Ich hatte mal einen CEO als Chef, der eine veritable Schlafmütze war. Abends um zehn verabschiedete er sich und ging zu Bett. Er ging auch um zehn zu Bett, wenn er als Ehrengast zur Gala eines Branchentreffens eingeladen war. Er ging selbst dann, wenn er Geschäftspartner zu einem Nachtessen eingeladen hatte. Um zehn war Schluss.

Am nächsten Morgen stand er nicht übertrieben früh auf. Sitzungen schon morgens um acht gab es bei ihm nicht.

Durchschnittliche Schlafzeit beträgt 6,7 Stunden

Der Schlaf gehört zu den am besten erforschten Phänomenen des menschlichen und des tierischen Verhaltens. Das ist nicht überraschend. Der Schlaf ist eine Dunkelkammer, und Dunkelkammern ziehen immer die grösste Aufmerksamkeit der Wissenschaft auf sich.

Im Schnitt kommt der Mensch auf eine Schlafzeit von 6,7 Stunden. Er liegt damit im Mittelfeld der Säugetiere. Spitzenreiter sind die männlichen Löwen, die um die 18 Stunden am Tag schlafen. Am wenigsten Schlaf brauchen Giraffen, die mit einer Stunde auskommen.

Je höher in der Nahrungskette, desto mehr Schlaf

Beim Schlaf gilt das Prinzip der Nahrungskette. Je höher man in der Nahrungskette steht, desto mehr Schlaf gönnt man sich. Der Löwe hat keine Feinde, und das Futter wird von seinen Weibchen herbeigeschafft. Also döst er. Für die Giraffe hingegen ist jede Minute Schlaf ein Risiko, weil sie sich dazu auf den Boden legt und viel Zeit braucht, um auf die Beine zu kommen. Am Boden ist sie angreifbar.

Damit wären wir zurück bei meinem Chef. Auch er stand oben in der Nahrungskette. Seine Untergebenen schafften das Futter herbei und sassen dazu oft bis abends spät im Büro. Er konnte es lockerer angehen lassen. Auch das Sofa in seinem Büro war auffallend gross.

Wir lernen also eine Lektion. Wenn Ihnen ein Manager von seinem Stress erzählt und stolz sagt, er komme häufig nicht vor Mitternacht aus dem Betrieb und morgens um sechs sei er schon wieder dort, dann geben Sie sich unbeeindruckt und sagen: «Ich wusste gar nicht, dass Sie so weit unten in der Nahrungskette stehen.»

Problemlösung im Schlaf

Und nun kommen wir zur positiven Seite. Bei der ersten Sitzung am Morgen, so um neun Uhr, war mein Chef häufig glänzend in Form. Oft überraschte er mit einer Idee, die ein ungelöstes Problem aus den Vortagen elegant beseitigte.

Den Seinen gibts der Herr im Schlaf. Lange glaubte man, dass es sich dabei nur um eine Volksweisheit handle. Inzwischen weiss die Forschung, dass im Schlaf tatsächlich Problemlösungsprozesse ablaufen. Im Schlaf werden Informationen aus der Wachphase neu sortiert und überflüssige Daten gelöscht. Das ist wichtig, weil danach das sogenannte Arbeitsgedächtnis, das man für die kurzfristige Entscheidungsfindung braucht, gut funktioniert. Erst nach Tagen oder Wochen werden die Daten aus dem Arbeitsgedächtnis ins Langzeitgedächtnis übergeführt und in der Hirnrinde abgespeichert.

Viele Genies schlafen viel

Das Arbeitsgedächtnis meines Chefs war nach dem Aufwachen in hervorragendem Zustand. Er löste die Probleme sozusagen im Schlaf. Das ist wissenschaftlich abgesichert. In verschiedenen Experimenten zeigte sich, dass komplizierte Aufgaben von Probanden nach dem Aufstehen deutlich besser gelöst wurden, als wenn man ihnen dieselbe Fragestellung am Nachmittag vorlegte.

Vielleicht war mein Chef einfach ein Genie. Viele Genies schlafen viel. Johann Wolfgang von Goethe machte es nie unter zehn Stunden. Albert Einstein schlief zwölf Stunden pro Tag.

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