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Wie bitte? 
Chefgehälter: «Die Zeit der Exzesse ist vorbei»

Chefgehälter: «Die Zeit der Exzesse ist vorbei»
Noch immer mehr als genug: CEOs verdienten auch 2015 sehr gut. Keystone

OB CS oder Novartis: Grossbanken und Konzerne legen derzeit ihre Chefgehälter des letzten Geschäftsjahres offen. Ethos-Direktor Vincent Kaufmann erkennt dabei ein Ende der Exzesse.

Von Florence Vuichard
2016-03-21

Herr Kaufmann*, pünktlich zur Saison der ­Ge­neralversammlungen rücken die Chefgehälter ­wieder in den Fokus. Wie beurteilen Sie die neusten Lohntüten?
Wir sehen erste erfreuliche ­Signale: Die Gehälter der Chefs sind gesunken, etwa bei Nestlé, bei Novartis oder bei der «Zürich». Die Zeit der ­Exzesse mit Boni von bis zu 70 Millionen Franken ist vorbei. Heute ist Roche-Chef Severin Schwan mit knapp 16 Millionen der bestbezahlte CEO.

Wie bitte? Das ist für Sie wenig?
Nein, natürlich nicht. Das ist noch immer mehr als genug. Deshalb haben wir uns auch dagegen ausgesprochen.

Aber ohne Erfolg. Die Aktionäre haben die Chefsaläre mit 99,12 Prozent angenommen.
Ja, weil bei Roche 81 Prozent des Kapitals aus Genussscheinen besteht, die keine Stimmrechte gewähren.

Die nächste Kraftprobe steht bei der CS bevor. Wird Ethos Widerstand leisten?
Den Vergütungs- und Geschäftsbericht wollen wir noch genauer ­prüfen und werden uns dann entscheiden, ob wir die Décharge akzeptieren können. Banken sind wie Wundertüten: Fast im Tagesrhythmus präsentieren sie uns neue Informationen, immer wieder kommen Altlasten zum Vorschein. Deshalb tendieren wir bei den Banken dazu, die Décharge zu verweigern. So bleibt den Aktionären der juristische Weg offen.

Den hat aber bis jetzt noch kein Aktionär ergriffen.
Das stimmt. Aber es ist besser, Nein zu sagen, als mit geschlossenen Augen zuzustimmen. Grundsätzlich denke ich, dass sich der Widerstand lohnt. Er setzt die Verwaltungsräte unter Druck, zwingt sie zum Dialog mit den Aktio­nä­ren. Und sie getrauen sich nicht mehr, alles vorzuschlagen.

Woran denken Sie?
Zum Beispiel an das Doppelmandat. Für Paul ­Bulcke war es jetzt nicht einmal mehr ein Thema: Wird er Nestlé-Präsident, dann wird er den CEO-Posten abgeben. Anders als sein Vorgänger Peter Brabeck, der das Doppelmandat mehrere Jahre innehatte.

Der Aufstieg vom CEO zum Präsidenten ist bei den Angelsachsen verpönt, hier aber beliebt, wie etwa DKSH und Dätwyler zeigen. Stört Sie das nicht?
In diesem Fall ist es wichtig, dass es im Ver­waltungsrat auch starke Gegengewichte gibt, etwa dank starker ­Vizepräsidenten.

*Vincent Kaufmann (36) ist Betriebswirt und ­Con­­t­rolling-­Experte und seit Juni 2015 ­Direktor der Anlage­stiftung Ethos, die für Aktionärsrechte kämpft. Er folgte auf Dominique Biedermann, der nun Präsident ist.

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