1. Home
  2. People
  3. 459 Milliarden Franken: Die armen Reichen

 
459 Milliarden Franken: Die armen Reichen

Die Finanzkrise hat auch die 300 Reichsten der Schweiz erreicht: 70 Milliarden Franken haben sie innerhalb eines Jahres verloren. Es bleibt reichlich übrig – zusammen besitzen sie immer noch 459 Milliarden.

Von Stefan Lüscher
05.12.2008

«Streichen Sie in der BILANZ gross heraus, dass in der Finanzkrise auch wir Reichste viel Geld verloren haben.» Der Ratschlag kommt von einem, der es wissen muss: Der Tessiner Vollblutinvestor Tito Tettamanti hat über die letzten zwölf Monate in seinen ­eigenen Wertschriftendepots schätzungsweise 200 Millionen Franken verloren.

Ein Klacks im Vergleich zu jenem Betrag, um den die 300 Reichsten ärmer geworden sind: Nicht weniger als 70 Milliarden Franken mussten sie insgesamt abschreiben. Zu einem guten Teil handelt es sich dabei zwar nur um Buchverluste. Dennoch ist dies eine gewaltige Summe. Müssten alle Einwohner der Schweiz diesen Vermögensschwund gemeinsam tragen, hätte der Einzelne ein Defizit von rund 10  000 Franken zu verkraften.

Dennoch gilt es, den Verlust zu relativieren. Noch im Jahr 2007 sind die 300 Reichsten um total 74 Milliarden reicher geworden. Und auch nach dem Milliardenschwund dieses Jahres besitzen sie mit 459 Milliarden Franken einen kaum vorstellbaren Wohlstand (siehe «70 Milliarden weg» auf Seite 70). Jeder der 300 Reichsten besitzt im Durchschnitt 1530 Millionen Franken. Würde das Füllhorn mit dieser Summe gefüllt und dann über die Schweiz ausgeleert, erhielte jeder Bürger 65  570 Franken.

KRISE ERST IM ANZUG. Der Vermögensrückgang auf 459 Milliarden entspricht einer Einbusse von 13,2 Prozent. Damit sind die 300 Reichsten vergleichsweise glimpflich über die Runden gekommen – zumindest in Relation zum Kursverlauf an der Schweizer Börse. Denn der Swiss Market Index ist über die vergangenen zwölf Monate gegen 40 Prozent abgestürzt. Den grössten Vermögensschwund haben denn auch jene Reichsten zu beklagen, deren Besitztum sich hauptsächlich aus kotierten Aktien zusammensetzt.

Die zehn Personen und Familien mit den heftigsten Einbussen verloren zusammen nicht weniger als 28,5 Milliarden Franken – und mit Ausnahme der C&A-Brenninkmeijers, deren (ausländische) Immobilien drei Milliarden an Wert verloren, waren alle Vermögensrückgänge eine Folge des Börsencrashs. So sind bei Otto Beisheim wegen des ­Absturzes der Metro-Aktien, bei Klaus-Michael Kühne als Resultat der Kursschwäche seiner Aktien von Kühne + Nagel und bei Thomas Schmidheiny wegen des Niedergangs der Holcim-Titel drei Milliarden Franken verdampft – pro Kopf (siehe «Die grössten Absteiger» auf Seite 198). Stichtag für die letzten Korrekturen an den Vermögensschätzungen war der 14.  November 2008; seither haben die Börsen nochmals kräftig nachgegeben.

Das (finanzielle) Wohlergehen der Mehrheit der 300 Reichsten ist allerdings nicht oder nur zu einem geringen Teil vom Börsenverlauf abhängig. Deshalb ist bei vielen der Vermögendsten die Finanzkrise noch gar nicht richtig angekommen. Nicht wenige haben ihr Geld grösstenteils in Immobilien angelegt, und da halten sich die Preise auf hohem Niveau – zumindest im Schweizer Markt. Auch bei den Kunsthändlern und -sammlern drängte sich keine Vermögenskorrektur auf; der internationale Kunstmarkt kam erst in der jüngsten Vergangenheit ins Rutschen.

Die sich abkühlende Konjunktur hat zwar auch viele Vermögen unter den 300 Reichsten geschmälert, wirkte sich bislang dennoch nur mässig in niedrigeren Schätzungen aus. Die Uhrenbranche beispielsweise, die seit 2004 ein Rekordjahr nach dem anderen meldet, erwartet für 2008 ­einen neuen Glanzpunkt. Üblicherweise hätten die BILANZ-Rechercheure die Vermögen einiger Aktionärsfamilien der Uhrenindustrie leicht erhöht. Seit Oktober jedoch mehren sich die Anzeichen, dass es mit dem Boom in der Uhren- und Luxusgüterbranche vorbei ist oder sich das Wachstum deutlich abschwächt.

16 NEUE REICHE. Die Börse jedenfalls sieht eine eher düstere Zukunft und hat die Aktienkurse von Swatch und Richemont in den Keller geschickt: Das Vermögen der bei Swatch tonangebenden Familie Hayek ist deswegen um enorme 2,75 Milliarden Franken geschrumpft, Richemont-Chef Johann Rupert wurde – auf dem Papier – um denselben Betrag ärmer. Dabei hat der Luxusgüterkonzern für die Periode April bis September 2008 ein gutes Semesterergebnis vorgelegt.

Die Aktien der meisten Industrie- und Dienstleistungsunternehmen sind ebenfalls arg unter die Räder gekommen. ­Dahinter steckt oft ein etwas gar grosser Pessimismus der Börsianer. Psychologische Faktoren spielen bei der Bewertung von nichtkotierten Unternehmen, die sich im Besitz der 300 Reichsten befinden, keine Rolle. Dabei wird eine betriebswirtschaftliche Rechnung angewandt, die sich aus ­einer Ertrags- sowie einer Substanzwert­betrachtung zusammensetzt. Zwar werden auch die Aussichten für das Geschäftsjahr 2009 ­berücksichtigt, doch lange nicht in dem Ausmass, wie die Börse diesen Faktor ­gewichtet. Dies führte dazu, dass gerade viele Familienunternehmer unter den 300 Reichsten nicht oder nur geringfügig an Vermögen verloren haben; manche ­Firmen haben bislang erst die Vorboten der Konjunkturschwäche zu spüren ­bekommen.

Unter den Reichsten sind lediglich ­eine Handvoll von Gewinnern auszumachen (siehe «Die grössten Aufsteiger» auf Seite 191). Mit Ausnahme von Hansjörg Wyss, der dank dem höheren Synthes-Aktienkurs um eine Milliarde zulegte, mussten die Vermögen der Aufsteiger wegen Spezialsituationen angehoben werden. Beispiel Erich und Helga Kellerhals: Bei den Media-Markt-Teilhabern tauchte bei der Recherche ein Sparstrumpf auf, Kontostand drei Milliarden Euro. Oder Juri Shefler wurde, zumindest theoretisch, um zwei Milliarden Franken schwerer; der Exilrusse erhielt für eine der in seinem Besitz stehenden Wodka-Marken, Stolichnaya, von Pernot-Ricard ein drei Milliarden Franken dickes Angebot – alleine für die weltweiten Vertriebsrechte. Shefler lehnte ab.

Bei den zehn Reichsten überwiegt die Vermögensschmelze. Die Finanzkrise hat den Top Ten 16 Milliarden Franken weggebrannt. Konstanz dafür beim alten Schweden, dem Ikea-Möbelhändler Ingvar Kamprad; der seit Jahren reichste (Wahl-)Schweizer und seine Familie nennen 35 bis 36 Milliarden Franken ihr Eigen. Wie im Vorjahr belegen die Roche-Mehrheitsaktionäre Hoffmann und Oeri sowie die C&A-Textildynastie Brenninkmeijer die Ränge zwei und drei – obwohl beide Clans zusammen fünf Milliarden weniger an Vermögen auf die Waage bringen. Neu in die Zehnerspitze vorgestossen sind die Liebherrs, Eignerfamilie des gleichnamigen Baumaschinenkonzerns aus Bulle; sie verdrängten den börsen­geschädigten Klaus-Michael Kühne.

16 neue Reichste haben die Rechercheure diesmal geortet. Diese besitzen je mindestens 100 Millionen Franken; so viel ist für den Zugang in die Liste der 300 Reichsten gefordert. Der klangvollste Name unter den Neulingen ist jener von Roger Federer; mit einem Vermögen von 100 bis 200 Millionen fand er Aufnahme – nicht in erster Linie wegen ­seiner Tennis-Preisgelder, sondern dank dem Nike-Werbevertrag über 130 Millionen Dollar. Kaum weniger klangvoll ein weiterer neuer Name: Uli Sigg, einstige China-Speerspitze Schindlers, Ex-Botschafter der Schweiz in Peking, zu mehr als 200 Millionen Franken gekommen durch den Verkauf einer Medizinaltechnikfirma. Ein exotischer Zugang ist Karl Johannes Nepomuk Joseph Norbert Friedrich Antonius Wratislaw Mena Fürst zu Schwarzenberg, kurz Karl Schwarzenberg. Der amtierende Aussenminister der Tschechischen Republik, nach eigenen Worten ein «Mitteleuropäer mit Schweizer Pass», hat das Zürcher Bürgerrecht geerbt – wie auch immense Ländereien, Schlösser und weitere Immobilien in Österreich, Deutschland sowie Tschechien.

SIEBEN MILLIARDÄRE WENIGER. Wo neue Reichste in eine auf 300 Namen begrenzte Liste Eingang finden, müssen andere weichen. Einige sind weggezogen wie der oberste Lego-Klötzchenspieler Kjeld Kirk Kristiansen, der von Zug in Europas Norden zügelte. Oder die Krombacher-Brauerin Barbara Lambrecht-Schadeberg, die im Waadtland ihre Koffer packte und zurück nach Deutschland zog. Andere haben derart viel Vermögen eingebüsst, dass sie aus der Liste gestrichen werden mussten. Ulrich Rotermund weht eine steife Brise ins Gesicht; der von seiner Mutter gegründete Erotikkonzern Beate Uhse liefert nur noch schlaffe Erträge, die Aktien sind völlig entkräftet. Nicht mehr aufgeführt wird Heliane Canepa, die ihren Chefsessel bei Nobel Biocare räumen musste (siehe auch «Wurzelbehandlung» auf Seite 48). Sie hält, wenn überhaupt, wohl nur noch wenige Aktien des Zahnimplantateherstellers, doch dürfte sie erst ausgestiegen sein, als sich die Valoren schon längst im Sinkflug befanden. Aus der Liste gefallen ist zudem die Familie Ineichen. Der FDP-Haudegen Otto Ineichen hat eine Erbteilung vorgenommen; das Vermögen ist nun auf zahlreiche Verwandte verteilt, davon wohnen einige im Ausland.

Vor Jahresfrist umfasste das Reichsten-Register 120 Milliardäre, nun sind es noch deren 113. Damit verfügt die Schweiz ­unverändert über eine hohe Dichte an Milliardären. Das US-Wirtschaftsmagazin «Forbes» ortet weltweit 1125 Milliardäre, jeder zehnte wohnt also in der Schweiz. Als BILANZ erstmals über die Reichsten berichtete, wurden erst 32 Milliardäre gezählt. Das war 1989. Sie halten nun die 20.  Ausgabe der 300 Reichsten in den Händen. Aus Anlass dieses Jubiläums finden Sie auf den nächsten Seiten nicht nur die Porträts der Vermögendsten, sondern auch eine Rückschau auf 20 Jahre Reichsten-Berichterstattung.

Anzeige