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Online-Netzwerke: Per Mausklick zum neuen Job

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Online-Netzwerke wie Xing werden für die ­Jobsuche immer wichtiger, denn Headhunter und Personalchefs durchstöbern die Plattformen. ­Es gibt auch Risiken.

Von Elisabeth Rizzi
2008-05-22

Seit ganzen zwei Minuten bin ich bei Xing angemeldet. Ich arbeite noch am Feinschliff meines Profils – und schon trudelt eine ­E-Mail mit der ersten Kontaktanfrage herein. Nach weiteren zwei Minuten klicke ich selbst die Suchfunktion an: Schulkollegin X. arbeitet heute an der Uni Luzern, Schulkollegin Y. macht Öffentlichkeitsarbeit für eine Grossbank, und Studienkollegin Z. ist Compliance Officer geworden. Ein weiterer Mausklick, und der Journalistenkollege in Bern weiss, dass ich jetzt auch dazugehöre.

Soziale Netzwerke sind längst mehr als lediglich dazu da, Ferienfilme auszutauschen und Freunden virtuell auf die Schultern zu klopfen. Je länger, desto mehr sind Xing und Co. Instrumente zur Karriereförderung und Vehikel für die Jobsuche. Bei Businessnetzwerken wie Linked­In und Xing ist die Hemmschwelle für eine Kontaktaufnahme zu Geschäftspartnern und Informanten tief: Ein einziger Mausklick genügt – während man sich an einem Geschäftsapéro vielleicht nicht trauen würde. «Für Freelancer ist es mit Internetnetzwerken einfacher geworden, bei Firmen die richtigen Ansprechpersonen zu finden. Denn hier sind die mittleren Kader versammelt, an die sie konkrete Offerten richten können», beobachtet Karin Frick, Trendforscherin am Gottlieb Duttweiler Institut (GDI).

BESSER ALS ENGE FREUNDE. Soziale Netzwerke sind überdies leichter zu bewirtschaften als eine Visitenkartensammlung. Die Kontaktpflege wird effizienter und billiger. Das ist essenziell, können doch auch die schwächeren Kontakte mit vertretbarem Aufwand gepflegt werden. Diese sind ohnehin um einiges entscheidender für unser Leben, als wir es erwarten würden. «Die eigentlich schwachen Bindungen sind nützlicher als enge Freunde oder Familienmitglieder, besonders wenn es darum geht, einen neuen Arbeitsplatz zu finden», so das verblüffende Ergebnis einer Studie von Karin Frick.

MANGELWARE TALENT. Doch nicht nur selbst aktivierte Kontakte sind entscheidend bei der Jobsuche: Immer mehr Arbeitgeber und Personal­vermittler durchforsten das Internet. So arbeiten Headhunter wie Heidrick & Struggles systematisch mit Daten aus dem Cyberspace. «Für uns haben Businessnetzwerke einen hohen Stellenwert, und zwar als Teil einer ganzheitlichen Search-Philosophie», sagt Managing Partner Bernard Zen-Ruffinen. Er sieht Online-Netzwerke als Ergänzung zu den üblichen Recruiting Tools und Datenbanken. Konkret nutzt Heidrick & Struggles die Netzwerke, um Lebens­läufe zu recherchieren, oder auch, um zu erfahren, in welchen Clubs, Vereinen und Verbänden sich jemand bewegt. Sämtliche Personalvermittler des Unternehmens sind Vollmitglieder in den relevanten Online Communities.

Auch bei der eigentlichen Kandida­ten­suche gewinnen Businessnetze an Be­deutung. Denn Arbeitgeber haben zunehmend Mühe, Hochschulabsolventen mit herkömmlichen Mitteln wie Präsentationsveranstaltungen oder Inseraten zu rekrutieren: Junge Talente sind zur Mangelware geworden und können es sich leisten zu warten, bis sie persönlich angesprochen werden. Dazu eignet sich das Internet. «Besonders Young Professionals und Direkteinsteiger sind leicht über Online-Netzwerke erreichbar», stellt Nelly Riggenbach fest. Sie ist Country Manager beim Weltmarktführer für Employer Branding, Universum Communications. Und Riggenbach glaubt an das wachsende Jobpotenzial von Cyber Communities. Sie fordert deshalb, jeder Konzern müsse einen Personalexperten für soziale Netzwerke haben.

Sich mit dem Mechanismus von Social Networks auseinanderzusetzen, lohnt sich für Firmen aber nicht nur bei Neurekru­tierungen. Denn was oft vergessen geht: ­Stellenbewerber erkundigen sich je länger, je mehr bei Freundschaftsnetzen wie My­space oder Facebook über das Image möglicher Arbeitgeber. Und da die History-Funktion auch die Suche nach ehemaligen Angestellten erlaubt, fallen unattraktive Arbeitsbedingungen schnell auf.

PERSONALCHEFS IM NACHTEIL. Die Realität sieht allerdings anders aus: Die Personalchefs kennen sich meist weniger gut mit den Tücken von Online-Netzen aus als ihre jungen Talente. Social Networks spielen bei etlichen Grossfirmen deshalb erst eine marginale Rolle. «Für die Besetzung exponierter Positionen wird schon mal gegoogelt. In erster Linie nutzen wir das Internet, um erwähnte Daten wie Dissertationen oder Publikationen zu überprüfen», sagt Michael Schiendorfer von Novartis. Bei Siemens werden Netzwerke wie Xing gemäss Pressesprecher Marco Steinmann durchaus zur Kontaktaufnahme genutzt. Ein generelles Screen­ing von Bewerbungsdossiers finde jedoch nicht statt. Und auch bei Zurich Financial Services Schweiz wird das Internet nur hie und da konsultiert.

LOCKSTOFF FÜR HACKER. Die UBS wertet im Einstellungsprozess keine Interneteinträge aus. Und auch bei CS zählt Recherche im Netz nicht zum Standard-Recruiting-Prozess. Die Mitgliedschaft bei Online-Netzwerken wird laut der Medienstelle nicht überprüft. Seiten für den «lediglich privaten Gebrauch» wie Facebook sind für die Angestellten sogar gesperrt. «Nicht nur in der Schweiz haben Firmen diesbezüglich noch grossen Nachholbedarf», ist Riggenbach überzeugt.

Es wird nicht mehr lange möglich sein, virtuelle Kontaktnetze unbeachtet zu lassen. Die Konvergenz von Internetangeboten birgt noch viel Potenzial. Riggenbach kann sich künftige Kooperationen zwischen Social Networks und Online-Jobplattformen vorstellen. «Umgekehrt ist es denkbar, dass Freundschaftsnetze wie Facebook und Myspace Zusatzapp­likationen für Jobangebote einführen», meint sie.

«Auch Partnervermittlungs-Communities könnten Zusatzangebote für Stellensuchende schaffen. Umgekehrt dürfte für Netzwerke wie Xing oder LinkedIn der Partnermarkt interessant werden», glaubt die Trendforscherin Karin Frick. Zum Beispiel könnten Internetangebote, die es ermöglichen, Flüge auf Netzwerksmitglie­der hin zu checken, um einen benach­barten Sitzplatz zu buchen, oder auf Businessreisen Personen zu suchen, die sich in derselben Stadt aufhalten, um mit diesen ein Dinner zu organisieren, beim Publikum Anklang finden.

Aber was auch immer Web 3.0 mit uns vorhaben sollte – die Kehrseite zeigt sich schon beim heutigen Web 2.0: Die Verquickungen zwischen realem und virtuellem Leben erfordern die Preisgabe persönlicher Daten. An diesen haben nicht bloss potenzielle Geschäftspartner Interesse, sondern auch die Welt der Hacker. Laut Antivirus-Software-Hersteller Symantec sind bereits zwei von drei attackierten Websites in den Vereinigten Staaten soziale Netzwerke. Zwei amerikanischen Studenten gelang es, mit Hilfe eines automatischen Skripts über 70  000 Facebook-Benutzerprofile herunterzuladen. Es nützt übrigens gar nichts, auf kleine Plattformen auszuweichen. «Für Angreifer ist es effizienter, grosse Netzwerke zu hacken. Wenn aber spezifische Daten gesucht werden, können auch kleine, spezialisierte Netzwerke ins Visier der Angreifer kommen», meint Stephan Glaus von der Melde- und Analysestelle Informationssicherung (Melani) beim Bund.

Doch für Ärger sorgen nicht nur die Angriffe von Hackern. Öffentlich zugängliche Daten könnten vielfältig verwendet werden, beispielsweise für Spams oder für gezielte Social-Engi­neering-Angriffe, warnt Glaus. «Dies ist ­besonders für Unternehmen problematisch, wenn mit persönlichen Angaben gezielte Angriffe gegen Mitarbeitende durchgeführt werden», beobachtet er. Notorische Kontaktesammler sind besonders gefährdet. Wer seine neuen Kontakte nicht sorgfältig prüft, läuft Gefahr, intime Details an dubiose Personen weiterzugeben. Diese wiederum können dann leicht personalisierte Phishing-Mails herstellen, Viren einschleusen oder Passwörter erraten.

JUGENDSÜNDEN IM NETZ. Die Netzwerkbetreiber ihrerseits stehen unter dem Druck, Einnahmen zu generieren. Besonderes Augenmerk liegt auf der Vermarktung der Benutzerprofile. Obwohl der Widerstand gross ist, dürfte es lediglich eine Frage der Zeit sein, bis der gläserne User zum Alltag geworden ist.

Als Risiko nicht zu unterschätzen ist schliesslich die Naivität der Benutzer. Denn Informationen, die einmal ins Internet geraten sind, bleiben in der Regel für immer hier. «Gerade für junge Leute ist deshalb die Gefahr gross, dass Jugendsünden im Netz verewigt werden», meint die Trendforscherin Karin Frick, «denn das Internet ist genauso informativ wie früher die Fichen. Nur sind die Informationen heute öffentlich.»

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