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US-Wahl 
Der grantige Sozialist, der ins Weisse Haus will

Bernie Sanders verspricht nicht weniger als eine politische Revolution. Doch der US-Demokrat galt als Aussenseiter. Niemand nahm ihn ernst, Clinton schon gar nicht. Jetzt holt er auf und begeistert.

Veröffentlicht 10.02.2016

Bernie Sanders verspricht nicht weniger als eine politische Revolution. Wie er das bezahlen will, ist dabei nebensächlich. Viele weiss er fast so zu begeistern wie einst Barack Obama.

Wenn Bernie Sanders spricht, kann er sich so richtig in ein Thema reinsteigern. Der 74-Jährige fuchtelt dann wild mit den Armen, seine Stimme wird laut, sie ist ohnehin schon ziemlich kehlig und markant, der Kopf läuft rot an. Der weisshaarige Senator aus Vermont wirkt in solchen Momenten durchaus so, als meine er es ernst.

Gegenentwurf zum Establishment

Bernie Sanders präsentiert sich als Gegenentwurf zum Establishment, dabei ist er eigentlich tief in Washington verwurzelt. Er war ganze 16 Jahre lang Mitglied des Repräsentantenhauses, bevor er 2006 in den Senat gewählt wurde.

Sanders begeistert viele Menschen mit der Aussicht auf etwas anderes, so wie Barack Obama 2008 viele Menschen mit der Aussicht auf Wandel begeisterte, auf «change».

Bei den Jungen beliebt

Vor allem junge Menschen mögen ihn, teilen seine Positionen, sehen sich seiner fundamentalen Systemkritik näher als der Haltung Hillary Clintons. Der Schauspieler Danny DeVito unterstützt ihn, Rapper machen für ihn Wahlkampf. Das Magazin «Rolling Stone» nannte ihn einen «grantigen Sozialisten», das war liebenswürdig gemeint.

Es gibt alte Fotos, auf denen Sanders ein bisschen so aussieht wie Woody Allen. Es gibt ein Folk-Album aus den Achtzigern, auf dem er statt zu singen die Liedtexte von Klassikern wie «We Shall Overcome» spricht.

Ein sehr europäischer Bewerber

Sanders gilt vielen als ein sehr europäischer Bewerber, der hierzulande gut zu den Sozialdemokraten passen würde. Sanders selbst wird nicht müde, sich als demokratischen Sozialisten zu bezeichnen. Und er verspricht nicht weniger als eine politische Revolution.

Die sechs grössten Banken des Landes will er zerschlagen, eine staatliche Krankenversicherung schaffen, die Studiengebühren an öffentlichen Hochschulen und Universitäten abschaffen. Nur wie er das alles bezahlen will, das lässt er weitgehend offen.

Aus einfachen Verhältnissen

Sanders stammt aus Brooklyn, was man noch deutlich an seinem breiten New Yorker Dialekt hört. Der Vater war ein jüdischer Einwanderer aus Polen, er verkaufte Farbe, die Verhältnisse der Familie waren bescheiden. «Weil das Geld fehlte, gab es Schwierigkeiten in meiner Familie, meine Eltern haben deswegen gestritten», erklärte er einmal. «Das ist etwas, was ich niemals vergessen habe. Und heute gibt es viele Millionen von Familien, denen es genauso geht.» Mit seiner Frau Jane hat er vier Kinder und sieben Enkelkinder.

Seine Konkurrentin Hillary Clinton ging ihn lange nicht hart an. Vielleicht hat sie ihn unterschätzt, das schrieb nicht nur die «New York Times».

Viel ist in den vergangenen Wochen geschrieben worden über die überraschende Aufholjagd des Bernie Sanders. Wie der Senator von Vermont die Menschen in Massen begeisterte mit seinem Versprechen auf eine politische Revolution. Wie er plötzlich an Clinton vorbei zog.

Sieg nicht einkalkuliert

Man muss sich das trotzdem noch einmal vor Augen führen. Als Sanders antrat, galt er als chancenlos, als linker Aussenseiter. Als ein weisshaariger alter Mann, der es halt noch mal versuchen wollte. Niemand nahm ihn ernst. Clinton schon gar nicht.

Aber schon in Iowa bekam sie einen Denkzettel. Ihr Sieg dort war hauchdünn, gerade mal 0,2 Prozentpunkte lag sie vor dem 74-Jährigen.

Und nun das. Dass sie in New Hampshire nicht gewinnen würde, hatte Clinton einkalkuliert. Dass es so heftig werden würde, hatte kaum jemand erwartet. Sanders gewann laut dem Politikwissenschaftler David Jones bei so ziemlich allen Gruppen. Bei Frauen, bei Männern. Bei denen mit Hochschulabschluss, bei denen ohne. Bei den Moderaten, bei den Liberalen.

Die Niederlage bei den Frauen dürfte besonders schmerzhaft für Clinton sein. Sie, die als erste Frau das Präsidentenamt übernehmen will.

Nächste Stationen sind bedeutender

Aber trotzdem: Auf lange Sicht heisst das Ergebnis noch nichts. New Hampshire spielt zahlenmässig kaum eine Rolle. Gerade mal 32 Delegierte schicken die Demokraten hier auf ihren Parteitag im Sommer, auf dem der Spitzenkandidat gekürt wird.

Und nach New Hampshire ist vor South Carolina. Dort geht es um mehr. Um andere Wähler. In Iowa und New Hampshire ist die Bevölkerung überwiegend weiss. In South Carolina machen Schwarze fast 30 Prozent aus, mehr als doppelt so viel wie im landesweiten Durchschnitt. Minderheiten spielen in dem Staat an der Südostküste eine grössere Rolle. Und diese Wähler - so die Erwartung von Clintons Kampagne - unterstützen die 68-Jährige.

Noch am Dienstag verschickte ihr Team eifrig Pressemitteilungen. Sie erzählten davon, dass zahlreiche Demokraten aus South Carolina sie unterstützen. Dass die Mütter von Eric Garner, Dontre Hamilton und Jordan Davis für sie Wahlkampf machen werden. Alle drei - allesamt schwarz - waren durch Polizeigewalt ums Leben gekommen.

In den Staaten nach New Hampshire sieht es gut aus für Clinton und schlecht für Sanders.

Wie lange reicht das Geld?

Viel dürfte davon abhängen, wie lange er durchhält. Wie lange er seine Kampagne noch finanzieren kann. 75,1 Millionen US-Dollar hat er laut «New York Times» an Spenden zusammenbekommen, 46,7 Millionen hat er davon schon ausgegeben. Vielleicht beschert ihm der Sieg in New Hampshire noch einmal einen Aufwind, was das Geld angeht.

Aber egal wie lange Sanders noch kämpft, eines hat er schon erreicht. Er hat Clinton nach links gedrängt. Sie liess in den vergangenen Tagen kaum eine Gelegenheit aus, in der sie nicht betonte, wie progressiv sie sei. Würde er bald aufgeben, könnte sie sich mehr auf die Mitte konzentrieren.

Hält er noch sehr lange durch, wäre sie weiterhin gezwungen, um die Gunst der Wähler am linken Rand zu kämpfen. Das wäre eine sehr ungünstige Ausgangsposition für den zweiten Teil des Wahlkampfes. Dann, wenn es darum geht, im direkten Duell gegen den republikanischen Kandidaten zu punkten.

(sda/ccr)

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