Eigentlich sollte alles unpolitisch sein. Der Eurovision Song Contest von Kiew hat das unverfängliche Motto «Vielfalt feiern». Doch der Ukraine-Krieg vor der Tür wirft einen Schatten auf die grosse Party.

Es ist der Traum gewesen, auf den die russische ESC-Kandidatin Julia Samoilowa viele Jahre lang hingearbeitet hat. Doch dieser Traum ist fürs Erste geplatzt. Zwar ist sie diese Woche live auf einer grossen Bühne aufgetreten. Tausende Menschen hörten sich bei strömendem Regen begeistert ihre Ballade «Flame is Burning» an. Doch: Eigentlich hätten es 200 Millionen Zuschauer werden sollen.

Trotzige Symbolkraft

Ihr Land hatte sie genau an dem Tag des Auftritts zum Halbfinale des Eurovision Song Contest (ESC) in Kiew schicken wollen. Stattdessen sang sie in Sewastopol, auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim. Das hat eine trotzige Symbolkraft: Der Gastgeber Ukraine hat Russlands Kandidatin die Einreise zum ESC 2017 mit der Begründung verwehrt, dass sie 2015 auf der Krim aufgetreten ist. Die Ukraine sieht sich von Moskaus Entscheidung für Samoilowa provoziert.

Dabei sind die Statuten der Veranstalter eigentlich eindeutig: Alles ist rein unpolitisch, heisst es im Regelwerk der Europäischen Rundfunkunion EBU. «Kein Lied, kein Auftritt darf den ESC oder die EBU in Misskredit bringen», heisst es. Politische Botschaften oder offene Streitereien zwischen Ländern sind verboten.

Animositäten und Konflikte

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Der Wettbewerb ist seit längerem eine Front für Animositäten und Konflikte. Die seit drei Jahren verfeindeten Nachbarn Ukraine und Russland tragen ihre Spannungen auch auf der Showbühne aus. Die EBU konnte diese Eskalation nicht verhindern.

Dass Samoilowa nicht einreisen darf, wertet der Kreml als einen «Schlag gegen das Image des ESC». Russische Menschenrechtler fordern Europa zum Handeln auf. «Ich finde es höchst deprimierend, dass es aus Europa keine Reaktionen gibt», sagt Politikerin Ella Pamfilowa.

Komplett aus dem Programm gestrichen

Zaghafte Vermittlungsversuche der EBU sind ins Leere gelaufen. Die Länder lehnen eine - erstmals in der ESC-Geschichte angebotene - Live-Zuschaltung aus Moskau ab. Und eine andere Kandidatin will Russland nicht schicken. Dieses Jahr ist das beliebte TV-Event im russischen Staatsfernsehen sogar komplett aus dem Programm gestrichen - obwohl sich Millionen Russen den Wettbewerb anschauen.

EBU-Generaldirektorin Ingrid Deltenre betonte gegenüber dem ukrainischen Regierungschef Wladimir Groisman, ein Ausschluss von Russland sei «inakzeptabel», und warnte, Kiew bei kommenden Wettbewerben abstrafen zu wollen. Die EBU denkt gar über Sanktionen gegen beide Ländern nach. Möglicherweise könnten dann weder die Ukraine noch Russland als Konsequenz bei den kommenden Wettbewerben teilnehmen. Noch ist alles offen.

(sda/ccr)

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