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Steuerpolitik 
Wie Zürich seine reichen Jungunternehmer vergrault

Die 100 Reichsten unter 40 zeigt eine beeindruckende Leistungsschau der Schweizer Start-up-Szene. Rund die Hälfte der Porträtierten kommt aus diesem Bereich. Die Zürcher Behörden wissen das zu nutzen.

Zum zweiten Mal präsentiert die «Bilanz» die 100 reichsten Schweizer unter 40. Wie bei den 300 Reichsten der Schweiz wurde versucht, das Vermögen der jungen Reichen zu schätzen. Doch die Vermögensberechnung beim Nachwuchs war schwierig. Wir haben es dennoch gewagt. Entstanden ist eine beeindruckende Leistungsschau der Schweizer Start-up- und Jungunternehmer-Szene - rund die Hälfte der 100 Porträtierten kommt aus diesem Bereich. Einer von ihnen ist Tej Tadi.

Dank ihm hat nun auch die Schweiz ihr erstes «Unicorn»;  als Einhorn wird ein Start-up bezeichnet, das eine Bewertung von über einer Milliarde Dollar aufweist. Dafür gesorgt hat die Hinduja Group: Der indische Mischkonzern ist bei MindMaze eingestiegen und hat für ein Drittel der Anteile so viel bezahlt, dass der Wert des Unternehmens mit über 50 Beschäftigten in Lausanne, Zürich und San Francisco eben auf gut eine Milliarde gestiegen ist.

Dutzendfacher Millionär

Hinter dem 2011 gegründeten und 2013 von der EPFL Lausanne abgespaltenen Start-up steht der im indischen Hyderabad aufgewachsene 35-jährige Tadi. Forschungsarbeiten an einer Brennstoffzelle führten ihn nach Lausanne, wo er auch noch das Doktorat absolvierte.

Später mauserte der Elektroingenieur sich zum Neurowissenschaftler und forschte an der EPFL im Bereich der Körperwahrnehmung mit den Methoden der virtuellen Realität. Das Resultat sorgt international für Aufsehen: MindMaze vereint 3-D-Technologien und Robotik, die bei der Rehabilitation von Patienten mit neurologischen Störungen helfen sollen. Durch den Einstieg von Investoren ist Tej Tadis Anteil zwar stark gesunken. Doch der 35-Jährige, der vom World Economic Forum in den Club der Young Global Leaders berufen wurde, ist immer noch dutzendfacher Millionär. Sein Vermögen wird zwischen 20 und 50 Millionen Franken geschätzt.

Kühe, die es zu melken gilt

Tej Tadi ist nur einer von vielen unter den reichsten Schweizer unter 40, der es mit seinem Start-up bis ganz nach oben geschafft hat. Wer den Enthusiasmus und die Professionalität der Gründer dabei beobachtet, erkennt schnell: Hier liegt nicht das Problem. Das Problem liegt vielmehr bei den Behörden. Besonders der Kanton Zürich tut sich unrühmlich hervor: Er sieht Jungunternehmen vor allem als Kühe, die es zu melken gilt.

Lange wurde der Wert eines Start-up tief bemessen, indem der Fiskus eine Mischung aus Substanz- und Ertragswert als Grundlage nahm. Doch dann wurde vor etwa drei Jahren plötzlich der viel höhere Verkehrswert als Basis genommen. Wenn sich ein Unternehmen frisches Geld bei einem Investor holte, stieg der Unternehmenswert – und damit auch die Steuerbelastung. Eine bessere Politik der Vertreibung aus der grössten Schweizer Metropole kann es kaum geben. Zwar wurde die Steuerpraxis jüngst auf heftigen Druck etwas abgemildert, der hohe Verkehrswert kommt erst ab dem vierten Jahr zur Anwendung.

Zu hohe Steuerlast für Start-ups

Doch im internationalen Vergleich steht Zürich steuerpolitisch noch immer schlecht da. Laut «Bilanz»-Recherchen überlegen sich mehrere Start-ups den Wegzug – so zum Beispiel Christoph Gebald. Der 33-Jährige führt die prominenteste Jungfirma der Schweiz.

Das 2009 gegründete ETH-Spin-off Climeworks hat ein Gerät am Start, das CO2 aus der Luft saugt. Damit will Gebald bis in zehn Jahren ein Prozent des gesamten Kohlendioxidausstosses reduzieren helfen. Hauptpartner ist Audi. Gebald und Mitgründer Jan Wurzbacher sind schon nahe am Promistatus. Doch am Start-up-Standort Zürich ziehen dunkle Wolken auf. Die Steuerpolitik des Kantons macht den beiden, die sich je nur 100’000 Franken Lohn auszahlen, das Leben schwer. Sie liebäugeln jetzt mit dem Standort Berlin.

Berlin und London freuen sich

Die deutsche Hauptstadt freut sich ebenso über die Zürcher Steuerpolitik wie Städte wie London. Sie locken mit Innovationsparks, Zuschüssen, Steuerermässigungen. Sogar das Fürstentum Liechtenstein wirbt um Schweizer Fintechunternehmen.

Eine Besonderheit hat Zürich noch zu bieten: 2008 stimmte die Stadt mit gros­ser Mehrheit für die Einführung der 2000-Watt-Gesellschaft. Spätestens ab 2050 soll jeder Bürger nur noch 2000 Watt verbrauchen dürfen. Der Durchschnittswert liegt heute schon bei mehr als 6000 Watt, und Digitalisierung und Robotisierung dürften ihn weiter massiv nach oben treiben. Es gibt eben viele Wege, um Start-ups zu vergraulen.

(ds/ccr)

 

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