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Die Karrieren von Kindern reicher Eltern

Die Karrieren von Kindern reicher Eltern
Ackermann, Brabeck-Letmathe und Fust: Die Nachfolger suchen sich ihren eigenen Weg.Tina Sturzenegger

Kindern reicher Eltern fällt vieles in den Schoss. Eins aber nicht: Den Beweis, dass sie aus eigener Kraft ein erfolgreiches Leben gestalten können, müssen sie selbst erbringen. Erwartet wird Grosses.

Von Ruedi Arnold
20.11.2015

Der ewige Sohn, die ewige Tochter. In Watte gepackt, mühelos durch teure Internate geschleust und dann ins bequeme Leben eines reichen Erben entlassen. So weit das Klischee. Es verkennt, dass die Kinder der Reichsten so unterschiedlich sind wie die Kinder aller Eltern. Nur eines haben sie gemeinsam, und manche hassen ihn: den grossen Schatten der erfolgreichen Eltern.

Um diesem zu entfliehen, hätte Catherine Ackermann (31) einen Künstlernamen annehmen können. So wäre sie vielleicht nicht mehr dauernd auf den Vater angesprochen worden. Die Schauspielerin und Produzentin ist die Tochter des früheren Vorstandschefs der Deutschen Bank, Josef Ackermann. Doch sie hat ihren Namen behalten.

Mit Künstlernamen für Distanz sorgen

Der Sohn von Willy Strothotte hingegen, dem früheren Chef von Xstrata und Glencore, nennt sich heute Marcus Thomas. Der erfolgreiche Filmschauspieler – er spielte unter anderem in «Gripsholm» von Xavier Koller – schweigt sich über seine Beziehung zum Vater beharrlich aus.

Auch der Sohn des heutigen Glencore-Chefs Ivan Glasenberg hat sich einen Künstlernamen zugelegt. DJ Gil Glaze tourt durch die Clubs der Welt: Auftritte in New York, Las Vegas, Zürich, Dubai folgen sich Schlag auf Schlag. Dass er sich mit dem neuen Namen von seinem Vater distanziert, weist er weit von sich: «Ich habe ein sehr gutes Verhältnis mit ihm. Aber in meiner Szene ist es nicht wichtig, einen reichen Vater zu haben. Das muss ja nicht jeder wissen.»

Ein Kellnerjob fürs erste Geld

Hätte Catherine Ackermann sich einen Künstlernamen zugelegt, könnte sie jetzt nicht «mit Stolz auf meine Wurzeln zurückblicken und mit Selbstbewusstsein den Menschen zu verstehen geben, dass ich selbst eine Ackermann bin», wie sie sagt. Ein verwöhntes Kind war sie nie. «Meine Eltern lehrten mich, selbständig zu sein, fleissig zu arbeiten und meine eigenen Ziele zu verfolgen.»

So nahm sie mit 18 Jahren wie andere ihres Alters einen Kellnerjob an, weil sie ihr eigenes Geld verdienen wollte, und baute sich später eine eigene Karriere auf. Sie bestand die Aufnahmeprüfung an die älteste Filmschauspielschule Europas, die European Film Actor School in Zürich. Sie bewarb sich für ein Praktikum bei Warner Bros. in Los Angeles und wurde aufgenommen. Am Nationaltheater Weimar hatte Catherine Ackermann ein Engagement als Schauspielerin. Danach folgte ein Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg, das sie erfolgreich als Filmproduzentin abschloss.

Distanz zum väterlichen Berufsfeld

Wer sie heute trifft, begegnet einer selbstbewussten, selbstbestimmten und beruflich ehrgeizigen jungen Frau. Es scheint, dass die Grundwerte, die ihr Josef und Pirkko Ackermann mitgaben, Früchte getragen haben. «Wir haben uns bemüht, in unserer Tochter das Grundvertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten zu stärken und ihr gleichzeitig die Gewissheit zu geben, dass sie im Notfall zu Hause aufgefangen wird», sagt Josef Ackermann.

Eben hat Catherine Ackermann die Produktionsfirma, die sie bis anhin mit einem Partner führte, ganz übernommen: Catherine Ackermann Productions. Ihre Filme hatten Erfolg: Der Diplomfilm «Contrast» war der beste Student Film am Festival Dimension 3 in Paris, «Bridges» wurde in den USA als bester internationaler Film, als bester Action/Adventure-Film sowie für die besten visuellen ­Effekte ausgezeichnet, und ein weiterer Diplomfilm, «Wrapped», holte Preise in ganz Europa, Los Angeles und Vancouver.

Werbefilme, Imagefilme, Kurzfilme, Kunstfilme, Musikfilme, Animationsfilme, Games – Catherine Ackermann scheint unermüdlich. Seit bald drei Jahren entwickelt sie zudem gemeinsam mit zwei Partnern eine 360-Grad-Technik namens Helhed und produziert Virtual-Reality-360-Grad-Formate.

Unabhängigkeit in beruflicher Hinsicht

Sie ist nicht das einzige unter den Kindern der 300 Reichsten, die ihre Karriere weit weg vom väterlichen Berufsfeld machen. Da gibt es Schauspieler und Designerinnen, Produzenten und Sängerinnen, sie werden DJ, Rockmusiker oder Fotografin wie Margherita Crocco, Tochter des Hublot-Gründers Carlo Crocco. Annabelle Bertschinger, Tochter von Walo Bertschinger, ist Designerin und verkauft unter der Marke «Belle by Annabelle» selber entworfenen Schmuck in New York.

Nick Brandestini, Sohn von Marco Brandestini, ist Regisseur. Sein Dokumentarfilm «Children of the Arctic» gewann unter vielen anderen Auszeichnungen den Golden Eye Jury Award am Zurich Film Festival. Produziert hat ihn seine Schwester Vesna Eckert-Brandestini. Marc Schmidheiny, Sohn von Thomas Schmidheiny, ist Mitgründer des deutschen Filmverleihers und -produzenten DCM Film, der mit «The Artist» mehrere Oscars gewann.

Karriere in der Werbung

Glamour und rote Teppiche sagen Gabriela Fust (43) nichts – Erfolg schon, wenn auch auf eine stille Art. «Ich habe überlegt, Ökonomie zu studieren und vielleicht einmal die Firma meines Vaters zu übernehmen», sagt sie. «Ich glaube aber nicht, dass ich mir das zugetraut hätte. Jedenfalls schlug ich einen anderen Weg ein, und ich bereue es nicht.»

Ihr Vater ist Walter Fust, Gründer der Fust AG. 1994 ­verkaufte er seine Aktienmehrheit an ­Jelmoli. Zwei Jahre später kaufte er das Unternehmen zurück und übernahm die Aktienmehrheit an der Jelmoli Holding. Er richtete sie neu aus, gliederte Fust aus und verkaufte diese an Coop. Auch die Jelmoli-Anteile stiess er wieder ab, ist dagegen bis heute Mehrheitseigner des Werkzeugmaschinenherstellers Starrag geblieben und investiert in Immobilien.

Eigenständig erfolgreich

Gabriela Fust findet es heute noch schade, dass das Werk ihres Vaters nicht mehr im Besitz der Familie ist. «Dass mein Vater sein Unternehmen an Coop verkauft hat, ist aber eine gute Lösung, da weder meine Brüder noch ich seine Nachfolge antreten wollten.» Nach der Matura musste sie ihren Weg erst einmal suchen. Dann, mit 22, begann sie in einer Werbeagentur zu arbeiten und bildete sich weiter bis zur diplomierten Kommunikationsleiterin.

Sie war 1999 beim Start von Cosmic Bern dabei und 2011 bei der Gründung der Werbeagentur Komet. Seit 2000 ist Gabriela Fust gleichberechtigte Partnerin. Beim Start hatte die Agentur vier Mitarbeitende, heute, nach 16 Jahren kontinuierlicher Aufbauarbeit, sind es 26. «Mein Vater hat mich bei der Initialinvestition unterstützt, eine Beteiligung war aber nie ein Thema», sagt sie. Hingegen ist Walter Fust Mitglied des Beirats von Komet, zusammen mit Urs Berger, VR-Präsident der Mobiliar, und Willy Michel, VR-Präsident von Ypsomed.

Zeit für die Familie nehmen

Dass ihr Vater zu den Reichsten im Land gehört, hat sie nicht sehr beeinflusst. «Natürlich wird man manchmal mit Vorurteilen konfrontiert, die nicht stimmen. Aber das lernt man wegzustecken. Ich habe gezeigt, dass ich selber etwas erarbeiten kann und nicht die ewige Tochter bin. Heute muss ich niemandem mehr etwas beweisen.»

Ihre Kindheit und Jugend in Ittigen BE hat sich kaum von der vieler anderer Mädchen unterschieden. Sie ging in die öffentliche Schule, verkaufte in den Ferien Glace an der Loeb-Ecke in Bern, bekam vieles nicht, was sie sich wünschte – genau wie andere Kinder. Ihr Vater, obwohl ein viel beschäftigter Unternehmer, nahm sich immer viel Zeit für die Familie.

Das tut auch seine Tochter. Nach der Geburt ihrer zwei Kinder nahm sie ein halbes Jahr Urlaub. Heute arbeitet sie nicht mehr direkt in Projekten mit, was mit der Kinderbetreuung schwierig zu vereinbaren wäre, sondern konzentriert sich auf Personal und Finanzen. Aber immer noch ist sie dabei, wenn es darum geht, welches Team eine Konkurrenzpräsentation vorbereitet. Sie formuliert den internen Auftrag, sitzt mit den Grafikern zusammen, verfolgt erste Ideen und kümmert sich um das Budget.

«Lieber unsichtbar»

Als Partnerin der Agentur ist sie auch ­Unternehmerin. «Das habe ich mit Sicherheit von meinem Vater mitbekommen», sagt sie. Selbstverständlich hat Walter Fust zu Hause von seiner Arbeit erzählt, das prägt. Trotz seines Vermögens ist er nie an Partys, nie in Glamour-Magazinen zu sehen. Auch das hat seine Tochter vom Vater geerbt. In den letzten vier Jahren ist genau ein Artikel über sie in der Schweizer Presse erschienen: Es waren 15 Zeilen in der «Berner Zeitung» über die Agentur Komet.

Auch Andres Brabeck-Letmathe (49) suchte man bis im Herbst dieses Jahres vergeblich in den Medien. Dieses eine Mal war er als Vertreter seines Vaters, des Nestlé-Präsidenten Peter Brabeck, zu einer Pressekonferenz gekommen, bei der ein Grossprojekt auf der Riederalp präsentiert wurde, an dem sich Brabeck-Letmathe senior beteiligt. Sein Sohn meidet die Öffentlichkeit. «Je préfère être ­invisible», sagt er.

Karrieremann und Familienmensch zugleich

Brabeck-Letmathe heisst die Familie nicht etwa, weil der Vater eine Frau namens Letmathe geheiratet hätte, wie immer wieder kolportiert wird. Der Name geht auf das Adelsgeschlecht Brabeck zurück, das früher das Haus Letmathe besass und daher «Von Brabeck zu Letmathe» hiess. Andres Brabecks Muttersprache ist jedoch Spanisch, seine Mutter ist gebürtige Chilenin.

Von 1970 bis 1987 war der Vater fast ununterbrochen für Nestlé in Chile, Ecuador und Venezuela tätig, und sein Sohn war bei ihm, bis er an die Universität kam. Französisch lernte Andres Brabeck, als die Familie zurück in die Schweiz zog. Er spricht es heute lieber als Deutsch, die Sprache seines Vaters. Dieser wurde 1997 CEO und Mitglied des Verwaltungsrats von Nestlé, 2005 Präsident. 2008 trat er als CEO zurück, VR-Präsident ist er bis heute. Trotz dieser Karriere war der Vater nie der ­grosse Abwesende. «Er war oft zu Hause», sagt Andres Brabeck. «Mein Vater ist kein Workaholic, er arbeitet einfach sehr effizient.»

Mit Nestlé verbunden

Ohne Vertrauen und bestes Einvernehmen mit seinem Vater wäre seine heutige Tätigkeit gar nicht denkbar. Andres Brabeck leitet in Montreux das Family Office. Seit drei Jahren ist er zurück aus England, wo er Chief Financial Officer von Roche UK war und seine Frau mit der fünf Jahre alten Tochter heute noch lebt. Er pendelt wöchentlich von seinem Wohnsitz London nach Montreux. 15 Jahre insgesamt war er bei Roche, davor bei Alcatel.

Andres Brabeck hatte an der HEC der Universität Lausanne und später an der London Business School studiert, wo er den Abschluss als Master in Finance machte. Anders als beispielsweise Catherine Ackermann, die niemals in einem ­Fi­nanzinstitut, schon gar nicht bei der Deutschen Bank, hätte arbeiten wollen, war er danach drei Jahre im Internal Audit von Nestlé tätig. «Das war ein grossartiger Einstieg ins Berufsleben», sagt er heute. «Mein Vater war ja damals noch nicht CEO, also gab es keine Probleme. Danach war eine Karriere bei Nestlé natürlich ausgeschlossen.»

Im Einklang mit dem Vater

Nun verwaltet er also das Vermögen seines Vaters. Grundlage des Portfolios sind die Nestlé-Aktien, die Peter Brabeck ohne dringende Notwendigkeit niemals verkaufen würde, wie Andres Brabeck sagt. Schon immer hat er diversifiziert angelegt, wenn auch schwergewichtig in Immobilien. In letzter Zeit haben Vater und Sohn beschlossen, den Anteil der Immobilien etwas zu reduzieren und auch in andere Sektoren zu investieren. Dazu gehört die Inroll AG, die Eisenbahn-Güterwagen kauft und den Nutzern vermietet.

Am Start-up HyGie-Tech ist Brabeck schon ein paar Jahre beteiligt. Risiko-orientierte Computational Fluid Dynamics heisst in der Fachsprache, was das Unternehmen anbietet: Lösungen, um Risiken der Kontamination beim Manipulieren mit potenziell gefährlichen Stoffen zu vermeiden. Brabeck investiert im Moment wieder in das Start-up mit dem Ziel, einen Käufer zu finden. Und er hat die Absicht, in eine neue Technologie optischer Sensoren einzusteigen, die es erlauben soll, landwirtschaftliche Nutzflächen ­effizienter zu bewirtschaften.

Sportliche Laufbahn

«Ich mache Vorschläge, er entscheidet, und das ist gut so», sagt Andres Brabeck. «Ich bin gern im Hintergrund.» Solche Zurückhaltung können sich andere naturgemäss nicht leisten. Profisegler Flavio Marazzi, Sohn des Bauunternehmers Bruno Marazzi, ist Eigentümer des Armin Strom Sailing Teams, das mit seinem Katamaran aus Karbonfasern ­regelmässig Siege in seiner Klasse heimbringt.

Lance Stroll (17) ist seit seinem elften Lebensjahr Mitglied der Fer­rari-Fah­rerakademie. Sein Vater, der kanadische Textilindustrielle Lawrence Stroll (Seite 157), ist Rennsportfan, hat eine stattliche Sport- und Rennwagensammlung und besitzt die Rennstrecke von Mont-Tremblant bei Montreal. Seinen Sohn begleitet er praktisch zu jedem Rennen. Und immer wieder tauchen Gerüchte auf, er wolle einen Rennstall übernehmen. Mal war es Sauber, mal Lotus, jetzt soll er mit Williams liebäugeln. Inzwischen träumt der Sohn von einer eigenen Karriere, die wohl auch der Vater gern gemacht hätte. Es lockt die Formel 1. Dann wäre auch er nicht mehr nur der Sohn.

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