Wer selbstständiger Unternehmer werden will, wird mit einer Vielzahl von Fragen konfrontiert: Fragen der juristischen Unternehmensform, Marketing-, Sozialversicherungs- oder auch Personalfragen. Stefan Mühlemann (37) kennt diese Fragen aus zwei Gründen: Erstens ist er selbstständiger Unternehmer. Zweitens bietet er einen zehntägigen Kurs an, bei dem Arbeitslose oder auch Angestellte selbstständige Unternehmer werden sollen – zumindest sofern sie sich dazu eignen. Andernfalls rät Mühlemann ihnen davon ab.

«Viele Kursteilnehmer haben das Gefühl, dass sie etwas ganz Revolutionäres machen müssen», sagt Mühlemann im Gourmetrestaurant Du Pont in Freiburg – aber dies sei falsch. Wichtig seien die kleinen Unterschiede, mit denen man sich von der Konkurrenz abhebt. Und das Netzwerk – für seine Kursteilnehmer und natürlich auch für ihn selbst. Er weigere sich bis heute, einen Prospekt drucken zu lassen. «Bei mir läuft alles über persönliche Kontakte», sagt Mühlemann, während er einen Langustensalat mit Spargelköpfchen isst.

Nach der Schulung begleitet Mühlemann einzelne Projekte weiter – rund 300 bisher. Im Weiteren berät er Kleinunternehmen; denn gerade dort ist ein breiter Fokus notwendig. «Gelegentlich geht es auch um die Einsamkeit des Unternehmers, der vor einer Entscheidung steht und dankbar ist für einen neutralen Blick.»

Er bezeichnet sich selbst als «einen Roten». Das ist nicht etwa eine politische Aussage, sondern meint eine Person mit starkem Antrieb – im Vergleich zum harmoniesüchtigen Grünen und zum analytischen Blauen. Mühlemann spricht über diese Farbtypen, aber man merkt: Er ist kein Theoretiker, sondern ein Macher, ein Praktiker. «Unternehmer kann man nicht werden – man ist es oder nicht», sagt Mühlemann, während das mit Estragon gewürzte Kaninchen mit saisonalem Gemüse serviert wird. Er spüre auch gleich, ob jemand den nötigen Antrieb habe, ob jemand das schaffen werde oder nicht.

Optimismus sei eine der notwendigen Qualitäten für einen Unternehmer. Und dies sei nicht etwa mit Naivität zu verwechseln. Wichtig sei ihm die Ehrlichkeit. Er weise die Teilnehmer auf Schwächen hin. «Wenn jemand einfach nicht verkaufen kann, dann bedeutet das noch nicht, dass er nicht selbstständig sein kann. Aber er muss eine Lösung für dieses Manko finden.» Stefan Mühlemann ist in seinem Element, wenn er von Selbstständigkeit spricht. Es ist dabei von Vorteil, dass er eigene Berufserfahrung in den Unterricht einbauen kann, anstatt nur gelesenes Wissen zu vermitteln.

Er habe schon vor zwei Jahrzehnten davon geträumt, selbstständig zu sein, sich aber damals noch nicht reif und erfahren genug gefühlt. Nach seiner kaufmännischen Grundausbildung habe er sich immer weitergebildet. Er arbeitete als Personalchef bei der Valora in Bern und in einer Privatklinik. Nachdem dort während sieben Monaten die Stelle der Personalverantwortung vakant gewesen war, gab es Konflikte, Machtkämpfe und Absenzen. Mühlemann hat dann ausgerechnet, dass im Jahresdurchschnitt 10 von 250 Vollzeitstellen wegen Krankheit vakant waren. Und er hat die Konfliktparteien am Tisch versammelt. Danach seien die Absenzen um 60 Prozent gesenkt worden. Auf Grund dieser vielseitigen Erfahrungen sind die Themen, die er in seinen Kursen vermittelt, sehr breit gefächert. Für den
Finanz- und Steuerbereich aber bezieht er externe Experten auf Mandatsbasis ein.

In seinen Kursen wird erst einmal die Geschäftsidee kritisch betrachtet. Nach diesem ersten Teil geben gut 70 Prozent der Kursteilnehmer ihre Idee wieder auf, weil sie erkennen, dass sie nicht finanzierbar oder einfach naiv ist. Die verbleibenden Kursteilnehmer erstellen einen Businessplan, in dem Ziele, Zeitrahmen und Umsetzungen determiniert werden. Rund zwölf Teilnehmer sitzen in seinen Kursen, die zehn Tage dauern. Dass die Module auf fünf Wochen verteilt sind, sei von Vorteil, weil die Teilnehmer «die Inhalte so verdauen können», sagt Mühlemann.

Der Unterricht basiert auf Übungen, Präsentationen und Rollenspielen. Dazu berichtet jeweils ein ehemaliger Teilnehmer über seine Erfahrungen als selbstständiger Unternehmer. Die Projekte der Teilnehmer könnten kaum unterschiedlicher sein. Vertreter aller denkbaren Branchen waren schon dabei: aus Informatik, Innenarchitektur, Gastronomie, Grafik, Nanotechnologie, Werbung, Reiki oder Blumenhandel. Einer hat sich einst für Reisen auf Eseln selbstständig gemacht – und das mit Erfolg, meint Mühlemann. «Ich lerne viel über verschiedene Branchen» – ein Wissen, das er später einmal nutzen will. Sein Ziel ist es, später ein Institut auf gesamtschweizerischer Ebene zu gründen, «und mit dem Gewinn will ich Projekte mitfinanzieren, die zukunftsträchtig sind».

Wichtig sei, ohne Schuldenberge in die Selbstständigkeit zu gehen, bemerkt Mühlemann. Am Anfang müsse man den Lebensstandard senken. Auch hier spricht er aus Erfahrung. Das Darlehen von 30 000 Franken, das er von einer Stiftung erhalten hat, ist zurückbezahlt. Diesen Druck am Anfang empfand er als konstruktiv – «er trieb mich voran». Er sei dem Grundsatz gefolgt, dass er nichts kaufe oder miete, das er nicht gleich bezahlen könne, «also kein geleastes Auto und keine teuren Mietzinse».

Vor zwei Jahren trennte er sich von seinem Partner, nachdem er dessen Anteil der Firma Amon Consulting & Management abgekauft hatte. Sein Büro hat er bei sich zu Hause eingerichtet. Anfangs mietete er eigene Schulungsräume, aber dies erwies sich bald als überflüssig, da seine Kurse, die seit diesem Jahr von der Schweizerischen Kader-Organisation (SKO) anerkannt werden, an verschiedenen Orten in den Kantonen Waadt und Freiburg stattfinden.

Einzelne Kurse gibt er in der Deutschschweiz, wobei er für diesen Markt demnächst einen neuen Geschäftspartner einbeziehen wird. In der deutschsprachigen Schweiz seien die Teilnehmer in der Regel kritischer, zugleich disziplinierter. Ansonsten scheinen sich die Unterschiede im Rahmen zu halten. «Selbstständig sein ist eine Philosophie», glaubt Mühlemann, «und das hat nur bedingt mit Sprache und Kultur zu tun.»

Er lese sehr viel, vor allem über Personalführung, Management und Kommunikation. Und zurzeit mache er den eidgenössischen Fachausweis in Erwachsenenbildung. «Viele Leute fragen mich, wie ich all das unter einen Hut bekomme», sagt er. Aber wenn er etwas tue, dann mit Leidenschaft. Sonst lasse er die Finger davon. «Es ist wie mit dem Wein, lieber gelegentlich eine gute Flasche als literweise Sudelwein.»

Die Selbstständigkeit habe einen enormen Einfluss aufs Privatleben. Plötzlich verändere sich das Beziehungsnetz: Man habe kaum mehr Zeit für alte Bekannte, lerne dafür aber Menschen kennen, die ähnliche Probleme hätten. Daraus entstehe so etwas wie ein Verband. Auch in einer Beziehung müsse einiges klar sein, da die Selbstständigkeit viel Investition bedingt.

Dennoch wird er diesen Sommer mit seinen drei Kindern und seiner Freundin ins Burgund reisen – so wie sich das für einen Gourmet gehört. Dort wird er wandern und Weine probieren. Und natürlich in guten Restaurants essen – dies ist ihm wichtig. «In der Gastronomie beginnt die Qualität im Detail», sagt Mühlemann im «Du Pont». «Sehen Sie, wie der Kellner die Lehrtochter beim Käsewagen instruiert? Er tut dies mit einer gewissen Autorität, und trotzdem wirkt er menschlich. Ein echter Meister.»

Und während der Kellner den Käseteller auftischt, meint Mühlemann: «Nur
eines hätte ich mir nie verziehen: Wenn ich das mit der Selbstständigkeit nicht versucht hätte.»

Amon Consulting & Management

Gegründet: 2001 (Einzelfirma), 2002 (GmbH)

Umsatz: 250 000 Franken

Anzahl Mitarbeitende: verschiedene Netzwerkpartner

Geschäftsleitung: Stefan Mühlemann

Verwaltungsrat: –Finanzierung: Darlehen von einer Stiftung, das zurückgezahlt ist.

Geschäftsidee: Weiterbildung für Erwachsene, Beratung bei Unternehmensgründung.

Firmenphilosophie: Bestmögliche Leistung, korrektes Verhalten und Ehrlichkeit.

Führungsgrundsätze: Wichtig ist, die richtigen Leute am richtigen Ort einzusetzen, Beteiligungen am Gewinn zu ermöglichen und Respekt zu haben.

Junior Chamber

BILANZ präsentiert in jeder Ausgabe ein Beispiel von jungem Unternehmertum – in Zusammenarbeit mit der Junior Chamber Switzerland (JCS). Die Chamber ist das grösste Netzwerk von jungen Führungskräften und Unternehmern in der Schweiz. Weitere Infos und Angaben zu JCS-Veranstaltungen auf www.juniorchamber.ch

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