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Herkunft 
SMI-Chefs und der Einfluss ihres Elternhauses

Topjob dank ­akademischer Herkunft, heisst es oft. Doch wie gross ist der Einfluss des Elternhauses wirklich? Konzernchefs und ihre Herkunft.

Von Maren Meyer
2017-05-22

Er nennt einen Bachelor der Universität Stanford und einen Master der Universität Kalifornien sein Eigen, war Präsident und CEO des Nordamerika- und Europageschäfts des Ketchup-Herstellers Heinz und sass in diversen Verwaltungsräten, bis er 2007 zu Novartis kam und 2010 CEO des Pharmariesen wurde. Joseph Jimenez’ Karriere verlief gradlinig. Seine ersten Erfahrungen sammelte er beim Nahrungs- und Putzmittelhersteller Clorox in Kalifornien – dem Unternehmen, in dem sein Vater schon Manager war.

Sie sind männlich, haben fast immer studiert und besetzen einen Chefposten: die 20 CEOs der Schweizer SMI-Konzerne. 90 Prozent von ihnen haben ein Studium absolviert, über 60 Prozent davon im Bereich der Wirtschaftswissenschaften, über 20 Prozent in den Naturwissenschaften, 35 Prozent tragen einen Doktortitel. Als Spitzenmanager von Konzernen wie Nestlé, Swisscom, Novartis oder Credit Suisse bilden sie die Wirtschaftselite der Schweiz. Der Grundstein für manch eine Karriere wurde im Elternhaus gelegt. Denn weisen die Eltern einen akademischen Hintergrund auf, wird auch das Kind ziemlich sicher studieren.

Abhängig vom Elternhaus - aber nicht nur

Über 60 Prozent der Studienabgänger haben ein akademisches ­Elternhaus. Schon der schulische Erfolg hängt von der sozialen Herkunft und Bildung der Eltern ab. Das zeigen verschiedene Studien. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat 2013 ermittelt, dass der Bildungserfolg der Kinder in Deutschland zu über 50 Prozent von der Herkunft der Eltern abhängt. In der Schweiz ist der Einfluss sogar noch höher.

Doch der Bildungsgrad der Eltern ist nicht allein ausschlaggebend, wenn es um die Karrierechancen ihrer Sprösslinge in den Führungsetagen geht. «Der klassenspezifische Habitus ist wichtig», sagt Michael Hartmann. Der Soziologe mit Schwerpunkt Elitensoziologie forscht schon seit vielen Jahren zu der Frage der Besetzungskriterien von Spitzenpositionen in Firmen. Seine Resultate zeigen, dass die für die Auswahl einer Neubesetzung zuständigen Personen klar nach einer Persönlichkeit und einem Werdegang suchen, die den ihren ähneln.

«Man kann davon ausgehen, dass jemand mit einem der eigenen Person vergleichbaren Persönlichkeitsprofil und Werdegang auch ähnlich agieren wird wie man selbst», schreibt Hartmann in seinem Buch «Eliten und Macht in Europa». Dazu gehörten auch eine intime Kenntnis des Dress- und Verhaltenskodex, eine «bildungsbürgerliche Allgemeinbildung», Souveränität und Selbstsicherheit. «Sie suchen ihr Alter Ego.»

Prinzip der sozialen Ähnlichkeit

Diese Merkmale sind oft an die Herkunft und den Akademisierungsgrad des Elternhauses gekoppelt. Das Prinzip der sozialen Ähnlichkeit mache es auch Frauen schwer, Einzug in die Chefetagen zu halten. «Männer erachten oft das als wichtig, was sie von ihrem Umfeld kennen, und in den Führungsetagen besteht das Umfeld oftmals nur aus Männern», sagt Hartmann.

Die Wahl von Joseph Jimenez als Nachfolger Daniel Vasellas bei Novartis passt in das klassische Bild der Nachfolgeregelung eines Grosskonzerns: Jimenez wie Vasella stammen aus einem akademischen Elternhaus, haben sich früh in den gleichen Kreisen bewegt und wie ihre Väter ein Studium absolviert.

Starke Internationalisierung im Spitzenmanagement

Im internationalen Vergleich zeigt sich die Schweiz als das Land mit der stärksten Internationalisierung im Spitzenmanagement – was auch im Zusammenhang mit der Dichte internationaler Konzerne steht. Laut Hartmann ist die Besetzung mit neun Schweizern von insgesamt 20 CEOs im 
SMI zwar wieder nationaler geworden, in Deutschland liege die Quote der Spitzenmanager aus dem eigenen Land aber bei 86 Prozent, in Frankreich bei 96 Prozent, und in Italien und Spanien kommen die Topmanager zu 100 Prozent aus dem eigenen Land.

«Die Schweiz hatte über viele Jahre einen niedrigen Akademisierungsgrad, was den Pool der Uniabsolventen aus dem eigenen Land einschränkt», sagt der Soziologe. Es werde daher oft über die Landesgrenzen hinaus rekrutiert.

Aufstieg ohne die schützende Hand des Elternhauses

Neben den Jimenez, Schaeppis und Frosts, deren Eltern einen akademischen Hintergrund haben, gibt es allerdings auch Beispiele wie jenes des Nestlé-CEO Mark Schneider. Der deutsche Manager stammt streng genommen nicht aus einem akademischen Elternhaus. Sein Vater arbeitete sich vom kaufmännischen Angestellten zum Prokuristen und später zum Geschäftsleiter einer Firma hoch. Sein Studium holte er nach, während er die Karriereleiter erklomm.

Mark Schneider selbst legte eine Bilderbuchkarriere hin: Schon während der Schulzeit übersprang er die zehnte Klasse, wie das «Manager Magazin» schreibt. Mit 28 Jahren hatte er bereits einen Doktortitel der Universität St. Gallen und ein Executive-Studium von Harvard in der Tasche. Mit 37 Jahren war er Geschäftsführer von Fresenius. Ein Aufstieg ohne die schützende Hand des Elternhauses. «Es ist nicht der akademische Titel, der alles ausmacht», sagt Soziologe Hartmann. Dadurch, dass Schneiders Vater ein Studium nachholte, wuchs er in das akademische Milieu hinein, es wurde für ihn dann ebenfalls normal.

Soweit es zu ermitteln war, stammt mindestens die Hälfte der 20 SMI-CEOs aus einem Elternhaus, in dem wenigstens ein Elternteil studiert hat, und mindestens 20 Prozent der Spitzenmanager haben es ohne ein akademisches Umfeld an die Spitze geschafft.

Von klein auf im Geschäft eingespannt

Für den Belgier Alain Dehaze war das Elternhaus der Grundstein für seinen Karriereweg. Weder Vater noch Mutter des CEO des Personaldienstleisters Adecco ­haben studiert. Der Vater war Buchhalter, die Mutter Unternehmerin. Sie besass eine kleine Buchhandlung mit einem Schreibwarengeschäft. Von klein auf war Dehaze im Geschäft eingespannt. «Der Laden war mein zweites Zuhause», sagt der 53-Jährige. Musste seine Mutter einmal weg, lag es an ihm, sich um das Geschäft zu kümmern, das Warenlager aufzustocken, die Buchhaltung zu führen oder die Kunden zu betreuen. «Ich musste früh Verantwortung übernehmen.» Und genau das habe ihm auf seinem späteren Weg sehr geholfen.

«Von meinen Eltern habe ich den Wert 
der Arbeit und einer guten Ausbildung ­gelernt», sagt Dehaze. Sie hätten seinem Bruder und ihm eine gute Ausbildung ermöglicht und damit die Voraussetzung für seinen beruflichen Werdegang geschaffen: Nach einem Studium zum Wirtschaftsingenieur an der Brussels Management School in Belgien besetzte Alain Dehaze verschiedene Positionen bei Henkel und ISS, war CEO des Unternehmens Solvus und stieg 2009, nach einigen weiteren Zwischenstationen, bei Adecco ein. Seit September 2015 ist er dort Chef.

Prall gefüllter Rucksack

«Bildungsanreize werden im Elternhaus geschaffen», sagt Klaus Preisner vom Soziologischen Institut der Universität ­Zürich. Die Eltern wirken indirekt auf den Erfolg ihrer Kinder ein. Denn durch ihr Umfeld, Netzwerk und ihre Erziehung geben sie ihren Kindern einen Rucksack mit auf den Weg, der den Karriereverlauf entscheidend mitprägt.

«Kinder aus einem akademischen Haushalt gehen eher auf das Gymnasium, studieren und machen Karriere als Kinder mit einer nicht-aka­demischen Herkunft», sagt Preisner. Er führt diese Entwicklung auf die Milieu-Unterschiede zurück. Kinder aus einem akademischen Haushalt gingen selbstverständlicher und einfacher durch ein Universitätsstudium. Auch weil der finanzielle Hintergrund der Eltern ihnen dies eher ermögliche als Kindern aus weniger wohlhabenden Familien, die neben dem Studium oft arbeiten müssten, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen.

In den besser gestellten Familien könne fehlendes Talent manchmal durch Schulgeld kompensiert werden. «An Elite-Einrichtungen kommen Stipendiaten daher eher aus finanziell schwächeren Elternhäusern. Im Vergleich sind sie jedoch talentierter», sagt der Soziologe. Auch SGS-CEO Frankie Ng hat es trotz Nicht-Akademiker-Eltern an die Spitze geschafft. Sein Vater war Koch in einem Genfer China-Restaurant.

Eliten versus Bildung

Wer neben einem akademischen Umfeld zudem der Elite, dem sogenannten Grossbürgertum, angehört, hat einen weiteren Vorteil, wenn es um die Besetzung von Spitzenpositionen geht. Laut Soziologe ­Michael Hartmann gehören diesem Kreis in Deutschland um die 4000 Personen an, in der Schweiz um die 600. Es handelt sich um die Personen, die in den Spitzenpositionen eines Landes zu finden sind und nicht unbedingt über ein reiches Elternhaus verfügen müssen, allein ihre Position verleiht ihnen Macht. Hartmann hat herausgefunden, dass Abkömmlinge des Grossbürgertums in einem Auswahlverfahren eine zweieinhalb Mal grössere Chance ­haben, an die Spitze eines Unternehmens zu kommen, als ein Bewerber mit dem gleichen Bildungsgrad und Studienverlauf.

So zum Bespiel der CEO der Credit Suisse, Tidjane Thiam. Der französisch-ivorische Doppelbürger kann auf ein Elternhaus aus der Oberschicht der Elfenbeinküste zurückblicken: Seine Mutter Marietou Thiam ist die Nichte von Félix Houphouët-Boigny, der studierter Mediziner und Staatspräsident der Elfenbeinküste war.

Durchlässigkeit nimmt zu

Zwar stammen in der Schweiz rund 
80 Prozent der Unternehmenslenker aus einer Akademikerfamilie, doch laut Ueli Mäder ändern sich die Zeiten. Der Eliteforscher und emeritierte Soziologieprofessor der Universität Basel sieht, dass die Durchlässigkeit in einigen Branchen in den letzten Jahren zugenommen hat. Zwar seien die Zeiten, in denen der klassische Aufstieg noch in einem Unternehmen stattfand, vorbei – jedoch nicht in allen Branchen.

«Für das mittlere und obere Kader ziehen einzelne Banken wieder vermehrt Leute vor, die nicht studiert, sondern eine Berufslehre im Bankwesen absolviert haben.» Gespräche Mäders mit Schweizer Verwaltungsräten haben ergeben, dass der Besuch eines Wirtschaftsgymnasiums einer Privatschule eher vorgezogen wird, wenn es um den Karriereweg eines potenziellen CEO geht.

Eine klassische Bankerkarriere legte Sergio Ermotti hin. Der UBS-Chef machte eine Lehre bei der Cornèr Bank in Lugano und absolvierte später das Advanced Management Programme in Oxford. Sein Vater war Bankangestellter, die Mutter Hausfrau. Auch Julius-Bär-Chef Boris Collardi kommt aus einem Nicht-Akademiker-Haushalt, studierte selber auch nicht und legte eine Blitzkarriere hin, er war sogar jüngster Bankenchef in der Schweiz.

«Es stellt sich die Frage, was gefragt ist, wenn der Wind in der Wirtschaft rauer weht», sagt Mäder. Die Zeiten änderten sich und die Anforderungen an die Spitzenmanager auch. Dann könnten die mit Durchsetzungsvermögen gefragt sein. «Der Aufstieg von unten kann wieder eine Rolle spielen.»

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