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Kolumne 
Wehe dem, der keine natürlichen Feinde hat

Hase
Der natürliche Feind des Hasen ist der Fuchs.Quelle: Westend61 / Hans Clausen

Von Fuchs und Hase kann man mitunter etwas lernen. Denn auch im Büro gilt: Nur wer viele Feinde hat, steigert seine Chance aufs Überleben.

Kurt W. Zimmermann
Kommentar  
Von Kurt W. Zimmermann
08.11.2018

In der freien Natur haben die meisten Kreaturen einen natürlichen Feind. Eines der besten Beispiele aus der freien Natur kennen wir alle: Der natürliche Feind des Marketingleiters ist der Controller.

Der Marketingleiter sagt also: «Für die neue Produktelinie G44 planen wir einen Umsatz von 30 Millionen. Aber wir müssen dazu in Werbung investieren.»

Der Controller sagt nun: «So, so, und wie viel wollt ihr dazu zum Fenster hinauswerfen?»

Der Marketingleiter sagt: «Ähm, rund zwei Millionen, das meiste in TV-Werbung.»

Der Controller sagt: «Ich erinnere mich noch gut an deine Produktelinie G22. Auch viel Werbung, und am Schluss ein Millionenverlust.»

Der Marketingleiter sagt: «Das war nur Pech. Der Markt kippte im dümmsten Moment.»

Der Controller: «Du nennst es Pech, ich nenne es Unvermögen.»

Natürliche Feinde sind in der Biologie als sogenanntes Räuber-Beute-Schema definiert. In unserem Beispiel ist der Finanzchef der Räuber und der Marketingchef die Beute. Oder eine Parallele aus der Zoologie: Der Fuchs ist der natürliche Feind des Hasen.

Das Life-Dinner-Prinzip

Das Verhältnis von Räuber und Beute ist in der Verhaltensbiologie gut erforscht. Es gibt zwei interessante Erkenntnisse dazu. Die erste ist das Life-Dinner-Prinzip. Das zweite ist die Lotka-Volterra-Regel.

Das Life-Dinner-Prinzip erklärt den Unterschied zwischen Jäger und Gejagtem. Wenn ein Fuchs einen Hasen jagt, dann geht es beim Hasen um sein Leben, sein Life. Für den Fuchs hingegen geht es nur um ein Nachtessen, sein Dinner.

Die Natur sorgt hier für eine gesunde Balance. Der Hase kann schneller und wendiger rennen als der Fuchs und kommt darum oft davon. Die Natur sagt: Das Leben einer Kreatur braucht eine bessere Chance als das Abendessen einer Kreatur. Das ist fair. Ein Leben ist wichtiger als ein Abendessen. Ein Fuchs kann weiterexistieren, ohne den Hasen zu fressen. Der gefressene Hase hingegen ist Geschichte.

Das Life-Dinner-Prinzip illustriert sehr gut, warum der Controller am Ende der Diskussion dann doch zum Marketingleiter sagt: «Okay, versuchen wir halt deine Produktelinie G44.» Beim Controller geht es nur um ein Dinner, beim Marketingleiter um das Leben.

Die Lotka-Volterra-Regel

Ebenso aufschlussreich für das Jäger-Beute-Schema in Firmen ist die Lotka-Volterra-Regel. Sie zeigt, dass es eine Wechselwirkung unter natürlichen Feinden gibt. Die Jäger brauchen die Beute zu ihrem Überleben, aber die Beute braucht zu ihrem Überleben genauso die Jäger.

Die Lotka-Volterra-Regel beschreibt eine Spiralfunktion. Sie besagt: Wenn es viel Beute gibt, dann steigt durch Vermehrung die Zahl der Jäger. Weil die Zahl der Jäger ansteigt, wird mehr Beute gefressen. Die Beute geht dadurch zurück. Durch die zurückgehende Beute wiederum nimmt der Jagderfolg der Räuber ab, und deren Zahl sinkt. Die geringere Zahl der Räuber führt nun wieder zu einem Ansteigen der Beute. Und so fort.

Auf ein Unternehmen übertragen heisst das: Je mehr Marketingleiter es in einer Firma gibt, desto stärker steigt die Zahl der Controller. Weil die Zahl der Controller immer mehr steigt, gibt es weniger Marketingleiter. Weil es immer weniger Marketingleiter gibt, sinkt die Zahl der benötigten Controller. Weil es nun weniger Controller gibt, steigt die Zahl der Marketingleiter. Die steigende Zahl der Marketingleiter führt dann zu einem Wachstum der Controller. Und so fort.

Mitunter kann man von Fuchs und Hase doch etwas lernen.

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