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Die 300 Reichsten: Das Jahr der Händler

Die Krise hat die 300 Reichsten der Schweiz noch nicht ­eingeholt. Sie sind wiederum vermögender geworden und besitzen zusammen 481 Milliarden Franken. Dazu ­beigetragen haben neue Reichste aus dem Rohstoffhandel.

Von Stefan Lüscher
28.11.2011

In Europa macht sich Trübsinn breit. Die Schuldenkrise löst Ängste aus, das Gespenst des Staatsbankrotts geht um. Nun kühlt sich auch noch die Konjunktur ab, die Arbeitslosigkeit steigt. Nur die Schweiz scheint eine Insel der Glückseligen zu sein – zumindest auf den ersten Blick. Doch seit einigen Monaten frisst der starke Franken die Gewinnmargen der Exportwirtschaft auf, und auch hierzulande verliert die Wirtschaft an Fahrt.

An den 300 Reichsten der Schweiz allerdings ist die Krise, wie es scheint, bisher fast spurlos vorbeigegangen. Über die letzten zwölf Monate ist ihr Vermögen nämlich um 11 Milliarden auf zusammen 481 Milliarden Franken gestiegen. Auf jede der 300 Personen beziehungsweise Familien umgerechnet, entspricht dies einem durchschnittlichen Vermögen von 1604 Millionen Franken. Das ist das 16fache des Betrags – nämlich 100 Millionen –, der als Eintrittsschwelle für die Liste der 300 Reichsten gilt. Die 481 Milliarden Franken entsprechen dem zweithöchsten Vermögensstand, den BILANZ über 23 Jahre gemessen hat. So lange bereits wird den Reichsten in der Schweiz auf den Zahn gefühlt. Nur 2007 lagen mit 529 Milliarden noch mehr im goldenen Topf.

Stabiler Luxus. Die Stabilität der Vermögenslage unter den 300 Reichsten hat Gründe. Einmal läuft das Geschäft mit Uhren, Schmuck und anderen Luxus­gütern, dem viele Reichste ihre Vermögen zu verdanken haben, gut bis sehr gut. Auch ist im heimischen Immobilien­geschäft unverändert Boom angesagt. Vor allem Objekte an erstklassiger Lage verzeichnen beständige Preissteigerungen. Die Vermögen jener Reichsten, die ihr Auskommen im Geschäft mit Haus und Boden finden, sind denn auch um 1,1 Milliarden Franken angeschwollen; zusammen besitzen sie 7,7 Milliarden. Und der Kunstmarkt, ein weiteres Tummelfeld vieler Reichster – einige wenige betätigen sich als Händler, der Grossteil als Sammler –, spürt noch nichts von der sich abzeichnenden Wirtschaftskrise.

Der Vermögenszuwachs um 11 Milliarden Franken insgesamt ist jedoch auch auf aussergewöhnliche Begleitumstände zurückzuführen. Beispielsweise auf die in diesem Jahr höchst vermögenden Neuzugänge. Von den 16 erstmals aufgeführten Personen sind die Hälfte Milliardäre, einige von ihnen haben ihren Reichtum dem Baarer Konzern Glencore zu verdanken. Dass beim weltgrössten Händler und Förderer von Rohstoffen schwerreiche Manager sitzen, ist längst bekannt: Willy Strothotte und Ivan Glasenberg waren ja schon im Kreis der 300 Reichsten der Schweiz. Das Going ­public deckte nun aber auf, in welchem Ausmass weitere Führungskräfte zu Vermögen gekommen sind. So haben es zusätzlich drei Chefhändler bei Glencore zum Milliardär gebracht. Sagenhaft reich ist auch Christian Wolfensberger, Ehemann der einstigen Miss Schweiz Fiona Hefti, obwohl sein Vermögen wegen Kursverlusten der Glencore-­Papiere wieder unter eine Milliarde Franken fiel.

Neue Milliardäre. Die im Emissionsprospekt genannte Beteiligung von Ivan Glasenberg war eine echte Überraschung – auch für Glencore-Beschäftigte. Der CEO hält 15,8 Prozent der Aktien, Börsenwert: weit über sechs Milliarden Franken. Vor Jahresfrist schätzte BILANZ seine Beteiligung noch auf zwei bis drei Prozent. Mit dem Zuwachs von gegen fünf Milliarden Franken führt der gebürtige Südafrikaner, der seit wenigen Monaten Bürger von Rüschlikon ist, die Liste der grössten Aufsteiger an.

Mit einem Vermögen von 5 bis 6 Milliarden Franken ins Waadtland gezogen ist der Brite James Ratcliffe. Der Ingenieur schuf mit Ineos einen 35 Milliarden Umsatzfranken schweren Chemiekonzern. Unzufrieden mit den hohen Abgaben an den britischen Fiskus, zügelten er und seine Partner an den Genfersee und hoben dort eine Holdinggesellschaft aus der Taufe. Neu in der Liste geführt werden auch die Multimilliardäre Perfetti: Die von Italien ins Tessin eingewanderte Industriellenfamilie steuert mit Perfetti Van Melle das weltweit drittgrösste Süsswarenunternehmen. Ebenfalls in der Milliardärsklasse spielt der Reichsten­debütant Baron Guy Ullens de Schooten. Der Belgier mit Wohnsitz im Wallis ist mit Zuckerraffinerien reich geworden. Zwar kein Milliardär, aber bestimmt ein interessanter Neueinsteiger ist Peter Brabeck-Letmathe. Der Nestlé-­Präsident gehört seit Jahren zu den bestbezahlten Managern der Schweiz und hat sich beim Nahrungsmittelgiganten ein Vermögen von 100 bis 200 Millionen verdient.

Wo 16 Namen neu Einlass finden, fällt dieselbe Anzahl Reichster dem Rotstift zum Opfer. Wie jedes Jahr sind auch diesmal einige wenige der 300 Reichsten aus der Schweiz weggezogen. Seine Koffer gepackt hat der Russe Dmitry Rybolovlev: Noch im Vorjahr preschte er dank dem Verkauf seiner Mehrheit am Düngemittelriesen Uralkali mit einem Vermögen von 7 bis 8 Milliarden in die Top Ten vor. Sein überstürzter Wegzug aus Genf habe, so wird in der Rhonestadt gemunkelt, mit der Scheidungsklage seiner Ex-Frau Elena zu tun. Er soll nun das ausgesprochen vermögensschonende Steuerklima auf Zypern geniessen.

Die Ausgeschiedenen. Die Segel gestrichen hat auch Tom O’Malley. Der Amerikaner, reich geworden dank diversen ­Beteiligungen an Ölraffinerien, hat seinen Job als Präsident der Zuger Petroplus auf Anfang Jahr abgegeben. Als Verwaltungsrat und grösser Einzelaktionär ­dieser Raffinerie verfolgte er einen aggres­siven Expansionskurs – der dem Unter­nehmen in der Krise fast das Genick gebrochen hätte. Ölbaron O’Malley verzog sich nach Amerika, wo er mit Partnern einen neuen Raffineriekonzern ins Leben gerufen hat. Mit der Schweiz verbindet ihn nur noch ein Feriendomizil in Klosters.

Andere Reichste wurden vom Tod ereilt. Nach kurzer Krankheit verstorben ist Rolf Schnyder. Seine Uhrenmanufaktur Ulysse Nardin hat mit ihren komplexen und innovativen Zeitmessern die aktuelle Horlogerie stark mitgeprägt. Seine Witwe Chai ist zwar Präsidentin der Firma, wohnt aber in Malaysia. Diese Welt verlassen hat auch Daniel Fiszman: Er schliff sich einst sein Vermögen als ­Diamantenhändler mit der Star Diamond Group und hielt zuletzt 16,1 Prozent am Kapital des Londoner Top-Fussballclubs Arsenal FC.

Andere wiederum haben derart viel Vermögen verloren, dass sie aus Rang und Traktanden fielen. So die Bankiers Lawrence Howell und Jean Pierre Cuoni. Die Mitgründer der EFG International kommen mit ihren Beteiligungen an der Zürcher Bank nicht einmal mehr zusammen auf 100 Millionen Franken; eine Vermögensschmelze, die ihresgleichen sucht, denn noch 2007 besassen sie gemeinsam gegen 900 Millionen. Oder die einstige Milliardärin Madeleine Schickedanz Herl. Sie fiel nach dem Absturz der deutschen Kaufhauskette KarstadtQuelle mit ihrem Vermögen weit unter die Marke von 100 Millionen Franken.

Gewinner und Verlierer. Auch sonst haben nicht wenige der 300 Reichsten, nämlich deren 39, teilweise massiv Vermögen eingebüsst. Nach Jahren stetiger Zuwächse dreier Milliarden Franken verlustig gegangen ist für einmal der Allerreichste in der Schweiz, der Schwede Ingvar Kamprad. Zwar wurden aus seiner Ikea-Grosstischlerei Möbel für 23,1 Milliarden Euro verschraubt, und Kamprads Kassenwarte überwiesen von überall auf der Welt 2,7 Milliarden Gewinn an die Zentrale. Die Euroschwäche allerdings liess Kamprads Habe bei der Umrechnung in Franken schrumpfen. Nicht der Euro, sondern die abstürzenden Aktienkurse haben das Vermögen der Autofamilie Peugeot um gleich die Hälfte oder 1,75 Milliarden eingedampft. Die schwache Börse machte sich auch im Kontostand manch anderer Reichster negativ bemerkbar. Je rund eine Milliarde verloren haben aus diesem Grund Metro-Grossaktionär Otto Beisheim, die Familien Schindler und Bonnard, Klaus-Michael Kühne oder Thomas Schmidheiny. Das Hab und Gut der griechischstämmigen Familie Latsis wurde durch die Schuldenkrise um eine weitere Milliarde gekappt. Noch 2007 war die seit langem in Genf lebende Bankiers- und Reedereidynastie mit 13 bis 14 Milliarden Franken auf Rang fünf der 300 Reichsten zu finden, heute stellt sich das Vermögen noch auf 3 bis 4 Milliarden.

Den 39 Absteigern stehen 28 Aufsteiger gegenüber. Die deutlichste Vermögenssteigerung registrierte wie erwähnt Glencore-Chef Ivan Glasenberg. Drei Milliarden Franken zusätzlich einstreichen konnte Hansjörg Wyss: Mit dem Verkauf seiner Synthes-Gruppe an den US-Konzern Johnson & Johnson im ­vergangenen Frühling löste er für seine Beteiligung 9,3 Milliarden. Eine kräftige Wohlstandsmehrung wurde auch bei ­Vasily Anisimov registriert. Beim Plus von mehr als 2 Milliarden handelt es sich allerdings nicht um einen echten Zuwachs – vielmehr hat sich erst kürzlich seine werthaltigste Beteiligung erschlossen, denn seit der Russe das Aktionariat des Eisenerzriesen Metalloinvest verlassen will, ist sein Anteil «aufgetaucht».

Einige der Aufsteiger sind seit diesem Jahr Milliardäre. Dazu kommen die acht Milliardäre, die neu in die Liste der 300 Reichsten aufgenommen wurden. Dergestalt hat sich die Anzahl der Reichsten mit einem Vermögen von eintausend Millionen Franken und mehr in der Schweiz deutlich erhöht. 44 Milliardäre besitzen den roten Pass mit dem weissen Kreuz. Werden die milliardenschweren Ausländer, die sich in der Schweiz niedergelassen haben, noch dazugezählt, sind es sogar 121. Das US-Magazin ­«Forbes» registriert in seinem Report «The World’s Billionaires 2011» global 1210 Reichste mit mindestens einer Milliarde Dollar Vermögen. Folglich lebt jeder zehnte Milliardär der Welt in der Schweiz, womit das kleine Land die höchste Milliardärsdichte aufweist. In den USA wird mit 412 Personen die grösste Milliardärs-Gemeinde gezählt, gefolgt von der Schweiz, und China belegt mit 115 Milliardären Rang drei.

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