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Das neue Leben des Hedge-Fund-Pioniers Frey

Rainer-Marc Frey: Setzt bei seinen Investments auf einen kompakten Kreis von Vertrauten. ZVG

Mit dem Einsteig bei Leonteq landete Rainer-Marc Frey seinen jüngsten Coup. Sein neues Leben zwischen üppigen Gewinnen 
als Investor, einer ­harten Sanierung und Trips mit dem ­eigenen Flugzeug.

Von Erik Nolmans
21.02.2017

Es ist einer jener Tage, an denen Rainer-Marc Frey Rückenwind geniesst. In der Stunde zwischen ­Börsenstart und dem für zehn Uhr morgens fest­gelegten Gesprächstermin mit der «Bilanz» ist er locker elf Millionen Franken reicher geworden. An jenem Tag Anfang Februar präsentierte das Handelshaus DKSH, an dem Frey rund vier Prozent der Aktien hält, das Jahresergebnis. Angesichts der tollen Gewinnzahlen schoss der Kurs um 6,2 Prozent nach oben.

Er selber nimmt es gelassen: «Ist ja nicht jeden Tag so», sagt er trocken. Aber natürlich freue es ihn, sei es doch eine Bestätigung, dass er mit seinem Investment strategisch richtig liege. Das ist ­untertrieben. DKSH hat sich für Frey als Goldgrube erwiesen: 2007 mit zehn Prozent eingestiegen, schätzt er selber den realisierten Gesamtgewinn über die Zeit auf rund 300 Millionen Franken.

Unter den 300 Reichsten

Angewiesen ist der 53-Jährige auf das Geld nicht – er ist längst ein reicher Mann. Die «Bilanz» führt ihn in der Liste der 300 Reichsten mit 1 bis 1,5 Milliarden Franken. Den Grundstock seines Vermögens legte er 2002, als der Hedge-Fund-Pionier seine in Pfäffikon SZ domizilierte Finanzfirma RMF für über eine Milliarde an die britische Man Group verkaufte. Die Schweiz hatte mit einem Schlag einen neuen Finanz­superstar, der bald ins Establishment aufrückte: 2008 berief ihn die taumelnde Grossbank UBS in ihren Verwaltungsrat.

Es folgten schwierige Jahre: Im Zuge der Finanzkrise kam Frey in Liquiditätsnot und musste UBS-Aktien verkaufen, was ihm als Illoyalität ausgelegt wurde. Seine neue Finanzfirma Horizon21 fand ausserdem wenig lukrative Anlagemöglichkeiten und implodierte bald zu einem Family ­Office für die Verwaltung der Millionen von Frey und seinen RMF-Mitgründern. Viele schrieben ihn bereits ab – auch die «Bilanz» in einer kritischen Geschichte 2010.

Dabei war Frey damals bereits daran, sich neu zu erfinden. Einen – versteckten – Hinweis gab er 2010 der «Bilanz»: Die ­Finanzindustrie habe ihren Zenit erreicht und sei zu reif, um noch überdurchschnittliche Chancen zu bieten.

Frey hatte längst identifiziert, wo die neuen Chancen lagen: nicht bei Banken und Hedge Funds, sondern in der Industrie. Damit zeigte er nochmals sein goldenes Näschen: Mit lukrativen Investments in Firmen wie DKSH oder die Pharmafirma Siegfried setzte er zu einem eindrücklichen Comeback an.

Direkt am Zürichsee

Die Früchte der Arbeit weiss Frey, Sohn eines Kantonalbankers aus Liestal BL, ungeniert zu genies­sen. Für sich und seine Familie hat der dreifache Familienvater eine Prunkvilla im Schwyzer Steuerparadies Bäch gebaut, direkt am Zürichsee. Seine Investments managt er zusammen mit ­einer Truppe alter Mitkämpfer aus ehemaligen RMF-Tagen von einer herrschaftlichen Villa in der Nachbarsgemeinde Freienbach aus, ebenfalls direkt am See. Zudem hat er sich 2011 im Zürcher Mobimo Tower für geschätzte zehn Millionen Franken eine Stadtresidenz zugelegt, die sich über 600 Quadratmeter erstreckt – so hat er, wenn er in Zürich weilt, eine passende Absteige. Er gilt als sinnesfroher Mensch, den Schönheiten des Lebens in allen seinen Aspekten nicht abgeneigt.

Eine Leidenschaft ist auch das Fliegen. Frey ist Hobbypilot und Besitzer eines Privatflugzeugs, einer sechsplätzigen Pilatus PC-12, die er 2014 erworben hat. Das Flugzeug hat seinen Standplatz auf dem Regionalflugplatz im glarnerischen Mollis. Frey benutzt es regelmässig auch für berufliche Termine. Er hat eigens einen Piloten angestellt, der ihm das Flugzeug jeweils für den Abflug parat macht. Für den eigentlichen Flug sitzt er dann meist selber am Steuerknüppel – er hat alle Brevets.

Respekt dank Uniform

Alle zwei Jahre macht er zusammen mit zwei oder drei Kumpeln eine mehr­wöchige Reise mit dem Kleinflugzeug. Die letzte führte ihn 2016 in den Südpazifik, zuvor war er schon in Amerika und in Afrika. «Mein Ziel ist es, sämtliche Länder der Erde zu bereisen», sagt Frey. Rund 170 Länder habe er schon besucht, nur 30 bis 40 fehlten noch. So alle zwei Tage geht es an einen anderen Ort, meist am Vormittag der Flug, dann ein bis zwei Tage Sightseeing oder Entspannung. «Eine echte Jungs-Sache», sagt Tom Hartmann, der Frey auf den Flügen begleitet hat.

Hartmann ist ein Freund aus Jugendtagen, die beiden gingen zusammen in Frenkendorf BL zur Schule. Hartmann war es, der Frey das Fliegen zu einem Grossteil beigebracht hat. Heute ist er beim BAZL als Senior Flight Operations Inspector tätig. Er ist ein ­Flugprofi, war er doch einst Linienpilot 
bei der Swissair.

Geflogen wird jeweils in eigenen Fluguniformen. «Die förmliche Kleidung erleichtert das Einreisen und bewirkt, dass man generell mit grösserem Respekt behandelt wird», erklärt Hartmann. Auf den Flugtrips will Frey, der sich selber als «zutiefst neugierigen Menschen» bezeichnet, nicht nur die Touristenidylle erleben. So wird auf den Reisen auch mal ein Flüchtlingslager besucht. Auf ihrer Pazifikreise habe sie zudem die tiefe Armut breiter Bevölkerungskreise überrascht, die so gar nicht zum Bild der Südsee-Romantik passe, so Tom Hartmann.

Millionengrab Lonrho

Rainer-Marc Frey lernt so viel über die Länder, die er besucht. Vor Investitionsentscheiden macht er jeweils eine Makroanalyse. «Ich wollte in Afrika eine strategische Expansion», sagt er.

Nun aber hat er hart zu beissen an ­seinem Investment in die Lonrho Holding. In diesen vor allem in der Subsahara präsenten Mischkonzern mit Holdingsitz in London stieg Frey 2013 mit einer Gruppe illustrer Investoren aus der Schweiz ein. 270 Millionen Franken kostete der Kauf. In Afrika habe er angesichts der wachsenden Be­völkerung und der gestiegenen Kaufkraft im stark gewachsenen Mittelstand viel ­Potenzial identifiziert, so Frey.

Lonrho wurde nach dem Kauf von der Börse genommen. Ziel war es, das Kon­glomerat, das von Hotels über Nahrungs­mittelketten bis hin zu Freihäfen ein riesiges Spektrum von Aktivitäten betreibt, zu sanieren und – irgendwann vielleicht – ­gewinnbringend wieder loszuschlagen.

Nebst Frey mit etwa 40 Prozent ist ­Zementbaron Thomas Schmidheiny mit rund 25 bis 30 Prozent beteiligt, dazu ­kommen Investoren wie die BMW-Erbin Susanne Klatten oder Urs Wietlisbach, ­Mitgründer der Zuger Private-Equity-Firma Partners Group. Mit im Boot als Teilhaber ist auch der langjährige DKSH-Konzernchef Jörg Wolle, ein enger Freund von Frey, oder die Zürcher Falcon Bank, deren Ex-Chef Eduardo Leemann ebenfalls ein guter Freund von Frey ist.

Was hoffnungsvoll startete, wurde bald zum Millionengrab. Im letzten Berichtsjahr 2015 resultierte ein Verlust von 32 Millionen Dollar – das dritte Verlustjahr in Folge. Die Investoren mussten 141 Millionen Dollar frisches Kapital einschiessen, um die Verschuldung zu reduzieren.

Keine Dishar­monie

Bei Einzelnen soll der Missmut gestiegen sein, heisst es aus dem Umfeld der Firma. Dies wird von den Hauptinvestoren nicht bestätigt. «Unser gemeinsames Engagement in Lonrho ist langfristig angelegt und wird sich in dieser Perspektive als ­Erfolg erweisen», so Thomas Schmidheiny. «Dass es dabei einzelne Rückschläge geben kann und sich manches weniger schnell umsetzen lässt, als wir es nach unseren Massstäben gewohnt sind, ändert nichts an dieser Überzeugung.»

Auch Frey selber spürt keine Dishar­monie. Jeder sei ja freiwillig dabei, sagt er, «auch wenn wir alle uns das Ganze etwas anders vorgestellt haben». Er müsse sich höchstens mal einen blöden Witz anhören – aber einen solchen würde er auch machen, wenn er in der Lage seiner Mitinvestoren wäre. Lonrho sei auf gutem Weg: «2017 könnte uns den Break-even bringen», hofft Frey. In den letzten Jahren habe es viel Gegenwind gegeben, etwa den kollabierenden Ölpreis und den Währungs­zerfall, was operative Verbesserungen wieder zunichtegemacht habe. Nun sehe die Lage aber besser aus. Eine erneute ­Kapitalerhöhung will er nicht ausschlies­sen, diese sei dann aber für die Finanzierung des geplanten Wachstums vorgesehen und nicht, um Löcher zu stopfen.

Dreigeteilte Zeit

Frey, der bei Lonrho Vizepräsident ist, agiere wie eine Art CEO der Company, ­erzählen Firmenkenner. Seit sich Lonrho 2016 im Unfrieden von Roland Decorvet, dem mit vielen Vorschusslorbeeren von Nestlé Schweiz geholten CEO, trennte, ist der ­Posten nicht wieder besetzt worden. Als Grund für die Trennung wurden unterschiedliche Vorstellungen über die strategische Ausrichtung genannt. Kein Geheimnis ist aber auch, dass sich Decorvet zunehmend über die Einmischung des Lonrho-Boards geärgert haben soll. Frey be­streitet nicht, dass er speziell für dieses Investment viel Zeit aufwendet: «Wir ­sehen unsere Rolle als exekutive VR-Mitglieder – schliesslich sind wir als Kapitaleigner unmittelbar betroffen.»

So verbringt Frey mehr Zeit in Afrika, als ihm lieb ist. Sein Konzept ist es im Grunde, seine Zeit grob zu dritteln: das erste Drittel für strategische Investments wie DKSH oder Lonrho, das zweite für seine auch mal kurzfristiger ausgerichteten Investments mit dem Family Office Horizon21 und das dritte für Freizeitbeschäftigungen wie das Fliegen.

Vertrauter Kreis von Mitstreitern

Auffällig ist, wie stark Frey in all seinen Aktivitäten auf einen kompakten Kreis von Vertrauten und Mitstreitern zählt. So investiert er etwa in Immobilienprojekte, vor allem in Deutschland und Österreich, unter anderem auch in grössere Wohn­bausiedlungen. Und bei vielen Immo-­Investments sitzt auch Zementbaron Thomas Schmidheiny im Boot.

Auf die Frage, was ihn zum guten Netzwerker mache, reagiert Frey überrascht: Er sehe sich im Grunde gar nicht als Netzwerker, um dann aber doch nachzuschieben, dass es sicher helfe, «wenn man schon vier oder fünf Sachen erfolgreich zusammen gemacht hat». Viele Leute kenne er noch aus seiner Zeit bei RMF, als er seine Firma vielen Investoren präsen­tieren musste. Schmidheiny schwärmt: «Ob bei gemeinsamen Immobilieninvestitionen oder bei unserem ­Engagement 
in die heute hervorragend positionierte Siegfried – ich habe die Zusammenarbeit mit Rainer-Marc Frey immer sehr positiv und zielführend erlebt.»

Aktiver Vize

Auch für seine mit den Investitionen verbundenen Mandate – so ist Frey auch im Verwaltungsrat von DKSH – erntet er Lob. Er sei ein aktives Mitglied mit einer klaren Meinung, sagt Jörg Wolle, der bei DKSH nach 15 Jahren als Konzernchef nun auf den Präsidentensessel wechselt. «Frey ist kein harmoniebedürftiger Typ und gerade wegen seines unabhängigen Auf­tretens sehr wertvoll», so Wolle.

Der DKSH-CEO und Frey haben sich um die Jahr­tausendwende am Entrepreneurs’ Roundtable kennen gelernt, einer Runde von Wirtschaftslenkern. «Wir treffen uns seit Jahren auch privat regelmässig», sagt Wolle. Schon vor 2002 habe Frey sein ­Interesse zum Ausdruck gebracht, ins ­Handelshaus zu investieren, so Wolle, der damals CEO von Siber Hegner war, dem neben Diethelm Keller anderen Teil des späteren Fusionsgebildes DKSH. Als 2007 einzelne Altaktionäre aussteigen wollten, ergab sich die Gelegenheit, und Frey stieg bei DKSH mit zehn Prozent ein. «Ich denke stets in Opportu­nitäten», sagt dieser dazu.

Eng ist auch das Verhältnis zu Siegfried-Präsident Andreas Casutt, der in einzelnen von Freys privaten Holdings und Gesellschaften Einsitz hat. Auf Siegfried sei er gekommen, weil der Kurs nach der ­Finanz­­-
krise stark gefallen sei und in seinen Augen dem inneren Wert nicht mehr entsprochen habe, so Frey. 2010 stieg er ein und hält heute rund sieben Prozent.

Auf dem erfolgreichen Pfad will er bleiben: Weder bei DKSH noch bei Siegfried zeigt er Ausstiegspläne. «DKSH ist mit dem jetzigen Wechsel von Wolle vom CEO-Posten ins Präsidium in einem Übergangsjahr. Da würden Wechsel im Aktionariat oder im VR nur stören», sagt Frey. Auch bei Siegfried sieht er «weiter viel Potenzial».

Bissige Kritik

Es gibt aber auch Leute, mit denen er es sich verspielt hat. Für Ex-Credit-Suisse-Chef Oswald Grübel etwa soll er ein rotes Tuch sein, wie aus dessen Umfeld berichtet wird. 2001 war es die CS unter dem ­damaligen CEO Grübel, die Freys Firma RMF rund 2,5 Milliarden Dollar zur Verwaltung anvertraute, was RMF nicht nur den Quantensprung im Markt ermöglichte, sondern auch den Wert des Vehikels explodieren liess. Dass Frey RMF kurz darauf an die Man Group verhökerte, soll Grübel als Vertrauensbruch empfunden haben.

Auch einzelne ehemalige Mitarbeiter von Horizon21 äussern hinter vorgehal­tener Hand bissige Kritik. Manche hatten auf den Finanzwundermann gesetzt und sichere Jobs verlassen, um in die Hedge-Fund-Firma zu wechseln. Die Redimen­sionierung von 2010 erlebten sie als grosse Enttäuschung.

Doch sein erfolgreiches Wirken als ­Investor hat das Image von Frey gedreht. Es soll sich sogar eine Gefolgschaft von kleineren Anlegern gebildet haben, die in seinem Windschatten an der Börse mit­investierten, indem sie seine Anlageentscheide kopierten, heisst es auf dem Finanzplatz. Ganz nach dem Motto: Wo Frey ist, da ist Geld zu verdienen. Er selber räumt ein, dass es ihm in den letzten sechs Jahren recht gut gelaufen sei. Als Privatinvestor habe er von einem guten Umfeld profitieren können. Viele etablierte Investoren hätten wegen der verschärften Regulierungsvorschriften von manchen Investitionen Abstand nehmen müssen – wodurch sich die Konkurrenz reduzierte. Nun werde es allerdings eher wieder schwieriger.

Zur Nagelprobe für sein Gespür als Investor wird wohl vor allem die Entwicklung bei Lonrho. Gelingt die Sanierung nicht wie vorgesehen, dürfte Rainer-Marc Frey einiges von seinem neu gewonnenen Glanz wieder verlieren. Der Goldjunge bleibt gefordert.

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