reich sie sind, können wir sie im Zaum halten. Ich hoffe, Sie gehen mit mir einig, dass unsere Reichstenliste in dieser Zeit nicht nur spannend geblieben, sondern auch zulänglicher geworden ist.

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