Mario Prosperi drückt die Spitze des Schuhs kraftvoll in die rotierende Stoffrolle der Poliermaschine. Er dreht ihn nach links und rechts, schiebt ihn nach vorne und zieht ihn wieder zurück. Die Rolle wandert über das Vorderteil und dann den Seiten entlang. Kurz unterbricht der stämmige Mann im weissen Kittel seine Arbeit, hält den Schuh ans Licht, wendet ihn etwas, um zu beurteilen, ob er bereits zufrieden sein kann. Er drückt ihn wieder in die Stoffrolle und poliert die Ferse. Der Schuh glänzt, und Mario Prosperi strahlt. Es ist die Freude des Handwerkers über eine gelungene Arbeit. Diese dauert nur drei, vier Minuten, doch darin steckt jahrelange Erfahrung, die ihn gelehrt hat, wie man mit Wachs und Geschick einen Schuh auf Hochglanz poliert. Schöne Schuhe hat er sein Leben lang gemacht.

Für die Schweizer Schuhmarke Navyboot stellt er in der Toskana den weltweit einzigen handbemalten Schuh her. Knallrot, grün, braun, blau oder grau, als schlichter Derby oder als Brogue kommt er in diesem Frühjahr in die Läden. Männer mit modischem Gespür und Selbstbewusstsein werden ihn tragen – man wird sie für mutig halten.

Maltechnik und Farben, die verwendet werden, geben jedem Schuh ein individuelles Aussehen – kein Paar sieht genauso aus wie das andere. Je nachdem, wo der Pinsel angesetzt, der Strich unterbrochen wird, ob viel oder wenig Farbe aufgetragen wird, wirkt der Schuh heller oder dunkler. «Benissimo», sagt Prosperi und dreht den Schuh unter der Lampe in der Mitte der kleinen Fabrikhalle. In der Schuhfabrik ar- beiten etwa ein Dutzend Frauen und Männer. Die Männer nähen die Sohlen an, machen Arbeiten, die Kraft erfordern – die Frauen übernehmen Feinarbeiten, bei denen es auf die Genauigkeit ankommt.

Mario Prosperi hat seine Schuhfabrik in Fucecchio bei Florenz 1971 gegründet, heute führen sie sein Sohn Paolo und dessen Kom- pagnon Mauro Panchetti. Seit Jahren arbeiten sie für verschiedene Qualitätsmarken. Hier wird auch Anfang 2013 mit grossem Aufwand, viel Begeisterung und untrüglichem Gespür für Qualität der «Handpainted» produziert. Die Italiener sind die Einzigen, die dieses Verfahren so beherrschen, dass die Designer mit dem Ergebnis zu- frieden sein dürfen.

Es geht um Spielraum und Tiefe
Premiummarken lassen ihre Produkte von Lieferanten herstellen, die vielfach Familienunternehmen sind. Wenn es um Schuhe geht, sind diese Betriebe oft in der Region von Florenz angesiedelt. Hier haben sich Gerbereien und Manufak- turen für die Lederverarbeitung, die für hohe Qualität bürgen, über Jahrhunderte entwickelt, was Männer mit einem Flair für gute Schuhe schätzen. Um hochwertige handwerkliche Produkte zu fertigen, ist die geografische Nähe ein wesentlicher Vorteil, denn es braucht Ab- stimmungen, die man nicht am Telefon oder per Mail vornehmen kann. Norditalien liegt für Schweizer Firmen als Produktionsstandort fast vor der Haustür.

Farbige Schuhe sind nichts Neues in der Modewelt. Normalerweise wird das Leder bereits beim Gerben gefärbt – Unterschiede im Farbverlauf entstehen so keine. Doch gerade solche Farbnuancen machen den Reiz der Handpainted aus. Durch die ungleiche Farbverteilung entsteht der Eindruck einer Patina, die den Schuh anders wirken lässt, als wenn er homogen gefärbt wäre. Die Designer wollten einen Schuh, dessen Farbe Spielraum und Tiefe besitzt; einen Schuh, der gut zum Schweizer Markt passt und auffällig ist, ohne «laut zu schreien».

Das Verfahren, mit dem die Handpainted zu ihrer Farbe kommen, wird in der Schuhherstellung nur selten verwendet. Der Aufwand ist zu gross, um die hohen Stückzahlen herzustellen, die ausserhalb des Premium- und Luxussegments verlangt werden. Bei den 770 Handpainted-Paaren, die exklusiv für Navyboot produziert werden, lohnt sich das Bemalen in Handarbeit. Hier rechnet sich die sehr zeit- und arbeitsintensive Technik. In einer Stunde schaffen drei Frauen sieben Paar Schuhe – eine bemalt sie, eine verleiht ihnen beim Bügeln Glanz, und eine dritte poliert sie. Ausser dem Seniorchef selbst darf kein Mann zum Farbpinsel greifen. Sorgsam nimmt Mario Prosperi den Schuh in die Hand, der Pinsel ist mit Farbe gesättigt. Mit einer Umsicht, die sich im Laufe der Jahre durch Erfahrung entwickelt hat, führt er den Pinsel dem Rand des Schafts entlang, macht eine Runde an der Sohle, füllt dann schwungvoll den Zwischenraum, dreht den Schuh um und malt noch die Sohle an.

Zügig muss er dabei arbeiten, denn die Farbe zieht schnell ein. Wenn man zu lange wartet, entstehen unschöne Ränder. Einen ersten Glanz bekommen die Schuhe bereits durch das Bügeln. Mit einem heissen Eisen wird die Oberfläche bearbeitet, und an der Poliermaschine, in deren Stoffrolle Mario Prosperi sie hineindrückt, bekommt das Schuhwerk dann einen schönen tiefen Glanz.

Schon die Anforderungen an das Rohmaterial sind hoch. Das Leder darf keine Unregelmässigkeiten aufweisen, weil schon kleine Fehlstellen durch die Bemalung sehr stark betont und dadurch den Gesamteindruck beeinträchtigen würden. Wenn während der Gerbung gefärbt wird, fallen diese Narben kaum auf. Das Leder, das für die Handpainted verwendet wird, muss natürlich gegerbt sein, damit die Oberfläche die Farbe gut annimmt und aufsaugt.

Prototypen wandern hin und her
Entscheidend sind schliesslich die Farben, mit denen man das Leder bemalt. Sie sind das Resultat einer Entwicklung von Mario Prosperi, die er über einen langen Zeitraum immer weiter verbessert hat, bis er zufrieden war und den beigen Naturton des Leders übermalen konnte. Sein Rezept ist geheim. «Wie bei Coca-Cola», sagt er und lacht.

Nach den Vorgaben des Designerteams entwickeln die Modellisten der Fabrik einen Prototyp des Schuhs – ein einziges Paar, an dem Verbesserungen vorgenommen werden, bis das Ergebnis überzeugt. Eine Naht wird verschoben, das Deckleder an einer Stelle etwas verbreitert oder zurückgenommen. Zwischen Florenz und der Zürcher Navyboot-Zentrale gehen die Modelle hin und her. Zu Besprechungen reisen Teams nach Italien, bis man das Modell schliesslich abnehmen und den Startschuss für die Produktion geben kann. Bevor diese beginnt, wird ein Schnittmuster gemacht, anhand dessen die Teile, aus denen später ein Schuh entsteht, aus einer Haut geschnitten werden.

Das Oberteil des Schuhs – das «Upper» – wird in einer anderen Fabrik zusammengenäht, die auf diese Arbeit spezialisiert ist. Mit einem

provisorischen Schuhbändel versehen, der es in der Form hält, kommt es dann in Mario Prosperis Fabrik. Jedes Schuhoberteil wird von Hand auf einen Leisten gezogen, genau positioniert, damit es auch richtig sitzt. Einer der Schuhmacher zieht es mit einer Zange gerade, hämmert, streicht glatt. Leisten und Oberteil werden in eine Maschine ge- spannt, damit das Upper mit Druck und Wärme fest auf den Leisten gezogen wird. So spannt es sich nach der Form und wird dann festgeheftet, damit es sich nicht mehr verziehen kann. Das Leder, das an der Unterseite zu viel ist, wird abgeschliffen.

Im nächsten Arbeitsschritt wird die Sohle mit Leim bestrichen und dann mit einer Maschine an das Oberteil des Schuhs genäht. Bei jeder Etappe wird der Schuh in die Hand genommen, bearbeitet und wieder weggelegt. Kein Wunder, dass eine Fabrik, die nach diesem Verfahren produziert, keine Massenware, sondern bloss knapp tausend Schuh-Paare pro Tag herstellen kann. Und wohl nur in einer solchen Firma steht der Gründer noch Jahre nach seiner Pensionie- rung jeden Tag in der Werkhalle und macht das, was er sein Leben lang gemacht hat – Schuhe. Im Jahr 2013 auch handbemalte in Grün, Rot, Blau, Grau oder Braun.

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