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Digitalisierung 
Warum wir heute mehr arbeiten, aber weniger leisten

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Ständige Erreichbarkeit, kaum bedienbare Technologie und wachsende Komplexität führen zu Stress.Quelle: Getty Images

Die Digitalisierung hat eine 6-Tage-Woche zur Folge. Der Grund: Mitarbeiter sind mit neuen Technologien überfordert.

David Torcasso
Von David Torcasso
16.09.2018

Konzernlenker, Geschäftsführer und «Digital Officers» versuchen mittlerweile fast krampfhaft, die Digitalisierung in jedem Bereich des Unternehmens zu verankern. Je mehr Mitarbeiter in den Prozess der Digitalisierung involviert sind, desto deutlicher wird aber: Sie zahlen die Zeche der Digitalisierung. Das zeigt eine aktuelle Studie aus Deutschland.

Wie die Akad Hochschule in Stuttgart in einer Online-Umfrage mit über 1200 Angestellten heraus gefunden hat, machen Beschäftigte 30 Prozent mehr Überstunden als vor fünf Jahren. Zugleich ist die Produktivität der Beschäftigten eingebrochen. Ein Grund für diese Entwicklung sei die Digitalisierung, schreiben die Studienautoren.

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Tatsächlich arbeiten wir sechs Tage pro Woche

Der Vergleich derselben Studie aus dem Jahre 2013 zeigt auf, dass die Anzahl der durchschnittlichen Überstunden in Deutschland von 5,8 auf 7,5 Stunden pro Woche zugenommen hat. Das ist beinahe ein Arbeitstag. «Im Grunde sind wir zu einer 6-Tage-Woche zurückgekehrt», sagt Studienleiter Daniel Markgraf. «Angestellte arbeiten heute aber im doppelten Sinne umsonst. Überstunden sind normalerweise unbezahlt und führen aufgrund der Effizienzverluste nicht dazu, dass mehr geleistet wird.»

Die ständige Erreichbarkeit, die Flut von E-Mails und die Präsenz auf Social Media führt aber noch zu einem weiteren Phänomen, welches Forscher bereits bei Kindern feststellen: Wir können uns nicht mehr konzentrieren. Die Studie sagt aus, dass nicht mal die Hälfte aller Beschäftigten konzentriert arbeiten kann.

Bei vielen Angestellten komme damit das Gefühl auf, dass sie viel arbeiten, aber es nie genüge, so die Studie. Im Zeitalter der Digitalisierung arbeiten wir mehr, aber leisten weniger. Diese Mehrarbeit ist kaum in konkreten Zahlen zu messen. «Digitales und interaktives Arbeiten bedeutet, sich mit zahlreichen Informationen und Netzwerken auseinanderzusetzen. Davon ist der Einzelne schnell überfordert, weil er mit viel Arbeit wenig erreicht», sagt Markgraf. Die Probleme der Mitarbeiter beim Umgang mit Schnittstellen, technische Schwierigkeiten und nicht digitalisierten Prozessen würden sich aufsummieren. «Das führt zu einem Arbeitszeitverlust von rund 30 Prozent.»

Unfälle durch Unkonzentriertheit

Die Studie kommt zum Schluss: Schlechte Arbeitsorganisation, langwierige Meetings und zahlreiche Ablenkungen prägen den Alltag. Diese Bedingungen wirken sich auch auf die Zufriedenheit der Mitarbeiter aus, wie die Studie zeigt. Über die Hälfte fühle sich durch E-Mails belästigt – vor fünf Jahren waren es noch vierzig Prozent.

Die Vermischung von Arbeit und Freizeit beschäftigt auch den Schweizerischen Versicherungsverband SVV seit drei Jahren. Die Plakate der aktuellen Präventionskampagne «ausschalten-auftanken» sorgen zwar für Schmunzeln, thematisieren aber ein weit verbreites Problem.

Dabei geht es aber nicht um eine Warnung vor gesundheitlichen Risiken wie Burnout, sondern um konkrete Unfälle durch ständiges Mailen, Texten, Telefoniernen, Chatten und Surfen im Zusammenhang mit dem Job. «Wer in der Freizeit immer ein bisschen im Büro ist, ist unkonzentriert, ausgelaugt und dem Risiko ausgesetzt, häufiger zu verunfallen», heisst es vom SVV. Der Verband fordert auf, sich «von vorherein adäquat zu organsieren und die Vermischung von Arbeit und Freizeit zu überdenken». Man wolle auf die Unfallgefahr bei dieser «always-on-Mentalität» verweisen, heisst es vom Verband.

Der Verband SVV hat die Kamapgne im Auftrag der privaten Unfallversicherer durchgeführt. Sie sind von Gesetzes wegen verpflichtet, mit einem Teil der Prämien die Prävention von Nichtberufsunfällen zu investieren.

Vermischung von Beruf und Freizeit

Trotz solchen Kampagnen lässt sich Arbeit und Freizeit kaum mehr trennen: Über 40 Prozent der Studienteilnehmer sagten aus, sie würden E-Mails im Bett oder auf der Toilette ausserhalb der Arbeitszeit beantworten. Zwei Drittel beantworten Mails am Sonntag, am Abend oder in den Ferien.

Obwohl es keine detaillierten Studien zu der Situation in der Schweiz gibt, kommt Stressforscherin Beate Schulze von der Universität Zürich zu ähnlichen Erkenntnissen. Sie leitet dort das Trainingsprogramm «Stressmanagement im Berufsalltag». Neben ihrer Lehrtätigkeit berät Schulze als Coach und Organisationsberaterin mit ihrer gleichnamigen Consultingfirma Unternehmen zur Mitarbeiterförderung. «Die heutige Grundhaltung, jederzeit auf Mails oder Anfragen zu reagieren, führt zu Stress und Belastung», sagt die Dozentin.

Technologie soll entlasten, nicht belasten

Viele Unternehmer würden sich laut Schulze von der Euphorie rund um die Ditalisierung blenden lassen. «An unzähligen Kongressen und Events wird die digitalisierte, Silicon-Valley-mässige Zusammenarbeit zelebriert. In den Niederungen des Alltags manifestiert sich dieses Mantra aber dann in abgestürzten Datenbanken, endlosen Schulungen und Meetings sowie unzähligen Mails und Chats», sagt Schulze.

Software-Anwendungen würden auf Biegen und Brechen grossflächig eingeführt, ohne dass immer der Umgang im Arbeitsalltag gelernt wird», sagt die Organisationsberaterin. Die Mitarbeiter würden oft gar nicht wissen, was sie mit diesen Tools anfangen sollen. Dadurch stelle sich ein «Ohnmachtsgefühl» ein. Die Mitarbeiter würden das Gefühl erhalten, sich auf allen Plattformen und Arbeitstools zu engagieren, aber der Output der Arbeit fällt trotzdem gleich oder geringer aus, sagt Schulze.

Im Homeoffice wird mehr gearbeitet

Seit Mitarbeiter dank neuen Technologien von überall aus arbeiten können, ist das Arbeitspensum gestiegen. «Im Home Office arbeiten die Leute mehr», sagt Schulze. Dabei erwähnt sie Microsoft: Im Sommer 2011 mussten 400 Mitarbeitende der Schweizer Microsoft-Zentrale in Wallisellen ihre Büros wegen Renovierarbeiten verlassen und durften drei Monate lang von zu Hause arbeiten. Entgegen der Befürchtungen von Vorgesetzten leisteten sie sogar mehr Arbeitsstunden und waren letztlich engangierter.

«Die Onlinepräsenz der Mitarbeiter ist heute klar gestiegen», sagt Schulze. Ob man das Beantworten von Mails oder das Aktualisieren des Firmen-Facbeook-Profils als «Arbeit» bezeichnen kann, müsse jeder selbst entscheiden, sagt die Beraterin. Denn gemäss ihren Erkenntnissen delegieren Arbeitgeber das Wohlbefinden vermehrt an die Angestellten. Man könne aber nicht neue Technologien einführen und dabei nichts an den Strukturen und Arbeitsabläufen ändern, so Schulze. «Digital ist nicht nur ein Arbeitsmittel, sondern führt zwangsläufig zu einer neuen Organisationskultur. Wie sieht  Führung im digitalen Zeitalter aus? Auf welche Kompetenzen kommt es an? Woran wird Erfolg festgemacht? Diese Frage müssen Untenehmen zuerst beantworten.»

Schulze rät, dass Angestellte mit neuer Software und Arbeits-Tools eingehend vertraut gemacht werden und wissen müssen, mit welchem Sinn und Zweck sie diese einsetzen. Dann könne die Effizienz gesetigert werden und mobiles Arbeiten tatsächlich zum Wohlbefinden der Mitarbeiter beitragen. Das komme auch den Unternehmen zugute: «Die Angestellten können sich auf ihre kreative Entfaltung und die wesentliche Arbeit konzentrieren. Das schützt vor Burnout und Frustration».