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Michael Kors: Der Goldjunge aus New York

Michael Kors: Der Goldjunge aus New York
Hat sich einen Namen gemacht: Michael Kors bei der New Yorker Fashion Week.  Keystone

Was Michael Kors anfasst, funktioniert – von edler Mode bis zu erschwinglichen Accessoires. Besonders, seit John Idol die Gruppe und ihr Design-Herz auf steilem Wachstumspfad hält.

Von Iris Kuhn-Spogat
2015-10-13

Die Frage, ob er Ende Jahr anreise, wenn die Flaggschiff-Boutique an der Zürcher Bahnhofstrasse eröffnet wird, quittiert Michael Kors mit einem leicht gereizten Lächeln. «Well», sagt er schliesslich, «würde ich jeden Laden selbst eröffnen, wäre das derzeit ein Fulltime-Job, und ich müsste alles andere aufgeben.»

Der Mann übertreibt nicht: Ende Juni 2014 führte der nach ihm benannte ­Konzern weltweit 774 Geschäfte, 550 ­eigene plus 224 Michael-Kors-Shops von Konzessionären. Ein Jahr später waren es bereits 110 Boutiquen mehr. Das ergibt zwei Neueröffnungen pro Woche.

Ein Mann, ein Konzern und zwei Fashionbrands

Michael Kors – gemäss der unter­nehmenseigenen PR-Abteilung wird kein Name aus der Welt des Luxus öfter ge­googelt. Ein Mann, ein Konzern und zwei Fashionbrands: Michael Kors, die exklusive Linie mit Sweatshirts für ein paar hundert und Mänteln für ein paar tausend Dollar, und MICHAEL Michael Kors, die günstigere mit 300-fränkigen Handtaschen, an denen golden die MK-Plakette baumelt, Schlüsselanhängern, Sneakers, iPhone-Hüllen, Portemonnaies, Sonnenbrillen und Parfums.

Mit seiner Edellinie hat sich Michael Kors als Könner in Sachen Design einen Namen gemacht. Er ist mehrfach preis­gekrönt und geniesst in der Szene Respekt. Mit der weit günstigeren Massenware wiederum ist der 56-Jährige in den letzten Jahren hypererfolgreich: Accessoires und Handtaschen mit dem goldenen Logo spielen heute zwei Drittel des Umsatzes von 4,3 Milliarden Dollar ein, sind die am schnellsten wachsende Geschäftssparte und mit Margen von 70 Prozent an aufwärts auch die profitabelste. Sie haben Michael Kors zum Milliardär gemacht.

Überall alles

In den unzähligen Michael-Kors-­Läden rund um die Welt gibt es nicht entweder dies oder jenes, sondern generell überall alles, von Segeltuchschuhen bis zur Pythontasche. Das Kon­strukt heisst «Lifestyle Store». Diese Shops richten sich sowohl an die klassische Kundin als auch an deren Tochter, sowohl an Big Spenders als auch an budgetbewusste Shopper. Michael Kors sieht darin weder Makel noch ­Gefahr für seine Marke – für ihn ist es einfach Zeitgeist. «Ich ­selber mische die Sachen ja auch gern», sagt er, «ich trage eine Kaschmirjacke zu Cargohosen oder Flip-Flops zu einem Anzug.» Die Läden sind Goldgruben: Umsatz und Gewinn wachsen seit Jahren zweistellig.

Über das Für und Wider dieses Shop- und Markenkonzepts mag Michael Kors an diesem Vormittag aber gar nicht reden. Das hat grosso modo zwei Gründe. Erstens gibt er das Interview im Vorfeld der Lancierung der Gold Collection, einer Serie von gleich drei Düften, die Estée Lauder diesen Herbst herausbringt: «Ein Duft für jeden Anlass, jede Stimmung. Die Zeiten, da man nur einen Duft verwendete, sind vorbei», sagt Michael Kors. Weiss-, rosé- und gelbgolden sind sie verpackt, frisch, verführerisch und sinnlich diskret riechen sie. Michael Kors ist hörbar stolz auf die Palette: «Ich habe an jedem Detail mitgearbeitet, auch beim neuen Männerduft – er wird die Frauen betören.»

Zweitens gibt er dem Unternehmen zwar seinen Namen, seinen Style – «ich bin in jede kreative Entscheidung in­volviert» – und ein Gesicht.

Mastermind Idol

Alles Hintergründige wie die Facts und Figures sowie die Strategie überlässt er aber John Idol, dem Chairman und CEO in Personalunion. Seit 2003 an der Spitze des Konzerns, ist der einstige Lenker von Donna Karan der Mastermind der Erfolgs­geschichte der Marke Michael Kors. «Als ich kam, verlor das Unternehmen Geld und wäre wohl vom Markt verschwunden, wenn wir es nicht gekauft hätten», lautet eines von Idols Statements.

Zusammen mit der in Hongkong domizilierten Private-Equity-Firma Sportswear akquirierte er für 100 Millionen Dollar die Firma Michael Kors, die damals 20 Millionen Dollar Umsatz erzielte. Der Ehrgeiz: Michael Kors zu einem Designer von Weltrang zu pushen, sein Talent zu vergolden. Das Mittel: Marketing und Ladeneröffnung um Ladeneröffnung. Inzwischen wird Michael Kors in einem Atemzug mit Ralph Lauren und Tommy Hilfiger genannt.

Mehr als gedacht

Seit 2011 ist Michael Kors in New York börsenkotiert. Für ihn habe sich dadurch nicht viel geändert, sagt Michael Kors, «ich bin immer noch Designer». Kein Wunder, wird der stets in Schwarz Gewandete bei der Frage, wie viele Leute für die Marke arbeiten, unsicher. «Etwa 4000?», fragt er zurück. Weit gefehlt: Ende März 2015 zählte das Unternehmen gemäss Geschäftsbericht 11'094 Mit­arbeiter weltweit. Die Zahl überrascht ihn – wie überhaupt der Lauf der Dinge: «Ich habe nie im Leben von Michael Kors in Bali geträumt», sagt er, «demnächst ist es so weit.»

Michael Kors ist heute in 95 Ländern präsent. «Als ich anfing, bedeutete ‹international› für mich Kanada», lacht er. Sein grösster Erfolg? Er schaue nie zurück, das könne er sich in dem schnelllebigen, harten Geschäft gar nicht leisten, winkt er erst ab. Und dann: «Ich war der jüngste Mensch, der je den Lifetime Achievement Award erhalten hat, und dachte, wow, ich mache einiges richtig.» Sein Erfolgsrezept? «Menschen interessieren mich, und ich mag sie», sagt er. «Was ich mache, ist nicht weltbewegend, aber ich kann mit meiner Arbeit durchaus dazu beitragen, dass sich Menschen besser fühlen.»

Talent und Glück

Michael Kors war 21 Jahre alt, als er seine eigene Marke gründete, «ohne Ahnung von nichts». Er hatte Talent und Glück: Die erste Journalistin, die über ihn berichtete, war Anna Wintour, damals noch beim «New York Magazine», danach Chefredaktorin der «Vogue». Die New Yorker Luxuskaufhäuser Bergdorf Goodman und Saks Fifth Avenue orderten seine Kollektionen an sportlicher, klassisch-amerikanischer Jetset-Mode, die er zu Beginn noch höchstselbst mit seinem alten Mercedes auslieferte. Anfang der neunziger Jahre ging auf einmal einiges schief: Dem angesagten Grunge hatte er nichts entgegenzusetzen, ein Geschäftspartner stieg aus, Chapter 11 – Insolvenz – war die Folge.

«Bis dahin hatte ich nie an Versagen gedacht», sagt er, «auf einmal musste ich damit klarkommen.» Er rappelte sich auf und hob mit seiner Mode bald wieder ab. 1997 wurde er Chefdesigner von Céline. Parallel dazu baute er sein eigenes Imperium weiter aus, ergänzt mit Düften, Accessoires, Uhren, Brillen, Schuhen und 2002 mit einer ersten Herrenkollektion – und flog 2003 in die Arme von Idol und Co. Als Juror von «Project Runway», einer ­Reality-Show von Heidi Klum für Jung­designer, wurde er ab 2004 in den USA zum Medienstar und Publikumsliebling, seine Marke erlebte einen unglaublichen Popularitätsschub. 2012 zog er sich aus der Show zurück, die für mehrere Emmys nominiert war und auch sonst unzählige Preise gewonnen hat.

Immer geradeaus

Heute ist das amerikanische Sportswear-Unternehmen, das MK war, ein internationaler Lifestyle-Konzern, die Nummer drei der Welt. Ob er sich dort halten wird? Es gibt Zweifel: Im letzten Quartal des vergangenen Geschäftsjahres hat sich das Wachstum etwas verlangsamt. Das habe mit der aggressiven Rabattpolitik zu tun, der Margen geopfert würden, sagen die einen Analysten. Andere reden von Markenmüdigkeit und mahnen Anleger zur Vorsicht.

Macht dies Michael Kors Angst? «Oh, nein, Angst habe ich nur vor Höhe», sagt er und schaut zur Fensterfront seines Büros im 21. Stockwerk. «Einfach nur geradeaus schauen und nicht hinunter, dann geht es.» Dieser Devise folgt der ganze Konzern. Gerade entsteht im niederländischen Venlo ein 93'000 Quadratmeter grosses Verteilzentrum für Europa.

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