Das Brexit-Votum bringt den britischen Notenbankchef in Bedrängnis. Mark Carney muss turbulente Finanzmärkte in Schach halten, seine Geldpolitik steht vor einer Zwickmühle. Und bei manch einem Politiker hat er sich äusserst unbeliebt gemacht.

Für keinen Notenbanker der Welt dürfte der Job zurzeit schwerer sein als für Mark Carney. Nach dem Brexit-Votum hat der britische Chef-Währungshüter gleich an mehreren Fronten zu kämpfen. Er muss die wild gewordenen Märkte in Schach halten. Langfristig könnte er vor einem geldpolitischen Dilemma aus schwachem Wirtschaftswachstum und starkem Preisauftrieb stehen. Und zu allem Überfluss gibt es seitens der Politik Gegenwind. Denn die Brexit-Befürworter sind dem 51-Jährigen alles andere als wohl gesonnen.

Schnelle Reaktion

Nach dem Brexit-Votum reagierte Carney sofort: Am Freitagmorgen reagierten die Anleger an den Finanzmärkten äusserst beunnruhigt. Das Pfund stürzte auf den niedrigsten Wert seit 1985 ab, an den Börsen zogen Gewitterwolken auf und die Investoren flüchteten in sogenannte sichere Häfen wie etwa Staatspapiere. Da trat der Notenbanker vor die Fernsehkameras, um zu beschwichtigen: Die Bank of England (BoE) sei bereit, sich gegen Marktturbulenzen zu stemmen. Man werde nicht zögern, 250 Milliarden Pfund stünden bereit. Das Signal war eindeutig: Carney ist fest entschlossen, einen Finanzcrash zu verhindern.

Schon vorab hatte sich der Notenbanker auf den Fall der Fälle vorbereitet und sich mit anderen führenden Währungshütern rund um den Globus abgesprochen. Über sogenannte «Swap-Linien» kann Carney nun beispielsweise mit der Europäischen Zentralbank (EZB) auf einen Schlag Milliardenbeträge in Pfund gegen Euro tauschen und dadurch den Briten Zugang zu Euros ermöglichen, selbst wenn sich die Banken wegen des taumelnden Pfunds zurückziehen sollten. Vor allem für britische Unternehmen, die im Aussenhandel aktiv sind, ist das unerlässlich.

Schwaches Wachstum und hohe Inflation

Carney kann also kurzfristige Marktturbulenzen zumindest zu einem gewissen Grad abfedern. Längerfristig kommen aber noch ganz andere Problem auf den Währungshüter zu. Denn wegen des Brexit könnte er bald vor einem geldpolitischen Dilemma stehen, bestehend aus einer unheilvollen Kombination aus schwachem Wirtschaftswachstum und hoher Inflation.

Denn zum einen gilt es unter Experten als sehr wahrscheinlich, dass der Brexit die britische Wirtschaft empfindlich treffen wird. Banken und Anleger dürften höhere Risikoaufschläge von den Briten verlangen, was die Finanzierung erschwere, warnt KfW-Chefvolkswirt Jörg Zeuner. «Die Wirtschaft wird sich mit Investitionen bedeckt halten.» Der Chefvolkswirt der Deka-Bank, Ulrich Kater, rechnet gar mit einer Rezession in Grossbritannien.

Zum anderen könnte das schwache Pfund die Inflation nach oben treiben, denn importierte Güter aus dem Ausland werden gemessen in Pfund teurer. Eine Kombination aus wirtschaftlichem Stillstand und hoher Inflation aber ist für Carney wie für jeden Notenbanker ein Albtraum. Denn will er mit Zinssenkungen die Wirtschaft ankurbeln, riskiert er dadurch zugleich, die Inflation anzuheizen. Will er umgekehrt die Inflation in Schach halten, indem er die Zinsen unverändert lässt oder gar erhöht, droht er damit die Wirtschaft abzuwürgen.

Politischer Druck nimmt zu

Und auch an der politischen Front wird es für den Notenbankchef eng. Nach dem für Oktober angekündigten Rücktritt des Regierungschefs David Cameron könnte ein Brexit-Befürworter das Zepter übernehmen. Und die «Brexiteers» sind dem Notenbanker alles andere als wohlgesonnen. Sie werfen Carney vor, er habe seine Kompetenzen überschritten, indem er sich vor dem Referendum gegen den Brexit eingesetzt habe.

Die Kritiker beziehen sich auf Aussagen wie diese: «Ein Votum, die Europäische Union zu verlassen, würde die Aussichten für Produktion und Inflation wesentlich beeinflussen», hiess es von der BoE eine Woche vor dem Referendum. Und Carney selbst hatte zuvor vor britischen Parlamentariern noch weitaus deutlicherer Worte gefunden: Ein Brexit sei das grösste innere Risiko für die Finanzstabilität.

Kein Brite, sondern Kanadier

Die Brexit-Befürworter zürnten: Als Währungshüter habe sich Carney aus der Politik herauszuhalten. Manch einer fühlte sich gar berufen, Carneys Staatsbürgerschaft zu thematisieren. Denn Carney ist kein Brite, sondern Kanadier. «Der Brexit geht Mark Carney gar nichts an», titelte das konservative britische Blatt «The Spectator».

Regulär läuft Carneys Amtszeit 2018 aus. Hatte er sich früher noch für eine Verlängerung offen gezeigt, ist davon derzeit keine Rede mehr. Das ehemalige Mitglied der Bank of England, David Blanchflower, kann gut nachvollziehen, woran das liegt: «Politisch ist Carney in einer sehr schwierigen Situation», sagt der Ex-Währungshüter.

(sda/ccr)

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