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Erbinnen: Töchterwirtschaft

Reich, jung, verwöhnt, vergnügungssüchtig. Ein Klischee. Denn immer mehr Töchter aus reichem Haus wollen nicht mehr nur Papas Geld ausgeben, sondern im Familienbetrieb eine Führungsrolle spielen.

Von Stefan Lüscher
30.05.2011

Mein Vater hat mich und meine zwei Schwestern nie unter Druck ­gesetzt, in die Firma einzusteigen. Schon von ganz klein auf hat er uns immer wieder gesagt, es sei weitaus besser, ein glücklicher Strassenkehrer zu sein als ein unglücklicher Anwalt.» Giorgia Tarchini muss bei dieser Erinnerung lachen. Und meint dann leiser: Der fehlende Druck des Familienoberhaupts sei wohl der Grund dafür, «dass wir heute alle im Betrieb arbeiten».

«Wir alle», das sind die drei Tarchini-Schwestern. Alexandra (42) ist Personalchefin und betreut einen Teil der sechs ­Restaurants, Nadja (38) ist für den laufenden Betrieb des Outlet-Centers Foxtown verantwortlich. Giorgia ist mit 32 Jahren das Nesthäkchen; dennoch ist sie verantwortlich für die Administration im Unternehmen, das von ihrem Vater gegründet wurde. Der Tessiner Silvio Tarchini (67) stellte Anfang der achtziger Jahre fest, dass in der Südschweiz zu wenig Gewerbefläche vorhanden war. Vor allem international ­tätige Firmen beklagten sich. So liess er in Bioggio, Manno und Mendrisio im Schnellzugstempo riesige Gewerbebauten hochziehen – nicht schön, dafür zweckmässig. Zu seinen zahlungskräftigsten Mietern gehören italienische Modehäuser.

Vom Job angefressen. Und so kam Tarchini 1995 auf eine glanzvolle Idee: In Mendrisio eröffnete das Factory-Outlet Foxtown, das inzwischen gewaltige ­Dimensionen angenommen hat: In 160 Läden werden auf einer Fläche von 30 000 Quadratmetern 250 hochklassige Luxusmarken aus der Schmuck- und Modewelt angeboten. Der Erfolg hält an, sogar aus Italien werden Touristen, vor allem Chinesen und Japaner, zum exklusiven Shopping herangekarrt. 2006 eröffnete Tarchini ein Foxtown in Shanghai. Doch China ist nicht die Schweiz. «Das Zentrum in Shanghai läuft nicht so gut wie Mendrisio, doch befriedigend», sagt Giorgia Tarchini.

Nach einer längeren Pause fügt sie nachdenklich an: «Wir mussten erkennen, dass es gar nicht so einfach ist, ein solches Projekt in China durchzuziehen.» So hatte die Familie gegen lokale, ziemlich unverfrorene Kopisten anzukämpfen; in Shanghai gab es schon ein Foxtown, das nicht nur die Idee und den Namen, sondern sogar das Logo mit dem liegenden Fuchs kopiert hatte. Auch ist es nicht unproblematisch, ein Outlet im fernen China aus dem Tessin zu steuern. Nun will Silvio Tarchini seine Beteiligung von 51 Prozent verkaufen, falls der Preis stimmt. Übrigens eröffnete jüngst in der Nähe von Mailand ein Zentrum mit dem Namen Fox City – gleiches Konzept, gleiches Logo, chinesischer Betreiber. «Jetzt haben wir unsere Anwälte darauf angesetzt», so Giorgia Tarchini.

Sonst brummt das Geschäft. In der Verwaltung der beiden Foxtowns, in den Restaurants sowie im umfangreichen Immobiliengeschäft arbeiten 150 Personen. Silvio Tarchini hält als CEO und Präsident alle Fäden in der Hand. «Ich bin seine rechte Hand, und wir drei Töchter sitzen in den Verwaltungsräten aller Firmen», erläutert Giorgia. Sie erbt eines Tages wohl den CEO-Posten. Weshalb gerade die Jüngste? Die Juniorchefin drückt sich um eine Antwort. Aus ihrem Umfeld heisst es, sie sei ihrem Vater am ähnlichsten und, wie er, von ihrem Job angefressen. «Ich liebe meine Arbeit. Nach der Geburt meines Sohnes ging ich bereits nach vier Wochen wieder ins Büro», sagt sie. Inzwischen ist Giacomo fünf Jahre alt. Er bestimmt immer noch ihren Tagesablauf; von 8.30 bis 15 Uhr sitzt sie ohne Unterbruch im Büro, ­danach holt sie ihn vom Kindergarten ab, am Abend arbeitet die 32-Jährige noch einige Stunden zu Hause. «Es ist alles nur eine Frage der Organisation. Ich bringe Familie und Arbeit gut unter einen Hut», sagt Giorgia Tarchini.

Das Dreimädelhaus aus dem Tessin steht als Beispiel für eine neue Generation von reichen Töchtern. Wo ausschliesslich Mädels heranwachsen, ist die familiär geregelte Nachfolge zwangsweise weiblich. Einst allerdings war es durchaus üblich, dass Erbinnen im väterlichen Betrieb höchstens Staffage waren, dafür ihre Ehemänner Führungspositionen besetzten. Inzwischen jedoch haben reiche Erbinnen neuen Ehrgeiz ent­wickelt: sich als Managerin im Familienunternehmen zu beweisen. Doch auch in Familien mit Sprösslingen beider Geschlechter ist es längst nicht mehr in Stein gemeisselt, dass der Sohn die Firma übernimmt. Gerade männliche Nachkommen grenzen sich gerne gegen den – meist dominanten – Vater ab und gehen ihre eigenen Wege.

Am Anfang war das Jäten. Nicht selten steht der Sohn noch so gerne zurück, überlässt seiner Schwester den Vortritt. So geschehen bei der Zürcher Spross-Gruppe. Werner Spross, der sich vom Gärtnerlehrling zum schweizweit grössten Gartenbauunternehmer hochschaufelte, hatte keine Kinder. Also band der «Gärtner der Nation» 1998 seine Neffen Heinz und Jürg Spross in die operative Führung ein. Als Werner Spross 2004 verstarb, war die Nachfolge gesichert. Heinz Spross ist Mehrheitsaktionär und Delegierter des Verwaltungsrats; Jürg dagegen stieg bereits 2003 im Krach mit seinem Onkel aus.

Zusammen mit Heinz Spross in der Geschäftsleitung sitzt Tochter Natalie Spross Döbeli. Für sie ist der Betrieb seit Kindsbeinen Teil ihres Lebens; schon als Teenie ging sie in der Baumschule jäten, später kamen administrative Arbeiten dazu. «Ich habe mein Wirtschaftsstudium bewusst in Zürich und nicht in St. Gallen gemacht. Denn ich wollte ­nebenbei im Unternehmen mitarbeiten», erinnert sie sich. Nach dem Studium und einem Zwischenspiel bei der Bodenbelagsfirma Forbo ging sie mit ihrem Mann, einem Elektroingenieur, auf eine Weltreise. Der Tod ihres Grossonkels bewog sie, früher als geplant, Anfang 2005, endgültig bei Spross einzusteigen. Sie läutete beim traditionellen Unternehmen einen Kulturwandel ein und positionierte die Gesellschaft als Dienstleister. In den drei Bereichen Garten- und Landschaftsbau, Muldenservice und Entsorgung sowie Immobilien erwirtschaften 160 Mitarbeiter einen Umsatz von rund 70 Millionen Franken.

Die Nachfolgeregelung steht bereits fest: Die 33-Jährige wird von ihrem Vater die operative Leitung übernehmen. Nicht in Betracht dafür kam ihr Bruder Marcel Spross (36), gelernter Landwirt mit KV-Abschluss. Bereits als 14-Jähriger hatte er verkündet, er wolle die Firma dereinst auf keinen Fall führen. «Mein Bruder hat mit administrativen Aufgaben nichts am Hut, viel lieber arbeitet er draussen», sagt Natalie Spross. Und so ist er beim Fami­lienunternehmen für den Gartenbau ­zuständig. Zu Reibereien komme es zwischen ihnen nicht. «Wir sind höchst unterschiedlich, doch wir haben es gut zusammen», meint die Schwester.

Die Vizechefin hat eine zweijährige Tochter. «Die Doppelrolle ist organisatorisch eine Herausforderung», meint sie lachend. Im Schnitt arbeitet sie drei Tage im Unternehmen. Ist sie nicht im Betrieb, «telefoniere ich täglich mindestens zwei- oder dreimal mit meinem Vater». Ihn ­erlebt sie als «höchst angenehmen Chef», auch wenn manchmal die Emotionen hochkochen. Sie ist froh, dass er immer noch in der Firma ist; sein Netzwerk und seine Erfahrung seien Gold wert. Dennoch freut sich Natalie Spross auf die Übergangsphase, «wo ich laufend mehr Verantwortung übernehme und meinen Vater als Sparringspartner habe». Der ­Patron wird im Oktober nächsten Jahres 65 Jahre alt; Ende 2012 will er sich definitiv aufs Präsidium zurückziehen.

Vom Übervater erdrückt. Nicht überall geht der Generationenwechsel so reibungslos über die Bühne. Gerade in ­gros­sen Familienunternehmen, wo der Patron nicht loslassen kann, haben es Nachkommen schwer – insbesondere Töchter. Der deutsche Unternehmer Reinhold Würth hat die von seinem Vater 1945 gegründete Zwei-Mann-Schraubenhandlung Adolf Würth GmbH & Co. KG zum weltweit führenden Handelsimperium für Montage- und Befestigungs­material aufgebaut: In über 400 Gesellschaften in 84 Ländern erarbeiten gut 64 000 Mitarbeiter 8,6 Milliarden Euro Umsatz. Eine wichtige Niederlassung befindet sich in Chur; von hier aus wird der Zentraleinkauf erledigt, hier hat auch die Holding ihren Sitz. In der Schweiz verschrauben gegen 1500 Beschäftigte einen Umsatz von 709 Millionen Euro.

Reinhold Würth ist ein Patron alter Schule. Sein ganzes Leben dreht sich um die Firma, am häuslichen Esstisch gab es nur ein Thema. Die Töchter Marion und Bettina sowie Sohn Markus kamen neben dem Übervater kaum zum Atmen. Eines Tages legte sich Bettina quer: In der elften Klasse schmiss sie die Schule, zog nach München in eine Wohngemeinschaft und arbeitete als Praktikantin in einem Kindergarten. «Ich war ein sehr rebellisches Kind», meinte sie Jahre danach gegenüber BILANZ. Als sie 23 Jahre alt war, schaffte es Vater Reinhold Würth, seine Zweitgeborene nicht nur zur Rückkehr, sondern auch zu einer Lehre im Betrieb zu überreden. Bettina musste, ungeachtet ihrer Herkunft, den Beruf der Industriekauffrau von der Pike auf erlernen.

Bettina Würth schlug sich gut – so gut, dass ihr der Vater vor fünf Jahren den Vorsitz im Beirat überliess, dem obersten Überwachungsorgan im Konzern. Die Konkurrenz zeigte sich bass erstaunt. Nicht, dass man der heute 49-Jährigen die nötigen Qualitäten absprach – im ­Gegenteil. Oder dass die Auswahl an Nachfolgern gering war; Markus ist nach einer Schutzimpfung pflegebedürftig, Marion will von Schrauben nichts wissen, sie führt einen Bauernhof. Doch der Senior liess nie einen Zweifel daran, was er von Frauen im Unternehmen hält. ­Öffentlich polterte er, Frauen hätten im Geschäftsleben nichts zu suchen, sondern sich um Küche und Kinder zu kümmern. Bettina Würth hat bewiesen, dass sich beides verbinden lässt. Sie ist Mutter von vier Kindern und verheiratet mit dem Davoser Hotelierssohn Markus Rusch, der ebenfalls im Unternehmen arbeitet.

Ganz der Papa. Keinen leichten Stand hatten auch die Blocher-Kinder gegen ihren dominanten Vater. Die Kinder des SVP-Haudegens hatten sich ihr Erbe teuer zu erkaufen. Die Älteste, Magdalena Martullo-Blocher, musste sich für den Kauf ihres Ems-Chemie-Aktien­pakets schwer verschulden. Doch sie verfügt über das unternehmerische Talent und den harten Kopf ihres Vaters: Die 41-Jährige hat sich als eigenständige, ­erfolgreiche Unternehmerin positioniert.

In den Managementetagen der weit verzweigten sozialen Unternehmensgruppe Aga Khan Development Network hat es ebenfalls weiblichen Familiennachzug gegeben. Karim Aga Khan, geistliches Oberhaupt von weltweit 20 Millionen Ismailiten, betätigt sich als Mäzen, Pferdezüchter, Bankier und Unternehmer. Prinzessin Zahra Aga Khan, 1970 in Genf geboren, ist das älteste Kind seiner Hoheit. Die Mutter von zwei Kindern ist nach dem Abschluss ihres Studiums an der Harvard University im Jahr 1994 ins Sekretariat der Unternehmensgruppe eingestiegen. Längst hat sie auch operative Arbeiten übernommen, leitet Wohlfahrtseinrichtungen und sitzt in diversen Verwaltungsräten.

Einen Sitz im Aufsichtsgremium der Familienfirma, der auf kleinste Präzisionsmotoren spezialisierten Maxon Motor aus Sachseln, hält auch Bianca Braun. Operativ will sie beim Vater Karl-Walter Braun vorderhand nicht auftreten; seit mehreren Jahren beschäftigt sie sich bei Malik Management im Kompetenzzentrum für Familienunternehmen.

Aus dem Rollenschema Vater/Tochter heraus fällt die Ablösung bei Doetsch Grether. Das Basler Grosshandelshaus für kosmetische und pharmazeutische Spezialitäten befindet sich schon seit langem in Frauenhand. Als Hans Grether 1975 erst 63-jährig starb, übernahm kurzerhand seine Gattin Esther die Unternehmensführung. Die Chefin, einst vom Patron als Direktionsassistentin angestellt und drei Jahre später gefreit, baute die Firma konsequent aus und schuf sich ein milliardenschweres Vermögen, das auch in einer berühmten Kunstsammlung sowie in der 7,5-Prozent-Beteiligung an Swatch angelegt ist. Tochter Susanne (37) geht ihr dabei als Verwaltungsrätin und Mitarbeiterin im Unternehmen zur Hand. Sie wird eines Tages die Firmen­leitung übernehmen. Doch noch sieht sie sich und ihre Mutter als starkes Führungsduo. Männer seien in der Regel rationaler veranlagt und versuchten, vieles anhand eines Schemas durchzuziehen, meinte sie einst zu BILANZ. «Meine Mutter und mich interessieren solche Schemata nicht. Es muss einfach gut funktionieren», sagte Susanne Grether. «Genau darum kümmern wir Frauen uns ja auch zu Hause.»

Manch reiche Tochter entwickelt einen Ehrgeiz, der nicht in die vom Vater gewünschte Richtung geht; sie will nichts davon wissen, dereinst die Firma zu führen. Diese Erkenntnis ist für den Patron vor allem dort schmerzhaft, wo zwar mehrere Töchter heranwachsen, dennoch jede ihren eigenen Weg gehen will. Das musste Tito Tettamanti am eigenen Leib erfahren. Der Tessiner hat die Fidinam Group zur schlagkräftigen Treuhand­gesellschaft aufgebaut sowie ein dick ­gefülltes Beteiligungsportfolio geschaffen. Doch seine Töchter haben einen genauso harten Kopf wie ihr Vater, schon früh sind sie eigene Wege gegangen: ­Antonella ist Dolmetscherin und Hausfrau, Sabina Psychologin und Ira Architektin. Und keine hat je Anstalten gemacht, in die Fussstapfen des Vaters zu treten.

Gescheiterte Einbindung. Heute meint Tito Tettamanti, er sei nicht gross enttäuscht. Von Druck hält er nichts. «Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn ein widerwilliger, unglücklicher und vielleicht ­unbegabter Nachkomme die Führung der Firma übernimmt. Ich bin kein Verfechter der Mediokratie», sagt der 80-Jährige gegenüber BILANZ. Er hat vorgesorgt, dass die Treuhandfirma auch nach seinem Ableben nicht unter die Räder kommt. Der bekennende Vollblutkapitalist hat seine Beteiligung in einen Charity Trust eingebracht, «Fidinam wird unternehmerisch von begabten Managern, die auch Aktionäre sind, weitergeführt». Der grösste Teil seines Vermögens liegt in dieser Wohlfahrtsstiftung, seine Töchter haben keinen Zugriff. Für das weibliche Tettamanti-Trio scheint dies kein Problem zu sein. «Sie sind sich darüber im Klaren und teilen meine Auffassung», ­erläutert der Senior. So oder so werden Antonella, Sabina und Ira eines Tages über beträchtliche Vermögen gebieten.

Mit der Einbindung seiner beiden Töchter aus erster Ehe ins Unternehmen hat Marc Rich versucht, seine Nachfolge doch noch familienintern zu regeln. 2008 spannte er dafür Karl Reichmuth ein; unter Anleitung des Luzerner Privatbankiers sollten Ilona Schachter-Rich und ­Danielle Kilstock-Rich in die Führungs­geheimnisse der Zuger Beteiligungs­gesell­schaft Marc Rich + Co Holding eingeweiht werden. Dazu wurde Reichmuth bei der Holding extra mit den Insignien eines «Geschäftsführers mit Kollektiv­unterschrift zu zweien» versehen. «Da möchte Marc Rich mich neben sich haben», sagte der Bankier damals. Gerade mal fünf Monate danach führte das Handelsregister Reichmuths Namen bei der Rich Holding wieder auf, diesmal unter «ausgeschiedene Personen und erloschene Unterschriften». Der Plan des einstigen Rohstofftraders Rich ist gescheitert. Ilona, selbst Mutter von vier Söhnen, und Danielle war der Weg aus London respektive New York nach Zug wohl zu weit, nur um beim Vater das Reifezeugnis als Firmenchefinnen zu erlangen. Sie begnügen sich mit einem Verwaltungsratsmandat bei zwei Rich-Wohlfahrtsstiftungen.

Nun nimmt Marc Rich den wohl letzten Anlauf, seine Töchter doch noch zur Fortführung seines – geschrumpften – Lebenswerks zu begeistern. «Wir haben dieses Jahr die Struktur der Marc Rich Group vereinfacht. Das macht die Übergabe der Firma an meine Töchter leichter», begründet Marc Rich gegenüber der BILANZ den Schritt. Von einem definitiven Rückzug mag der 76-Jährige aber nichts wissen. Der in Meggen wohnende Wahlschweizer weiter: «Ich möchte mehr Zeit mit meiner Familie verbringen. Ich bleibe aber Geschäftsleiter der Holding.»

Der Drang, über den Tod hinaus wahrgenommen zu werden, ergo als ­Patron ein blühendes Unternehmen in Familienhand zu hinterlassen, ist weit verbreitet. Und so lässt mancher Unternehmer nichts unversucht, dass seine desinteressierte Tochter vielleicht doch noch Gefallen daran findet, das vom Vater Geschaffene fortzusetzen. So hat Hansjörg Wyss viel unternommen, um Tochter Amy doch noch auf den von ihm ausgebauten Medizinaltechnikkonzern Synthes einzuschwören. Er holte sie 2008 in den Verwaltungsrat, und als Treuhänderin des «Wyss 1989 Distributive Trust» repräsentiert sie die Familienbeteiligung an der Firma.

Jetset statt Businessjet. Doch seine 39-jährige, in den USA aufgewachsene Tochter konnte sich nicht für den Weltmarktführer für Knochenschrauben und Skelettimplantate erwärmen. Der Doppelbürgerin und Mutter von zwei Jungs, Thor und Laird, reicht es, im 6213-Seelen-Ort Taos in New Mexico den von ihr gegründeten Spielzeugladen «Twirl» mit drei Freundinnen zu führen oder sich als Gründungsmitglied für das Trauerberatungszentrum Golden Willows Retreat einzusetzen. Hansjörg Wyss löste sein Nachfolgeproblem auf amerikanische Weise: Der Berner, der in den USA lebt, verkaufte Synthes an Johnson & Johnson. Für seinen Anteil von 47,8 Prozent kassierte der 75-Jährige rund neun Milliarden Franken. Gemessen an der letztjährigen Hitparade der 300 Reichsten, steht Wyss nun an fünfter Stelle.

Das vorläufige Ende der Geschichte um eine unerwünschte Nachfolge: Amy Wyss, die nichts davon wissen wollte, das Lebenswerk ihres Vaters fortzuführen, liess sich am 28. April 2011 an der Generalversammlung von Synthes für weitere drei Jahre als Verwaltungsrätin wählen.

Für viele Patrons von Familienfirmen sind Töchter die besseren Söhne. Doch nicht alle reichen Erbinnen sind vom neuen Ehrgeiz, sich als Unternehmerinnen beweisen zu wollen, gepackt. Es gibt sie immer noch, jene verwöhnten Töchter, die einfach Spass haben wollen und das Geld ihrer Erzeuger mit vollen Händen ausgeben. Etwa die ­lebenslustigen Anisimova-Schwestern Anna und Angelina. Der Oligarch Vasily Anisimov, in Russland mit Aluminium zu Milliarden gelangt, hat seine Töchter vor Jahren stolz als angeblich eifrige Lehrtöchter an seiner Seite präsentiert. Doch die hübschen Mädels jetten lieber um die Welt, lassen es an Partys krachen, flanieren ab und zu noch als Models über Laufstege und lassen sich immer seltener blicken in der protzigen Villa ihrer Eltern in Küsnacht ZH. In der US-Boulevardpresse wurde Anna als Russlands Antwort auf Party­luder Paris Hilton bejubelt. Die Gleichgültigkeit gegenüber ­Vaters Firmen ist Angelinas Ehemann Ryan Freedman durchaus recht; er steuert den immensen Immobilienbesitz der Anisimovs in Amerika.

Auch Petra und Tamara, Töchter von Formel-1-Zampano Bernie Ecclestone aus der geschiedenen Ehe mit Slavica, sind keine Kinder von Traurigkeit. Vor allem Tamara drückt gerne und häufig aufs Gas, ist an allen Hotspots der Welt anzutreffen, lässt sich auch gerne mit ihrem Vater an den Rennstrecken blicken oder fährt mit ihm ins pompöse Fami­lienchalet im Wahlwohnort Gstaad. Die 26-Jährige lässt auch ohne weiteres ihre Hüllen fallen – wenigstens für die Tierschutzorganisation Peta, wo sie sich auch schon nackt in eine schwarzweiss ­karierte Zielflagge hüllte. Doch an einem Einstieg ins milliardenschwere Renn­imperium von Papa Bernie scheint sie herzlich wenig interessiert zu sein.

Nicht in Zielflaggen, dafür gerne in teure Roben einkleiden lassen sich auch Tatiana, Sofia, Maria und Anna, Sprösslinge von Margherita Agnelli de Pahlen aus ihrer zweiten Ehe mit dem franko-russischen Grafen Serge de Pahlen, mit dem sie im waadtländischen Allaman lebt. Vor allem Nesthäkchen Tatiana (20) macht eine aufregende Figur als Model. Durch Skandale machen die vier Gräfinnen ­allerdings nicht von sich reden. Der verstorbene Grossvater, Fiat-Lenker ­Gianni Agnelli, hätte seine helle Freude am weiblichen Quartett.

Die 300 Reichsten

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