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Interview 
AHV: «Mehr Wettbewerb würde dem System gut tun»

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Altersvorsorge: Ein neuer Weg zur Reform muss gefunden werden - unbedingt. Keystone

Die Altersvorsorge 2020 ist an der Urne deutlich gescheitert. Warum es im nächsten Anlauf zwei Projekte braucht und was Junge heute tun sollten, sagt Experte Martin Janssen.

Von Julia Fritsche
2017-09-25

Herr Janssen*, die Stimmbürger haben die Altersvorsorge 2020 abgelehnt. Hat Sie das deutliche Nein überrascht?
Nein, im Vorfeld hatte ich sogar auf 56 Prozent Nein-Anteil getippt und wurde dafür auch belächelt.

Was waren die Gründe für die deutliche Abfuhr?
Es gab wohl nicht den Grund, sondern eine Vielzahl von Gründen. Junge etwa haben sich gegen höhere Lasten in der Zukunft gewehrt, linke Frauen protestierten gegen die Erhöhung des Frauenrentenalters. Dann war die Vorlage aber auch zu überladen und die Ziele zu wenig klar. Und zuletzt haben Stimmbürger wohl auch gemerkt, dass die beiden Säulen nicht stabilisiert, sondern im Gegenteil weiter destabilisiert worden wären.

Geht mit der Abfuhr an die Reform nun wertvolle Zeit verloren?
Ja, aber diese Zeit braucht es, und sie muss jetzt richtig genutzt werden. Den wirklichen Zeitverlust hat es in den letzten fünf Jahren gegeben, in denen Bundesrat Alain Berset und das Bundesamt für Sozialversicherungen BSV keinen guten Vorschlag zustande gebracht hat.

Ist das System überhaupt reformierbar?
Es ist sicherlich schwierig, aber eine Reform ist ein Muss. Dafür sorgt nur schon die demografische Entwicklung: Die Leute werden immer älter, und der Bevölkerungsaufbau verändert sich. Der Druck auf die Altersvorsorge steigt.

Am Sonntag war der Druck noch nicht hoch genug?
Der Druck war und ist sehr hoch. Das zeigt, wie schlecht die Vorlage tatsächlich war, dass sie abgelehnt wurde. Aber auch bei der nächsten Vorlage werden nicht alle Leute zufrieden sein. Es wäre jedenfalls schön, wenn schon bald über eine Vorlage abgestimmt werden kann, welche die tatsächlichen Probleme anspricht und bei der die Stimmbürger korrekt informiert werden. Die Lösung dürfte in einem Paket von Massnahmen liegen. Ich würde mir, unter anderem, viel mehr Autonomie und weniger Regulationen für die Pensionskassen und ein völlig individuelles Pensionierungsalter ab 62 wünschen. Arbeiten im Alter muss attraktiver werden.

Wer soll bei einem neuen Reformprojekt die Führung übernehmen?
Eigentlich sind es zwei neue Projekte. Die Reform der AHV und der 2. Säule sollte unabhängig gestaltet werden. Beide haben zwar gemein, dass wir länger arbeiten oder mehr sparen müssen. Darüber hinaus braucht es aber unterschiedliche Lösungen. Wichtig wäre auch, dass neue Entwürfe nicht nur von den politischen Kräften ausgearbeitet werden, sondern auch Wissenschaftler inhaltlich dazu beitragen.

Welche Vorbilder gibt es für die Schweiz international?
Einst war die Schweiz selbst Vorbild. Jetzt aber sind viele Länder der Schweiz ein paar Schritte voraus. Schweden, Polen und auch einige Länder in Südamerika machen es heute besser. In Schweden etwa hat man bereits in den 1990er Jahren radikal umgebaut und automatische Stabilisatoren eingeführt. Diese halten das System längerfristig im Gleichgewicht. Solche Ideen täten der Schweiz heute gut.

Soll die private Vorsorge stärker gewichtet werden?
Wünschenswert für die Pensionskassen wären mehr Autonomie, mehr Freiheit und mehr Transparenz. Und mehr Wettbewerb würde dem System auch gut tun. In der dritten Säule braucht es viel tiefere Kosten, beispielsweise über weniger Zutrittsbarrieren. Es braucht aber ebenso viel mehr Transparenz.

Was raten Sie jungen Menschen nach dem Entscheid vom Sonntag?
Junge müssen ihre Vorsorge selbst in die Hand nehmen. So sollten sie das Maximum in die 3. Säule einzahlen und so auch von Steuerabzügen profitieren. Wenn immer möglich, sollten sie darüber hinaus weiter sparen und diversifizierte reale Aktiva, zum Beispiel Aktien, kaufen. Auch Unternehmer können oft einfacher vorsorgen. Damit können sie sich vor zukünftigen Veränderungen bei der Altersvorsorge schützen. Ansonsten könnten sie in Zukunft zu den Verlierern zählen.

* Martin Janssen, emeritierter Professor für Finanzmarktökonomie an der Universität Zürich und Unternehmer.

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