1. Home
  2. People
  3. 300 Reichste
  4. Rückblick: Die 300 Reichsten 2012

2012 
Rückblick: Die 300 Reichsten 2012

Schuldenkrise hin, Frankenstärke her: Die 300 Reichsten der Schweiz sind dieses Jahr um 31 Milliarden reicher geworden. Zusammen besitzen sie üppige 512 Milliarden Franken.

Von Stefan Lüscher
23.11.2012, Aktualisiert am 30.11.2012

Es ist beileibe kein Jahr, das den Europäern in bester Erinnerung bleiben wird. In den südlichen ­Regionen steigt die ­Arbeitslosigkeit, der Pleitegeier kreist über immer mehr Firmen. Griechenland steckt in der Dauerdepression, in Spanien und Portugal geht die Angst vor ­Jobverlust und Armut um. Doch auch in Mittel- und Nordeuropa kühlt sich die Konjunktur zunehmend ab.

In der Schweiz jammern die Unternehmen zwar über Frankenstärke und schwindende Exporte – allerdings leise. Bislang sind sie erstaunlich gut über die Runden gekommen. Keinen Anlass zu Klagen haben auch die 300 Reichsten der Schweiz. Im dritten aufeinanderfolgenden Jahr ist ein Anstieg zu beobachten: Um 6,5 Prozent oder insgesamt 31,1 Milliarden Franken haben die Gesamtvermögen zugelegt. In diesem Jahr befinden sich 512 350 000 000 Franken im goldenen Topf. Umgelegt auf jeden der 300 Reichsten entspricht dies einem Durchschnittsvermögen von 1708 Millionen. Dieser ­Betrag liegt weit über den 100 Millionen Franken, die mindestens nötig sind, um in der Liste Einlass zu finden.

512 Milliarden Franken – das ist der zweithöchste Vermögensstand, den ­BILANZ über die vergangenen 24 Jahre gemessen hat. Denn bereits seit 1989 werden die Reichsten der Schweiz scharf beobachtet. Lediglich 2007 waren sie noch reicher als heute; damals stand das Vermögensbarometer auf 529 Milliarden Franken – im Jahr darauf löste die ­Finanzkrise eine gewaltige Vermögensschmelze aus.

Der gewaltige Zustupf der 300 Reichsten der Schweiz mag mit Blick auf das schwierige wirtschaftliche Umfeld erstaunen. Eine Ausnahme ist die Entwicklung, europaweit betrachtet, allerdings nicht. So ist das Vermögen der 100 reichsten Deutschen laut «Manager Magazin» in diesem Jahr um gut vier Prozent auf 320 Milliarden Euro angewachsen. Denselben Trend vermeldet die «Sunday Times»; die 1000 reichsten Briten besitzen zusammen 414 Milliarden Pfund, 4,7 Prozent mehr als 2011.

Börsengewinner. Für den kräftigen Vermögensschub in der Schweiz gibt es mehrere Gründe. So haben die wichtigsten Börsen im Jahresvergleich kräftig ­zugelegt, das Schweizer Blue-Chip-Barometer SMI beispielsweise verbesserte sich um nicht weniger als 24 Prozent. Und die Aktienmärkte sind unverändert einer der wichtigsten Orte, wo die Reichen ihr Geld anlegen.

Dank mächtigen Kursgewinnen darf sich Jorge Lemann in diesem Jahr an einem Plus von nicht weniger als neun Milliarden Franken freuen; damit ist der Sohn eines nach Brasilien ausgewanderten Emmentaler Käsehändlers auf Rang zwei unter den 300 Reichsten der Schweiz vorgestossen. Den warmen Geld- respektive Bierregen verdankt Lemann, der den grössten Teil des Jahres am Zürichsee lebt, seiner Beteiligung von geschätzten 15 Prozent am von ihm selbst auf gewaltige Grösse aufgeschäumten Konzern Anheuser-Busch InBev. Die Aktien gewannen innert zwölf Monaten zeitweise um bis zu 80 Prozent an Wert. Auch Branchennachbarin Charlene de Carvalho-Heineken, Chefin des Biergiganten Heineken, konnte dank schönen Kursgewinnen ihrer Aktien eine weitere Milliarde Franken zapfen.

Andere Reiche vermerken ebenfalls deutliche Kursgewinne. Die Familien Hoffmann und Oeri verbuchten dank der Stärke ihres Aktienpakets am Pharma­riesen Roche eine Vermögensvermehrung von drei Milliarden Franken. Auch das Plus von 1,55 Milliarden Franken beim Kontostand der Familien Keller, de Schaller, Blancpain ist dem Aktienmarkt zu verdanken; sie brachten im Frühjahr die Aktien ihres Handelshauses DKSH an die Börse, seither haben sich die Valoren bestens entwickelt.

Dem russischen Oligarchen Viktor Vekselberg hat die Börse ebenfalls frisches Geld in die Kasse gespült. Den grössten Teil des Zuwachses von vier Milliarden allerdings verdankt der 55-Jährige dem höchst lukrativen Verkauf seines Anteils von 12,5 Prozent am russisch-britischen Erdölförderer TNK. Ein weiterer Aufsteiger, Gennadi Tim­tschenko, hat seinen Vermögenssprung von drei Milliarden nur indirekt der Börse zu verdanken; in diesem Jahr sind weitere Beteiligungen des Finnen mit russischen Wurzeln bekannt geworden.

Guter Jahrgang. Fröhliche Gesichter trotz dunklen Wolken über Europa lassen sich auch in der Schmuck- und Uhrenbranche ausmachen. Dort tickt das Geschäft ­anhaltend laut, obgleich sich die Ausfuhren von luxuriösen Zeitmessern etwas zurückgebildet haben. Auch das Geschäft mit Luxusgütern, aus dem grosse Vermögen stammen, läuft wie geschmiert.

Noch mehr geschmiert, wenn auch ins Gesicht, wird beim Kosmetikkonzern Estée Lauder, was dem Grossaktionär ­Leonard Lauder mit Wahlwohnsitz am Vierwaldstättersee eine weitere Milliarde Franken eingetragen hat. Wie auch Gérard Wertheimer, Mitbesitzer der ­legendären Marke Chanel, eine Milliarde mehr zählt. Und bei der Tabakdynastie Schneider oder der Modefamilie Zegna brummt das Geschäft, klingeln die familiären Kassen. Fröhliche Gesichter ebenso im Kunstmarkt, einem weiteren Quell des Reichtums. Bei den Immobilien dagegen tun sich je nach Land immer grössere Unterschiede auf.

2012 ist für das Gros der 300 Reichsten ein guter Jahrgang, die Gewinner überwiegen klar; allein die fünf grössten Aufsteiger wurden zusammen um 22 Milliarden Franken reicher. Kräftig zugelegt haben die Top Ten, und zwar um gleich 21 Milliarden Franken. Zusammen besitzen die zehn Reichsten der Schweiz 141 Milliarden Franken. Zum Vergleich: Das ist mehr als doppelt so viel, wie die 100 Reichsten 1989 bei der erstmaligen Ausgabe der BILANZ-Liste zusammen auf die Waage brachten.

Prominente Verlierer. Andererseits gibt es auch in diesem Jahr Absteiger – obgleich sich die Verluste in ungewohnt engen Grenzen halten. Zudem sind in einigen Fällen die Vermögenseinbussen nicht marktbedingt, sondern auf Sondereinflüsse zurückzuführen. So bei Willy Strothotte; der Nachfolger von Marc Rich, der den Rohstoffhändler Glencore zur Blüte brachte, das Unternehmen jedoch vor dem höchst lukrativen Börsengang verlassen hat, besitzt laut einem Top-­Manager weitaus weniger Aktien, als ­BILANZ bislang annahm. Der aktuelle Glencore-Chef Ivan Glasenberg dagegen hat wegen der unter Druck stehenden Aktien innert Jahresfrist tatsächlich eine Milliarde Franken verloren. Um denselben Betrag wurde auch Renn-Impresario Bernie Ecclestone ärmer; der grossmundig angekündigte Börsengang des Formel-1-Zirkus in Singapur musste nach der Aufwärmrunde bereits wieder abgewinkt werden.

In diesem Jahr präsentiert BILANZ 14 neue Gesichter, die dank einem Mindestvermögen von 100 Millionen Franken in der Liste Einlass fanden. Dabei handelt es sich teilweise um höchst vermögende Neuzugänge; insgesamt bringen sie 9,1 Milliarden Franken an Vermögen mit. Wobei der glamouröseste Name eine alte Bekannte ist: Die reiche Bankierswitwe Lily Safra gibt ein Comeback. Nach dem Tod ihres Mannes – der libanesisch-brasilianische Bankier Edmond Jacob Safra starb 1999 in seinem Penthouse in ­Monaco bei einem Brand – zog sie von Genf ins monegassische Fürstentum. Nach zehn Jahren ist die Milliardärin in die Calvinstadt zurückgekehrt, wo sich auch die letzte Ruhestätte des Bankiers befindet.

Ein klangvoller Name unter den ­Zuzügern ist Christian Constantin. Der Mann aus Martigny dirigiert nicht nur den FC Sion mit eiserner Hand, sondern ebenso diverse voluminöse Immobilienprojekte. Dabei schreckt er nicht einmal vor, oberflächlich betrachtet, verrückt ­erscheinenden Vorhaben zurück. Beispielsweise einem geplanten Hotel- und Shoppingkomplex in der Wüste von Katar, der die Form des Matterhorns aufweist. Der erste Spatenstich im heissen Sand soll im nächsten Jahr erfolgen.

Als Milliardär in den Walliser Bergen geortet wurde Nicolas Puech. Der Nachkomme des französischen Sattlers Thierry Hermès wohnt dort zurückgezogen in einem kleinen Dorf, das mehr Chalets als Einwohner aufweist. Puech hält eine werthaltige Beteiligung an der Luxus­gütermanufaktur Hermès. Ebenfalls ein wohlklingendes Label besitzen die ­Gebrüder Albert und Peter Kriemler; in dritter Generation führen sie von St. Gallen aus das international bekannte Modeimperium Akris.

Hochrentabler Schoggijob. Unter den neuen Reichsten lassen sich weitere ­Belege dafür finden, wie auch in Zeiten des Kasinokapitalismus mit einer guten Geschäftsidee, Kapital und viel harter Arbeit Werte geschaffen werden können – und erst noch nachhaltige. Ein Musterbeispiel liefert die Glarner Familie Läderach. Was Maître Chocolatier Rudolf Lä­derach vor 50 Jahren im Kleinen startete, hat sich zum Spezialisten feinster Schokolade ausgewachsen mit gut 500 Beschäftigten und über 120 Millionen Franken Verkaufserlösen.

Weil sich Läderach auf Premiumprodukte konzentriert, ist der umsatzmässig zwanzigmal grössere Branchennachbar Lindt & Sprüngli keine echte Konkurrenz. Wobei der ungleich mächtigere Schokoladekonzern aus Kilchberg sich im Markt der Massenprodukte exzellent schlägt. Seit bald 20 Jahren setzt Ernst Tanner den Kurs. Letztlich ein Schoggijob, der ihm dank Lindt-&-Sprüngli-­Papieren im Wert von rund 120 Millionen Franken Eintritt in die Liste der 300 Reichsten in der Schweiz verschaffte.

Unter den neuen Reichsten ist nur ein Franzose zu finden, nämlich Nicolas Puech. Dabei hätte man erwarten können, dass die geplante Reichensteuer des französischen Präsidenten François Hollande zu einer Massenflucht des Grosskapitals führen würde. Nur haben die ­Superreichen Frankreich bereits vor Jahren verlassen. Viele davon wohnen seit langem bevorzugt in der Westschweiz, beispielsweise die Familien Reybier, Fournier und Defforey, Mimran oder Eric Guerlain, Daniel Hechter sowie Michel Lacoste. Sie sind längst fester Bestandteil der Reichstenliste.

Bei einer Obergrenze von 300 Reichsten müssen, wo 14 Neue dazustossen, ebenso viele gestrichen werden. Aus der Schweiz weggezogen ist Athina Onassis; die Milliardenerbin mit griechischen Wurzeln kam als Säugling ins Engadin, als erwachsene Frau ist sie nun ihrem Ehemann Alvaro Affonso in dessen brasilianische Heimat gefolgt. Nicht mehr aufgeführt ist die Familie Taittinger vom gleichnamigen Champagnerhaus. Jean Taittinger, der seinen Ruhestand im Waadtland geniesst, hat aufgezeigt, dass der Anteil seines Familienzweigs am Gesamtvermögen der Taittingers unter 100 Millionen Franken liegt.

Mehrere Personen sind 2012 gestorben. Und weil entweder keine – oft aber zu viele – Erben vorhanden respektive die Verhältnisse unklar sind, fielen einige ebenfalls der Schere zum Opfer. Gestorben ist Thomas Mackie, Gründer von City Electrical Factors, Britanniens führendem Fabrikanten und Händler von Elektroartikeln. Zu Grabe getragen wurden im Weiteren Henri-Ferdinand Lavanchy, Gründer der Zeitarbeitsfirma Adia Interim, sowie der einstige Berner Medienmann Charles von Graffenried. Bei anderen Todesfällen in diesem Jahr, so bei Walter Haefner, Dieter Bührle und jüngst Marco Brandestini, werden die Nachkommen und damit die Erben weiterhin in der Reichstenliste geführt.

Milliardärsstadt Genf. Die letztgenann-ten Personen wohnten alle im Kanton ­Zürich, einer beliebten Wohnregion der 300 Reichsten: Dort lebt jeder fünfte. ­Allerdings dünnt die Anzahl der Milliardäre zunehmend aus, seit die Pauschalbesteuerung vom Stimmbürger abgeschafft wurde. Bei einem Totalvermögen von 90 Milliarden Franken liegt das Durchschnittsvermögen der Zürcher Reichsten mit 1476 Millionen unter dem Schweizer Durchschnitt.

Im Kanton Genf leben zwar nur 35 der Reichsten mit total 87 Milliarden Franken, doch davon sind 70 Prozent Milliardäre. Im Waadtland wiederum logiert trotz verlockendem Pauschalsteuerabkommen zwar lediglich jeder zehnte der 300 Reichsten, doch sie halten zusammen 78 Milliarden Franken, was pro Kopf respektive Familie einem durchschnittlichen Vermögen von 2676 Millionen entspricht – ein Rekordbetrag. Den Durchschnitt nach oben gestemmt hat Ikea-Möbelhändler Ingvar Kamprad, der über 38 Milliarden Franken in die Waagschale wirft.

Doch genug der statistischen Spielereien. In der 24. Ausgabe, der goldenen BILANZ ist der Laufsteg frei für die 300 Reichsten der Schweiz!

Als Rechercheure sowie als Autoren haben am diesjährigen BILANZ-Ranking der 300 Reichsten mitgewirkt: Corinne Amacher, Stefan Barmettler, Harry Büsser, Kristina Gnirke, Andreas Güntert, Ueli Kneubühler, Karin Kofler, Marc Kowalsky, Iris Kuhn-Spogat, Stefan Lüscher, Leo Müller, Thomas Müller, Erik Nolmans, Walter Pellinghausen, Bernhard Raos, Hansjörg Ryser, Dirk Schütz, Christian Wapp. Von «Bilan» in Genf: Stéphane Benoit-Godet, Francesco Bonsaver, Jean-Philippe Buchs, Luigino Canal, Fabrice Delaye, Agathe Duparc, Mohammad Farrokh, Vincent Gillioz, Serge Guertchakoff, Michel Jeannot, Philippe Lugassy, Laure Lugon, Chantal Mathez de Senger, Patricia Meunier, François Praz, Mary Vacharidis, Myret Zaki.

Erfahren Sie interaktiv alles über die 300 Reichsten - Fakten, Zahlen, Bilder, Hintergründe.

 

Anzeige