Handelsgigant Metro, Rohstofftrader Glencore, die Kleiderkette C&A Brenninkmeijer: Der Kanton Zug beherbergt Holdingfirmen weltbekannter Konzerne gleich in Dutzenden.

Stronach & Co. Wirtschaftsberatung, Baarerstrasse 16, Zug. Nie gehört? Oder vielleicht Namensgeber Frank Stronach persönlich, amtlich in Zug an der Industriestrasse 13b ansässig? Der in der zentralschweizerischen Wahlheimat grosse Unbekannte hat in der weiten Welt des Automobilbaus und im Rennpferde-Business einen Ruf wie Donnerhall: Stronachs Schöpfung, die internationale Magna-Gruppe, dominiert in der Pool-Position das Gewerbe der so genannten OEM, der Original Equipment Manufacturers, frei übersetzt: Hersteller von Originalteilen, in diesem speziellen Fall für die Automobilindustrie. Und der Wahlschweizer lässt inzwischen im österreichischen Graz-Thondorf in den legendären Puch-Werken sogar komplette Autos zusammenschrauben.

Stolz darf sich diese Tochter mit Namen Magna Steyr und einer Jahresproduktion von 235 000 Fahrzeugen «Europas grösster unabhängiger Autohersteller» nennen. Insgesamt schrauben und schweissen rund um den Globus mehr als 82 000 Beschäftigte in 220 Magna-Werkhallen. Ein halbes Hundert Technologiezentren hat der Konzern weltweit installiert. Konzernlosung: Alles fürs Auto – ausser Reifen. Über 20 Milliarden Dollar Umsatz schleppten die Magna-Kassierer im letzten Geschäftsjahr für Zulieferungen bei ihren Abnehmern wie DaimlerChrysler, BMW oder Saab ab (siehe Nebenartikel «Das Imperium von Frank Stronach: Von Pferdestärken und Hengsten»).

Das aber ist nur der erste Teil von Stronachs Erfolgsgeschichte. Der Lieferant von zig Millionen Pferdestärken pflegt auch im Nebenerwerb eine – profitable – Leidenschaft für starke Pferde. Der Patriarch zählt zu den erfolgreichsten Vollblutzüchtern der Welt und lässt ein Dutzend Rennbahnen professionell betreiben. Er hatte diesen Nebenerwerb zunächst innerhalb der Ur-Magna-Gruppe eingezäunt, gliederte aber die Sparte 1999 aus.

Die Expansion der zurückliegenden zehn Jahre trägt jedoch zum Teil die Handschrift von Stronachs Tochter Belinda. Papas Darling drehte nach abruptem Abbruch ihres Studiums im Konzern rasant auf. Gerade 20 Jahre jung, suchte die attraktive Blondine zunächst Vaters Windschatten, schnell allerdings auch die eigene Überholspur: Board-Mitglied mit 23, Vice President mit 29 Jahren und mit 35 dann President und CEO.

So entlastet in Nordamerika, fand Stronach Zeit, alte Heimatliebe aufzuwärmen. Erst tastete er sich langsam heran, montierte ein paar kleinere Zulieferbetriebe und pflegte die politische Landschaft. Aus dem stark verrosteten Staatskonzern Österreichische Industrie-Aktiengesellschaft (ÖIAG) schweisste er die Steyr-Daimler-Puch-Gruppe heraus. Da waren schon zuvor in Lohnarbeit Geländewagen wie der Mercedes G zusammengeschraubt worden. Stronach aber erkannte, dass Autokonzerne wie DaimlerChrysler und BMW verstärkt ihre Werkbänke zu Zulieferern auslagerten, kleine Serien wie Cabriolets oder Allradfahrzeuge am liebsten ganz ausserhalb eigener Montagehallen fertigen wollten. Der frühere BMW-Chef Joachim Milberg lobt «die Kooperation mit Magna Steyr» als Motor, um «die Schnelligkeit und Flexibilität unseres Unternehmens zu steigern».

Magna profilierte sich dabei immer stärker als Komplettpartner. Inzwischen rollen in den früheren Puch-Werken in Graz-Thondorf mehr als 1000 Autos pro Tag von den Bändern: BMW X3, Mercedes-Allradversionen der E-Klasse, das Saab-Cabriolet und jede Menge Modelle der Chrysler-Autofamilie: Voyager, Grand Voyager, Jeep Grand Cherokee und, ab Anfang 2006, der Jeep Commander. Auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt liess der Riese kürzlich ein komplett eigenes Fahrzeug vorfahren: das Magna Innovation Lightweight Auto (Mila), das mit verdichtetem Erdgas angetrieben wird.

Seit wenigen Tagen, genau seit dem 15. September 2005, wird Vater Frank wieder stärker an der Basis gefordert: Die Tochter steigt aus. Die inzwischen 39-jährige Mutter von zwei Kindern lässt sämtliche Ämter ruhen, gab gar pro forma ihre Firmenanteile zurück. Der (temporäre) Rückzug kam für Insider nicht überraschend. Belinda Stronach gehört seit Mai als Ministerin für Ressourcen und Entwicklung dem Kabinett von Kanadas Premierminister Paul Martin an, gilt bei politischen Beobachtern bereits als künftige Ministerpräsidentin und Landesmutter.

Des Seniors Lobeshymne auf seine Tochter zum Jobwechsel («Dank für den herausragenden Beitrag») ist beileibe keine Höflichkeitsfloskel, sondern wird durch Statistiken belegt. Unter Belinda Stronach hat Magna International Wachstum und Gewinne in Rekordhöhe eingefahren. Amerikanische Wirtschaftsmagazine überschlugen sich mit Auszeichnungen für Belinda Stronach. «Fortune» stufte die Magna Mater auf Rang zwei der «international erfolgreichsten Unternehmerinnen» ein. «Forbes» zählt Belinda Stronach generell, also auch ausserhalb des Big Business, zu den «100 mächtigsten Frauen der Welt».

Belinda Stronachs Demission bei Magna, um nun politische Missionen zu erfüllen, zwangen den Familienrat freilich zu einer überraschenden Offenlegung der bislang kunstvoll kaschierten Besitzstruktur. Auf den ersten Blick allerdings wirkt der Magna-Konzern für aussenstehende Betrachter mindestens so verworren wie die elektrischen Kabelstränge, Benzin-, Öl- und Wasserleitungen unter der Motorhaube von Autos. Noch transparent erscheinen die beiden sowohl in Kanada wie in den Vereinigten Staaten börsenkotierten Gesellschaften Magna International (Automobilindustrie) und Magna Entertainment (Pferderennsport).

Unterhalb dieser Kernfirmen allerdings wuchert ein recht undurchsichtiges Beteiligungsgestrüpp. Dessen Wurzeln gründen fast ausnahmslos in der Alten Welt, in Westeuropa allgemein und ganz besonders in den Steuerparadiesen: in Liechtenstein (Bergenie Anstalt in Vaduz), auf der steuergünstigen britischen Kanalinsel Jersey (Enzian Investment, Fair Enterprise Limited), im frostigen Island (Magna Investments á Islandi ehf Reykjavik) – und eben ganz wild in der Zentralschweiz mit Stronach & Co. sowie Magna Management im Mittelpunkt und dem 73-jährigen Strippenzieher als unbeschränkt haftendem Gesellschafter und Verwaltungsratspräsidenten am Lenkrad.

Ergänzende Informationen gibt es wenige. Der Jurist Thomas Schultheiss, in Stronachs Wahlwohnort Zug bei diversen Firmentöchtern im Verwaltungsrat, gibt sich zwar als Magnas «Anwalt für Europa» zu erkennen. Dieser nüchterne Kurzhinweis wirkt schon wie Plauderei, verglichen mit der Aussage, die der Schweizer Jürg Keller von der Präsidial-Anstalt in Vaduz macht. Unter deren Dach im verschwiegenen Fürstentum parkt Steuermann Stronach eine Bergenie Anstalt. Beifahrer Keller wird bei Bergenie amtlich als Direktor geführt, kennt den Ableger garantiert aus dem Effeff. Doch wie antwortet Keller, zur ominösen Bergenie Anstalt befragt? «Das sagt mir nichts.»

Für Auskünfte verweist dann wenigstens der Zuger Anwalt Schultheiss nach Österreich, auf die «Ingenieurin Veronika Eder». Das ist die persönliche Assistentin des Chefs. Diese Frau an Stronachs beruflicher Seite schwärmt über ihren Arbeitgeber: «Er ist wunderbar. Ich könnts nicht besser haben.» Bei konkreten Fragen aber bremst auch Frau Ingenieurin. Solche Anliegen seien dem Pressechef Andreas Rudas vorzulegen.

Rudas amtet offiziell als Vice President Human Resources & Public Relations, war zuvor Geschäftsführer der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ). Rudas’ Wendekreis beschränkt sich auf die Konstruktion der Magna International mit deren Dutzenden Gruppen wie Powertrain, Cosma (Pressteile), Donelly (Spiegel) oder eben der immer wichtigeren Magna Steyr. Obwohl Emigrant Strohsack erst beinahe 40 Jahre nach seiner Auswanderung wieder im Vaterland mit dem neuen Namen Stronach vorfuhr, beschreibt Sprecher Rudas die aktuelle Präsenz des Multis voller Nationalstolz: «Österreich hat die grösste Magna-Dichte.» Bereits stehen 15 000 Mitarbeitende in den dortigen Konzernwerken am Fliessband oder in den Schmieden. Noch werkeln in Nordamerika mit 25 000 Autoteilebauern zahlenmässig mehr, aber auf welch ungleich riesigerem Territorium. «Europa wird immer wichtiger», reibt Rudas sich die Hände.

Was für die Autoschmiede Magna International zählt, gilt wohl mehr noch für das Milliardenvermögen der Gründerfamilie, das (geldwerte) Gewicht der blickdichten Dependancen in Europas Steueroasen. Bei aller Transparenz, die für die börsenkotierten Magnas selbstverständlich und besonders vor den prüfenden Blicken der kritischen Kontrolleure der US-amerikanischen Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) gilt, werden die privaten Anlagevehikel des Stronach-Clans mit geschlossenem Dach gesteuert. Da wird Vermögen vornehmlich unter dem Namen Stronach Trust gehortet. Da mischen neben dem Schöpfer selbst dessen Ehefrau Elfriede und Sohn Andrew (Andy) mit. Tochter Belinda enthält sich erst einmal des Mitmischens, wegen der Political Correctness.

Wer die verschlüsselten Vermögensverwaltungsdepots finden will, muss zunächst Zahlen entschlüsseln. Unterhalb der Zuger Stronach & Co. und im diskreten Auftrag des Trusts nämlich schickt der passionierte Pferdezüchter gern Firmen mit nichts sagenden Zahlenkolonnen als Namen ins Rennen: 1 620 364 Ontario Inc., oder 445 327 Ontario Limited, oder 865 714 Ontario Inc. Der Stronach Trust besitzt beispielsweise zu 100 Prozent die Gesellschaft 445 327 Ontario Limited, die wiederum «726 829 Class B Shares» der Magna International im Depot bunkert. Die ganze Power von 445 327 wird allerdings erst deutlich bei einer Umrechnung von deren Potenz innerhalb von Magna International: «ungefähr 55,4 Prozent aller Stimmen» im Konzern.

Damit zeigt sich, dass die Bewertung des Stronach-Vermögens in der BILANZ-Liste der 300 Reichsten mit 1,5 bis 2 Milliarden Franken extrem konservativ ausfällt. Würde der stets zur alleinigen Vertretung berechtigte Patron alle Wertpapiere der Familie feilbieten, gäbe es garantiert mehr als zwei Milliarden Franken Cash.

Zur optimalen Vermögensbildung trägt sicher die amtliche Anwesenheit in Zug bei. Nach Überzeugung der kanadischen Zeitung «Toronto Star» wählte Stronach die Stadt Zug als persönliches Hauptquartier, «um in Kanada keine Einkommenssteuern zu zahlen». Zug war schon für viele eine Anreise wert. Richtig wohl fühlen sich Versteckspieler wie Stronach freilich erst, seit der Kanton das früher öffentliche Steuerregister verriegelt hat.

Womöglich umkurvt der Autobauer Frank Stronach als Steuerzahler Kanada tatsächlich. Aber hat er der kanadischen Nation nicht mit seiner einzigen, geliebten Tochter Belinda ein wunderbares Geschenk gemacht, das mit (Steuer-)Geld bei weitem nicht aufzuwiegen wäre? Hat der Patron nicht wahrscheinlich der gesamten Nation die künftige Premierministerin beschert?

Politischen Instinkt hat Tochter Belinda ebenso wie erfolgreiche Unternehmensführung von Vater Frank Stronach geerbt. Der Senior strebt allerdings kein Amt an, sondern taktiert bevorzugt im Hintergrund. Ab und an beschäftigt er abgedankte oder abgetakelte Politiker innerhalb des Konzerns. Auch nach dem Rückzug verfügen Elder Statesmen wie Österreichs Alt-Bundeskanzler Franz Vranitzky über exzellente Kontakte in der Ministerialbürokratie. Dass Österreichs aktueller Finanzminister Karl-Heinz Grasser, ehedem Parteigänger des Rechtspopulisten Jörg Haider und gegenwärtig Liebhaber der Swarovski-Kristallglas-Erbin Fiona Swarovski, auch schon mal als Vice President bei Magna International geschäftet hat, schadet im Zweifelsfall dem Alt-Arbeitgeber Stronach nicht.

Überhaupt scheinen Netzwerke und Netzwerker ebenso zu Stronachs Erfolgsformel zu zählen wie ein ausgetüfteltes System geldwerter Mitarbeiterbeteiligungen. Zehn Prozent des Gewinns (vor Steuern!) schüttet Magna an das Personal aus. Der Patron persönlich verfügte eine so genannte Magna-Charta zum angeblichen Wohl der an Werkbanken Tätigen. Dafür möge ihm jede Gewerkschaftsbewegung in seinen Hallen erspart bleiben. Die Riege der Topmanager lockt Stronach mit einem Prämientopf, in den sechs Prozent des Vorsteuergewinns fliessen. Für alle Beschäftigten wiederum stellt Magna Mitarbeiteraktien zur Verfügung. Stimmrechte enthalten diese Wertpapiere keine. Abstimmungen fallen im Magna-Konzern simpel aus: Frank Stronach hat eine Stimme, mehr Stimmen gibt es nicht.

Wer im Management dank üppigen Bonuszahlungen gut fährt, lässt sich die Richtung gern zeigen. Der Tourenplan ist eh bekannt, wenn Magna mit Vorliebe leitende Mitarbeiter langjähriger Geschäftspartner anheuert. Wer kennt diese Abnehmer besser als Ex-Topmanager der Magna-Kunden? Der ehemalige DaimlerChrysler-Vorstand Klaus Mangold sitzt im Board bei Magna. Bei Magna Europa ziehen der einstige Mercedes-Topmanager Manfred Remmel sowie Ex-Audi- und Fiat-Chef Herbert Demel die Drähte. Solche Top-Shots kennen die Abläufe in den Einkaufsabteilungen der Autoschmieden als Insider bestens. Die Exmanager aus den Fahrzeugfabriken und auch Magnas Europa-Chef, Kommerzialrat Siegfried Wolf, pflegen denn auch die exzellent eingefahrenen Bahnen zu den Abnehmerbetrieben. Zum Beispiel fährt Wolf nach Auswertung aller Tachoscheiben durch Konzernkommunikator Rudas «mehr zu den Kunden als Stronach selbst».

Der Gründer hat im fortgeschrittenen Alter auch unbestritten das Privileg, mehr in Ehrenämtern zu brillieren oder Ehrungen einzufahren. Die Technische Universität Graz, früher schon berühmt für Promotionen («Dr. Graz»), verlieh Frank Stronach eine Ehrenprofessur. Als Präsident der österreichischen Fussball-Bundesliga träumt Stronach davon, die eigentlich recht müden Kicker der Alpenrepublik vielleicht doch noch vor Beginn des Jüngsten Gerichts einmal zur Weltmeisterschaft zu treiben. Bei seinem Lieblingsverein, Austria Wien, organisiert eine Magna-Tochterfirma den Vereins- und Spielbetrieb. Eine bislang auf mittlere zweistellige Millionenbeträge geschätzte Geldgabe an die Austria aus Frank Stronachs Säckel trieb das Team allerdings noch lange nicht in die Champions League, ab und zu jedoch schon mal an die Tabellenspitze der nationalen Liga.

Augenscheinlich gibt es gravierende Unterschiede zwischen Kickern und Gäulen. Überragende Fussballer kann (bislang) niemand züchten. Bei den Rennpferden hingegen programmieren Stronachs Deck-Experten längst Erfolge zielgenau und haben beträchtlichen Vor-Sprung. Der aktuelle Spitzenhengst Ghostzapper zum Beispiel, von der internationalen Vollblut-Züchter-Vereinigung zum Galopper des Jahres 2004 gekürt, stammt aus Stronachs Gestüt Adena Springs in der Nähe von Versailles im Pferdeeldorado Kentucky. Ein perfekter Klon aus dem Computer: Vor seiner Zeugung wurden riesige Datenmengen von unzähligen Stuten und Hengsten aufbereitet und sodann der früher extrem erfolgreiche Seriensieger und inzwischen als exzellenter Steher gerühmte Deckhengst Awesome Again zum Sprung animiert. Das Resultat ist Ghostzapper.

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