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Seedstars 
Alisée de Tonnac – die gute Kapitalistin

Alisée de Tonnac
Alisée de Tonnac: Die Unternehmerin baut mit Geld der Superreichen Start-ups in Schwellenländern auf.Quelle: Maurice Haas

Alisée de Tonnac leistet Entwicklungsarbeit der anderen Art. Mit dem Geld der Superreichen baut sie Start- ups in Schwellenländern auf – und schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe.

Philipp Albrecht
Von Philipp Albrecht
am 15.02.2018
Sie sagt etwas gar oft «Fuck». Zum Beispiel in Form einer klassischen Unmutsbekundung, als sie feststellt, dass sämtliche Zimmer im Co-Working Space besetzt sind und wir keinen Platz fürs Interview finden: «Fuck!» Oder als Ausdruck eines euphorischen Staunens, wenn sie illustrieren will, wie absurd schnell der Internetmarkt in Indien wächst: «Fuck!»
 
Wir treffen die 29-jährige Französin im Seedspace La Chevillarde am südöstlichen Rand des Genfer Stadtteils Eaux-Vives. Junge Leute huschen mit aufgeklappten Laptops in der Hand und Kopfhörern in den Ohren über die knarrenden Holzböden des dreistöckigen Jugendstilhauses. Es ist umgeben von einem verwunschenen Garten, in der Nachbarschaft befindet sich eine internationale Schule. Die Kinder auf der Strasse sprechen englisch – genauso wie die Laptop-Träger im Co-Working Space von Seedstars.
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Wir lassen uns schliesslich auf Klappstühlen im Flur nieder. Halb so schlimm. «Vollbesetzung ist gut», meint Tonnac, «das bedeutet Leben und Community.» Auch so ein Wort, das mehr als einmal aus ihrem Mund kommt. Vor allem wenn sie beschreibt, was Seedstars alles macht, diese junge Firma, die Entwicklungsarbeit mit knallhartem Kapitalismus paart.

Impact Investing

Seedstars führt Konzerne und Schwerreiche zu unternehmerischen Talenten, die in einer investitionsschwachen Welt leben. Das Kapital fliesst in Tech-Start-ups aus Jordanien, Ruanda oder Kambodscha. Als Resultat winken im besten Fall eine monetäre und eine soziale Rendite. Impact Investing ist der Fachbegriff dafür.
 
«Immer mehr Investoren setzen auf dieses Modell», stellt Tonnac fest. Selbst Philanthropen und Stiftungen dächten zunehmend «businessorientiert» und beteiligten sich an Unternehmen. «Das ist eine spannende Verschiebung», sagt sie, «vielleicht sogar das Ende der Philanthropie, wie wir sie bisher kennen.»
Alisée de Tonnac
Stolze Wahlschweizerin: Alisée de Tonnac im Genfer Co-Working Space La Chevillarde.
Quelle: Maurice Haas
Seit 2012 beteiligt sie sich am Aufbau dieses Jungfirmen-Universums. Gegründet wurde es im gleichen Jahr von Pierre-Alain Masson, Michael Weber und Benjamin Benaïm, alle Anfang dreissig. Das Netzwerk setzt sich grob aus vier Teilen zusammen. Da ist die Start-up-Infrastruktur Seedspace mit Co-Working Spaces und angeschlossenen Schlafräumen in 21 Ländern. In der Talentschmiede Seedstars Academy werden Talente aus bildungsschwachen Regionen zu Tech-Unternehmern aufgebaut. Im Start-up-Wettbewerb Seedstars World küren Mentoren und Patrons die besten Firmen. Im Zentrum steht aber der Investmentteil, über den Seedstars fremdes Kapital in Jungfirmen steckt.

Pitchings in 83 Städten

 
Das Unternehmen hantiert dabei auch mit eigenem Geld. Seit der Gründung profitierten bereits 15 Jungfirmen von dieser hauseigenen Frühphasenfinanzierung. Angelockt werden sie über Seedstars World und die Aussicht auf bis zu einer halben Million Dollar Start-up-Geld: «Der Wettbewerb ist unser Aufhänger, um das Netzwerk von Unternehmern, Investoren und Coaches aufzubauen», erläutert Tonnac.
 
Seedstars World ist eine eigene Tochterfirma, die bis vor kurzem von ihr selber geführt wurde. Die Pitchings finden weltweit in 83 Städten statt. Wer die lokale Stufe besteht, gelangt zum regionalen Wettbewerb und schliesslich zum Finale, dem jährlichen Seedstars Summit in Lausanne.
Alisée de Tonnac
Lukratives Start-up-Netzwerk: Alisée de Tonnac und Mitgründer Pierre-Alain Masson (2. v.r.) mit Seedstars-Mitarbeitern bei der Preisverleihung des Start-up-Wettbewerbs Seedstars World 2016 in Lausanne.
Quelle: ZVG
Hier arbeitet Tonnac mit zahlreichen Sponsoren zusammen, einige davon aus der Schweiz, darunter die Genfer Privatbank Edmond de Rothschild, die Uhrenmarke Hublot und die Swisscom. Sie versorgt die Teilnehmer mit Datenpaketen fürs Handy und stellt sich als Mentorin zur Verfügung. Tonnac sei eine «echte Powerfrau», schwärmt David Hengartner, Startup-Förderer bei der Swisscom. «Es ist beeindruckend, was Alisée und ihr Team in den letzten Jahren aufgebaut haben.»
 
Inzwischen ist Tonnac selbst zur Partnerin aufgestiegen. Sie verantwortet nun das Produktemanagement und ist stärker mit investierenden Konzernen in Kontakt. Die drei männlichen Gründer halten sich zurück und stellen die junge Französin noch so gerne ins Rampenlicht. Sie macht derweil Seedstars-Werbung an Start-up-Kongressen. Bis zu acht Vorträge hält sie jeden Monat über sich und ihre Arbeit. Viele ihrer «Speeches» sind auf YouTube abrufbar. Man sieht da eine starke Rhetorikerin mit leichtem Frankoakzent, die ihre Vorträge gerne mit biografischen Anekdoten anreichert.
Alisée de Tonnac
Alisée de Tonnac: Bis zu acht Vorträge hält sie jeden Monat über sich und ihre Arbeit.
Quelle: ZVG
Ihre Geschichte ist beeindruckend. Sie wächst in Frankreich, Singapur und den USA auf. Die Familie – sie hat fünf Geschwister — reist dem Vater nach, der für den luxemburgischen Chiphersteller Gemplus arbeitet und öfter den Arbeitsort wechseln muss. Später macht er sich als Risikoinvestor in London selbständig.

Vermeintlicher Traumjob

 
An den internationalen Schulen fällt Tonnac mit Bestnoten auf. 2005 zieht sie nach Lausanne, wo sie BWL studiert. Dort trifft sie auf die späteren Seedstars-Mitgründer Weber und Benaïm. Es folgt der vermeintliche Traumjob im Produktemanagement von L’Oréal in Mailand. Sie arbeitet für Lancôme und Giorgio Armani. Ein Job, der sie bald frustriert: «Allzu viele Dinge ergaben für mich keinen Sinn», sagt sie heute. Die Arbeitsweise sei ineffizient und unproduktiv gewesen. An den Vorträgen gibt sie oft die Story wieder, wie der CEO eines Tages ins Büro gekommen sei und das Team gefragt habe, wer denn auch in zehn Jahren noch fürs Unternehmen arbeiten wolle. Sie sei die Einzige gewesen, die ihre Hand nicht in die Höhe gehalten habe.
 
An einer Party in Lausanne lernt sie über Weber und Benaïm Pierre-Alain Masson kennen. Der HSG-Abgänger hat als Finanzanalyst und Unternehmensberater gearbeitet und drei Start-ups mitgegründet. Massons Plan, ein globales Netzwerk an Unternehmern aus Schwellenländern aufzubauen, noch bevor er 30 ist, weckt bei Tonnac die Reiselust. Sie kündigt den Job, die Beziehung zu ihrem Freund und reist mit Masson ein Jahr lang um die Welt. Dabei entdecken die beiden das finanzielle Potenzial von Kleinstunternehmen in Ländern, die bislang nicht auf der Karte von internationalen Investoren waren. Nach der Rückkehr und der Gründung von Seedstars verbringen sie ein weiteres Jahr in der nigerianischen Hauptstadt Lagos. Tonnac und Masson scheinen perfekt zu harmonieren: sie das Herz, er das Hirn.
 
Die Aufmerksamkeit als junge und eloquente Unternehmerin führt zu einer grossflächigen Berichterstattung. «Forbes» nimmt sie 2017 in die Liste der wichtigsten Europäer auf. Sie ist jetzt eine der «30 unter 30» im Bereich Social Entrepreneurs. Und ihr Name findet vermehrt Aufnahme in die Nominiertenlisten für Unternehmerpreise.
Alisée de Tonnac
Alisée de Tonnac: Wuchs in Frankreich, Singapur und den USA auf.
Quelle: Maurice Haas

Dass sie bei ihren Vorträgen gewisse Fakten gerne etwas ausschmückt, nimmt man ihr nicht übel. So zitiert sie stets eine Studie über die Smartphone-Nutzung, wonach 2020 acht von zehn Anschlüssen in Schwellen- und Entwicklungsländern (in der Studie als «developing countries» bezeichnet) gemeldet sein würden. Die Schätzung des US-Datendienstleisters IDC bindet aber alle Länder ausser den USA, Japan und Westeuropa in diese Definition mit ein. Seedstars interpretiere «developing countries» als «Volkswirtschaften, die im Bereich Infrastruktur, Ausbildung und Gesellschaft noch nicht komplett entwickelt sind», verteidigt sich Tonnac. Das umfasse rund 85 Prozent der Weltbevölkerung.

Aufstieg dank Handynetz

Die kleine Zuspitzung schmälert das tatsächliche Potenzial ausserhalb des Silicon Valley nicht. Es ist riesig. Getragen werden die Firmen durch die Digitalisierung und den Ausbau des Handynetzes. Man spricht von «Technological Leapfrogging», dem Auslassen eines Entwicklungsschrittes – in diesem Fall der Kupfer- oder Glasfaserkabel für die Internetverbindung.
 
In vielen Ländern wurden solche Leitungen gar nie gebaut. Dafür stellt man heute überall die viel günstigeren Handyantennen auf. Mobile Kommunikation via Smartphone hat sich rasend schnell verbreitet. In einigen afrikanischen Ländern wird häufiger mit dem Handy bezahlt als in Westeuropa. Die meisten Firmen, die von Seedstars-Investments profitierten, bieten Dienste an, die per Smartphone abgewickelt werden können.
Beteiligungen von Seedstars
Mit Zurückhaltung reagiert Tonnac auf die Frage nach der Rentabilität. Seedstars sei profitabel, sagt sie. Man halte die Kosten konstant tief und operiere mit sehr wenig Personal: «Es war essenziell, dass wir vom ersten Tag an Geld verdienen und neue Einnahmequellen finden.» Aus den eigenen Investments, die erst vor drei Jahren begannen, ist bislang noch kein Geld zurückgeflossen: «Es wird noch viel Zeit vergehen, bis wir hier einen Exit sehen werden.» Hingegen würden die Seedspace-Einnahmen rapide ansteigen. Für junge Tech-Unternehmer in Manila, Saigon und Addis Abeba ist ein Ort mit Gleichgesinnten und funktionierendem WLAN Gold wert.
 
Nachhaltiger Erfolg hängt aber vom Netzwerk ab. Die Frage wird sein, ob Tonnac und ihre drei Partner genug Investoren finden, die ihnen vertrauen. Dafür ist der Standort Genf überlebenswichtig. «An idea born in Switzerland», steht auf der Website an prominenter Stelle. Auch wenn sie keine Schweizerin ist, sei sie stolz auf die Herkunft des Unternehmens: «Sie haben ja keine Ahnung, wie wertvoll die Schweizer Neutralität ist.»
 
Da ist es wieder, dieses euphorische Staunen in ihrer Stimme: «Fuck!»
 
Dieser Text erschien in der Februar-Ausgabe 02/2018 der BILANZ.