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Wirtschaft und Gesellschaft: Die Szenarien der Zukunft

Wirtschaft und Gesellschaft: Die Szenarien der Zukunft
Shanghai: Grossstädte in Schwellenländern mausern sich zu globalen Wirtschaftsmetropolen.Bloomberg

Die Wirtschaft und Gesellschaft ändern sich – radikal und schnell. Grund dafür ist das Zusammenspiel von vier grossen Trends. Zwei McKinsey-Mitarbeiter beschreiben das Szenario der Zukunft.

Von Dominic Benz
2015-05-19

Vergessen Sie, was Sie über die gängigen Mechanismen der Wirtschaftswelt wissen. Denn: Es ändert sich alles. Der Wandel läuft – radikal und schnell. Grund dafür ist das Zusammenspiel von vier grossen Trends. Sie stellen die Welt der Wirtschaft auf den Kopf. Und Konzern-Chefs müssen sich an die neue Realität anpassen, ohne im Chaos zu versinken.

Das Szenario der Zukunft beschreiben die McKinsey-Mitarbeiter und Autoren Richard Dobbs, James Manyika und Jonathan Woetzel in ihrem neuen Buch «No Ordinary Disruption». Sie stellen darin vier «fundamentale und störende» Kräfte vor, die schon längst am Wirken sind. Dagegen verblasse sogar die industrielle Revolution, schreiben sie. Die Autoren schätzen, dass der derzeitige Wandel zehn mal schneller voranschreitet und die Auswirkungen 3000 Mal grösser sind.

Zeitalter der Urbanisierung

Der erste der vier beschriebenen Trends umschreibt die Tatsache, dass sich ökonomische Dynamik und das Zentrum der Wirtschaftswelt zusehends in boomende Schwellenländer verlagern. Im Jahr 2000 seien noch 95 Prozent der weltweit grössten Unternehmen wie IBM, Coca-Cola oder Nestlé in Industrieländern angesiedelt gewesen. 2025 würden mehr Grosskonzerne ihren Hauptsitz in China haben als in den USA oder Europa. Die Autoren schätzen, dass gut die Hälfte aller Unternehmen auf dem Globus mit einem Umsatz von über 1 Milliarde Dollar ihren Hauptsitz in Schwellenländern haben wird.

Entsprechend mausern sich die dortigen Grossstädte zu globalen Wirtschaftsmetropolen. Fast die Hälfte des globalen Wachstums werden demnach zwischen 2010 und 2025 insgesamt 440 Städte aus den Schwellenländern stemmen. Dabei dürfte es sich nicht nur um bekannte Metropolen wie Shanghai, Dubai oder Mumbai handeln. Viele kleinere oder mittelgrosse Städte werden dann eine weitreichende Rolle im Welthandel spielen, so die Autoren.

Geschwindigkeit des technologischen Wandels

Der zweite Trend ist die Geschwindigkeit des technologischen Wandels und dessen ökonomischer Einfluss. Schon immer hat Technologie die Welt neu definiert. Doch heute passiert das mit rasender Geschwindigkeit. Es dauerte etwa 50 Jahre, bis gut die Hälfte aller Amerikaner ein Telefon besass. Facebook hingegen hatte nach einem Jahr sechs Millionen Nutzer, nur wenige Jahre später waren es bereits über eine Milliarde. Zwei Jahre nach der Lancierung von Apples iPhone 2007 gab es rund 150'000 Apps, heute sind es über 1,2 Millionen. Inzwischen haben Nutzer mehr als 75 Milliarden Anwendungen heruntergeladen.

Hinzu kommt die riesige Datenflut. Eine schier grenzenlose Menge an Informationen ist heute mit einem Knopfdruck abrufbar. Das bietet Unternehmen wie Alibaba, Apple, Google, Uber und anderen Startups ganz neue Möglichkeiten und Geschäfts-Modelle. Die hohe technologische Geschwindigkeit verkürze laut den Autoren den Lebenszyklus der Unternehmen. Das fordere die Firmen-Lenker heraus: Sie müssen mehr Entscheidungen treffen und Ressourcen schneller einsetzen.

Die Welt wird älter

Der dritte Trend: Die Menschheit wird immer älter. Schuld ist nicht zuletzt die sinkende Fruchtbarkeit. Zwar wächst die Weltbevölkerung noch immer deutlich. Doch das könnte sich in ein paar Jahrzehnten ändern. Denn in vielen Ländern gilt jetzt schon: Es sterben mehr Menschen als auf die Welt kommen. So ist die Population in Japan und Russland in den letzten Jahren geschrumpft. Der Trend breitet sich nun auf China aus und dürfte demnächst auch Südamerika erreichen. Die EU etwa erwartet, dass die Bevölkerung in Deutschland bis 2060 um ein Fünftel sinkt, die Zahl der arbeitenden Menschen sinke dann auf 36 Millionen von 54 Millionen im Jahr 2010.

Die Überalterung der Menschen hat somit dramatische Folgen für die Wirtschaft: Arbeitskräfte fehlen, die Produktion und das Wachstum sinken, das ökonomische Potenzial geht zurück. Hinzu kommt, dass sich Staaten vermehrt um ihre ältere Bevölkerung kümmern müssen, was finanzielle Belastungen nach sich zieht.

Globale Vernetzung

Der vierte Trend beschreibt die immer stärker vernetzte Welt durch Handel, Kapitalfluss, Auswanderung und Informationsaustausch. Für den globalen Handel verantwortlich sind nicht mehr nur ein paar wenige Zentren. Heute ist das Handelssystem ein komplexes und weltumspannendes Netz.

So ist Asien zu einem der grössten Handelsregionen geworden. Der Austausch zwischen Schwellenländern ist in der vergangenen Dekade explodiert. Das Volumen zwischen China und Afrika sei von 9 Millionen Dollar im Jahr 2000 auf 211 Millionen Dollar im Jahr 2012 angeschwollen, der globalen Kapitalfluss um das 25-fache gestiegen, so die Autoren. Mehr als eine Milliarde Menschen hätten 2009 ihre Heimat verlassen. Das seien fünf Mal mehr als 1980. Sowohl die Komplexität als auch die Geschwindigkeit der Vernetzung bringe die Globalisierung auf ein neues Level und bietet ungeahnte Möglichkeiten – aber auch grosse Risiken.

Neue Realität adaptieren

Die Tatsache, dass alle vier Trend ineinander greifen und bereits heute wirken, werde unsere Welt dramatisch ändern, schlussfolgern die Autoren. In der Vergangenheit habe man von seinen Intuitionen und Erfahrungen auf die Zukunft geschlossen. Auf dieser Basis könne man heute keine verlässlichen Prognosen mehr stellen. Dafür drehe sich die Welt zu schnell, dafür würden die vier Kräfte zu stark wirken.

In der «neuen» Welt müssten Konzernchefs und politische Entscheidungsträger daher ihre Entscheidungen vermehrt hinterfragen und die neue Realität adaptieren. Wer die vier Trends nicht berücksichtigt und sich zu sehr auf die Vergangenheit verlässt, schreiben die Autoren, wird in Zukunft kaum Erfolg haben.

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