Anfang des Jahres brach ein Sturm der Entrüstung los, da Sie von Novartis eine Abfindung von 72 Millionen Franken ­erhalten sollten. Wie denken Sie heute darüber?

Daniel Vasella: Das ist falsch – es handelte sich nicht um eine Abfindung, ­sondern um ein bezahltes Konkurrenzverbot. Die Auszahlung war an strikte Bedingungen geknüpft, die einem Berufsverbot gleichkamen. Insgesamt war das sicher keine angenehme Zeit und hat mich auch etwas überrascht, da ich ja ­gesagt hatte, dass ich das Geld für wohltätige Zwecke verwenden würde.

Davon war aber nicht die Rede.
Meine diesbezügliche Aussage wurde wohl ausgeblendet. Da ein erster Betrag frühestens nach einem Jahr und die ­Gesamtsumme innerhalb von sechs Jahren ausbezahlt worden wären, hatte ich mir auch noch keine konkreten ­Gedanken über die genauen Empfänger gemacht.

Sie haben dann auf die 72 Millionen ­verzichtet. Bis 2016 erhalten Sie nun von Novartis rund fünf Millionen Franken für Beratungsleistungen. Und als Coach für Novartis-Führungskräfte verdienen Sie rund 25 000 Franken am Tag. ­Können Sie nicht loslassen?
Loslassen ist für mich glücklicherweise kein Problem, aber darum geht es nicht. Führungskräfte mit meinem Wissen und meiner Erfahrung werden international in diesen Grössenordnungen bezahlt. Ich denke, dass ich Führungskräfte effizient beraten kann. Mir kommt zugute, dass ich jahrelang als Mediziner gearbeitet habe und eine psychoanalytische Ausbildung hinter mir habe. Als Novartis-Chef habe ich Gruppendynamik und soziale Prozesse aus nächster Nähe erlebt. In den vergangenen Jahren habe ich mich in psychologischer Organisationsberatung weitergebildet. Konzernchefs mit einer so breiten Erfahrung sowohl im Top­management als auch im Coaching sind leider selten.

Wie läuft so ein Seminar bei Ihnen ab?
Ein Seminar dauert zwei bis vier Tage und hat fünf oder sechs Teilnehmer. Eine Agenda, die wir abarbeiten müssen, gibt es nicht. Ich sammle Fragen, die den Führungskräften am Herzen liegen.

Worum geht es den Konzernchefs?
Um Themen wie Ziele, Strategie, Umgang mit Kollegen und Vorgesetzten, aber auch um Fragen der Familie, der Zeit­belastung und den Umgang mit Interessengruppen.

Sie haben der Schweiz den Rücken ­gekehrt. Wo leben Sie jetzt?
Meine Frau und ich hatten schon länger beschlossen, nach meinem Rücktritt ins Ausland zu ziehen.

Es heisst, dass Sie in den USA leben.
Unser Wohnort bleibt vertraulich.

Wie sieht Ihr Alltag aus?
Ziemlich normal: Sofern ich zu Hause bin, stehe ich jetzt um halb sieben oder sieben Uhr auf statt um sechs. Ich dis­kutiere mit meiner Frau über Gott und die Welt, wir sind in der Natur unterwegs oder spielen Backgammon. Meist bin ich aber irgendwo in der Welt zu Führungskräfte-Coachings unterwegs. Ich ge­niesse meine Freiheit und denke naturgemäss immer weniger an Novartis. Ich wünsche der Firma alles Gute, aber ich bin froh, nicht mehr in der Verantwortung zu stehen. Es ist ein schönes Gefühl, an nichts gebunden zu sein ausser an meine Familie. Das hatte ich noch nie.

Was treibt Sie heute noch an?
Mein Leben ist geprägt von dem Wunsch, ständig dazuzulernen. Ich habe viele Interessen und bin offen für neue Gedanken. Ich habe einen Hunger nach Leben entwickelt, weil ich schon früh die Gewissheit des Endes gespürt habe.

Was meinen Sie damit?
Ich war zehn, als meine Schwester an Krebs starb, und 13, als mein Vater starb, einige Jahre später ist auch meine zweite Schwester gestorben. Ich selbst war häufig krank und ein Jahr wegen Tuberkulose ausser Gefecht. Ich hatte früh das Gefühl, verwundbar zu sein, und wollte mittels Verständnis und Kenntnis Krankheit und Tod ihren Schrecken nehmen. 

 

Text: «Wirtschaftswoche»

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