Da war er wieder, der alte Philipp Hildebrand. Fast ein Jahr lang hatte er geschwiegen, die Medienarbeit weitgehend seinem Stellvertreter Thomas Jordan überlassen. Nach dem Rekordverlust der Nationalbank von 21 Milliarden für das Jahr 2010 wollte er der SVP und ihren Konsorten nicht neue Angriffsflächen bieten.

Doch Ende November 2011 wähnte er sich sicher: SVP-Grande Christoph Blocher stand nach dem Wahlfiasko als Mann von gestern da, UBS-Gegenspieler Oswald Grübel hatte sich durch den Zwei-Milliarden-Verlust der Grossbank selbst aus dem Spiel genommen, und seine Verbündete im Kampf gegen SVP und Grossbanken, Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf, stand vor einer triumphalen Wiederwahl in die Landesregierung. Also gönnte sich der Präsident auch einmal etwas.

«Ich zahle bar», vertraute der oberste Schweizer Währungshüter der letzten November-Ausgabe der «Schweizer Illustrierten» an. Für die People-Postille posierte er eigens in seinem Büro am Zürcher Sitz der altehrwürdigen Institution. In der Ich-Form erzählte der 48-Jährige «mit tiefer, ruhiger Stimme», so die Illustrierte, wie er die UBS rettete und auf seinem Nachttisch gerade Leo Tolstois «Krieg und Frieden» liegen habe. Es war wie in den unbeschwerten Wochen zu Beginn seiner Amtszeit, als er sich vor zwei Jahren gross als «Zuchtmeister der Banken» («Die Zeit») oder «Erster Diener des Staates» («Magazin» des «Tages-Anzeigers») porträtieren liess.

Spezielle Wertschätzung erfuhr seine Gattin: Das Gemälde «Terracotta Soldiers», vor dem er sich ablichten liess, habe ihm «seine Frau, die Galeristin ­Kashya Hildebrand, aufgehängt», berichtete das Blatt pflichtschuldig. Besonders interessant wurde es, als der Präsident über die gemeinsame Finanzplanung im Haushalt der Hildebrands in ihrer Villa in Zürich Enge plauderte: «Ich verwalte das Geld gemeinsam mit meiner Frau.»

Nur Verlierer. Leider jedoch nicht immer, zumindest wenn man ihm glauben darf. Denn sechs Wochen nach den Einblicken in die familiäre Finanzplanung hat der fehlende Beweis dafür, dass seine Frau ohne sein Wissen 400 000 Franken in Dollars tauschte, seinen Rücktritt unausweichlich gemacht. Dazwischen liegt eine der schmutzigsten Politaffären der jüngeren Schweizer ­Geschichte, die nur Verlierer kennt: Die Nationalbank hat einen Reputationsschaden erlitten, der noch Jahre auf ihr lasten wird; das Bankgeheimnis ist nach dem Diebstahl von Kundendaten durch den IT-Mitarbeiter der Bank Sarasin sogar für einheimische Kunden löchrig; SVP-Vizepräsident Christoph Blocher, einst Vorsteher des Justizdepartements, steht im Verdacht, mit gestohlenen Bankdaten ein Komplott geschmiedet zu haben.

Und selbst Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf, seit Jahresbeginn Bundespräsidentin, muss sich unangenehmen Fragen stellen: «Wir haben nicht gewusst, dass das Reglement relativ lasch ist», sagte sie am 6. Januar in der Diskussionssendung «Arena» des Schweizer Fernsehens. Sie bezog sich auf das Reglement der Nationalbank zu den Eigengeschäften, das den Direktoriumsmitgliedern den Kauf von Devisen und Aktien – ausser Banktiteln – gestattet, sofern sie sechs Monate gehalten werden.

Jedoch: Sie selbst war zwischen 2003 und 2007 Mitglied des Bankrats, des Nationalbank-Kontrollgremiums, zuletzt sogar als Vizepräsidentin. Und genau dieser Bankrat hat das in der Tat viel zu lasche Reglement aus dem Jahr 2004, das 2010 nur leicht überarbeitet wurde, abgesegnet. Kannte die Bundespräsidentin dieses Reglement nicht, hat sie ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt. Kannte sie es doch, pflegt auch sie, wie praktisch alle Akteure dieser Tragödie, ein eher taktisches Verhältnis zur Wahrheit.

Aktiver Investor. Doch der Hauptverlierer in dem Spiel heisst Philipp Michael Hildebrand. Zu entlarvend sind die ­Dokumente, die der Präsident vor seiner finalen Pressekonferenz am 9. Januar ins Netz stellen musste. Es ist nicht nur der fehlende Beweis über den Absender des strittigen Devisen­geschäfts, der ihn sehr schlecht aussehen lässt. Vor allem offenbart die Korrespondenz mit seinem Sarasin-Kundenberater Felix Scheuber den Nationalbank-Präsidenten als einen kommunen Investor, der nach lukrativen Anlagechancen fahndet.

«Lächerlich tief» sei der Dollar gewesen, begründete die frühere Devisenhändlerin Kashya Hildebrand den Dollarkauf – ohne jede Einsicht in die spezielle Stellung ihres Gatten. Da erstaunt es nicht, dass Hildebrand mit Kundenberater Scheuber, wie E-Mails belegen, über Anlagechancen in der europäischen Versicherungsindustrie diskutierte. Scheuber pries die «einzigartigen Investmentgelegenheiten», welche die Branche wegen der regulatorischen Veränderungen biete. Wohlgemerkt: Hier handelt es sich um den Mann, welcher der Schweiz die härteste Bankenregulierung der Welt verschrieben hat und der die Macht der Nationalbank ausbauen wollte, indem er sie unter dem Schlagwort der «makroprudentiellen Überwachung» zur Aufseherin über das Hypothekargeschäft machen wollte. Damit kam er der Finanzaufsicht Finma ins Gehege, die wiederum die Versicherungen reguliert, bei denen Kundenberater Scheuber Spekulationsgewinne witterte – und darüber diskutierte der oberste Notenbanker mit seinem Kundenberater an einem Tag, an dem er nach eigenen ­Aussagen keine Zeit für die Asset Allocation hatte.

Aus jenem verhängnisvollen Telefonat vom 15. August 2011 wirkt noch eine andere Information wenig schmeichelhaft für Hildebrand: Scheuber hielt in seiner Notiz fest, dass Hildebrand «noch immer keinen Wunsch habe, ein diskretionär verwaltetes Portfolio zu führen». Das heisst: Die Bank Sarasin hatte ihm bereits zuvor angeboten, sein Vermögen für ihn zu verwalten. Doch er machte es ­lieber selbst.

Das Bizarre dabei: Das Bankerehepaar Hildebrand, das sich in den neunziger Jahren bei Moore Capital, einem der aggressivsten Hedge Funds der Wall Street, kennen gelernt hatte, stolperte über einen Anfängerfehler. Die Hildebrands führten ihre Bankgeschäfte bei der Bank Sarasin nicht über ein Nummernkonto, sondern über ganz gewöhnliche Kundenkonti, die von einem grossen Kreis von Bankmitarbeitern eingesehen werden können. Kundenberater Scheuber, seit 15 Jahren Betreuer der Hildebrands und vor drei Jahren von der UBS zu Sarasin gewechselt, soll sie laut Hildebrand dazu animiert haben.

Sie schienen sich – trotz langjähriger Bankerkarriere – nicht bewusst zu sein, in welche Lage sie damit die Bankmitarbeiter und sich selbst manövrierten. Denn eine normale Kontobeziehung, auf den Namen des Notenbank-Präsidenten lautend, muss in den Handelsräumen und im Back Office der Bank automatisch auf besonderes Interesse stossen. So war es dann im Herbst auch bei der Bank ­Sarasin. «Schaut euch mal die Buchungen auf dem Hildebrand-Konto an!», riefen sich die Mitarbeiter in den Handelsräumen und im Back Office zu. Es wurde getuschelt und gelästert, und schliesslich fand ein Screenshot des Hildebrand-Kontos über den IT-Mitarbeiter Reto T. den Weg zum Thurgauer SVP-Anwalt Hermann Lei, der das Material an Blocher und die «Weltwoche» weiterreichte (siehe «Verbrannte Erde»).

Geschönter Lebenslauf. War hier ein Spieler am Werk, der auch als Notenbank-Präsident seine Hedge-Fund-Vergangenheit nicht ablegen konnte? Fühlte er sich zu sicher? Oder wusste er doch weniger aus den Maschinenräumen der Bankkonzerne, als die Öffentlichkeit bisher angenommen hatte? Mit seiner Redegewandtheit, seinem Charme und seiner Weltläufigkeit verkörperte der 48-Jährige in der Öffentlichkeit das Amt des Nationalbank-Präsidenten fast perfekt. Selbst in den Pressekonferenzen zu seinen Eigen­geschäften vom 5. und 9. Januar, als er massiv unter Druck stand und sich in Widersprüchen zu den dargelegten Fakten verstrickte, zog er seine Zuhörer in den Bann. Vor allem auf internationalem Parkett vertrat er die Schweiz exzellent – mit seinem makellosen Englisch war er der erste Schweizer, der voll auf Augenhöhe mit dem amerikanischen Finanzminister oder dem englischen Notenbankchef zu konferieren vermochte. Zu ausgewählten Journalisten pflegte er für einen Notenbanker erstaunlich enge Kontakte. Angesichts der – in der Notenbankwelt einmaligen – Verfehlungen war seine Presse bis zum Ende überraschend gut.

Doch wer seine Stationen genauer verfolgt, kommt zu dem Schluss: Wie er auch in der Affäre, die ihn das von ihm so geliebte Amt kostete, nur auf Druck und scheibchenweise die Wahrheit preisgab, so bewegte sich Hildebrand auch mit seinen Darstellungen in anderen Bereichen auffällig oft am Limit – eine Todsünde für einen Notenbanker.

Der Lebenslauf etwa, den die Nationalbank 2003 nach seiner Ernennung in das Direktorium verschickte, führt ihn bei seinem ersten Job nach dem Studium im Jahr 1994 auf als «Mitglied des Executive Board des World Economic Forum in Genf (regionaler Verantwortlicher für Europa, verantwortlich für WEF-Aktivitäten im Bereich Finanzdienstleistungen)». Tatsächlich wirkte Hildebrand jedoch vorrangig als Assistent für den Forumspräsidenten Klaus Schwab bei einem Uno-Mandat. Als das Mandat auslief, verabschiedete sich Hildebrand nach wenigen Monaten Hals über Kopf, was beim WEF nicht goutiert wurde. «Er war noch in der Entwicklungsphase», heisst es dort heute süffisant von hoher Stelle. Beim letztjährigen Stelldichein in Davos gab es für Hildebrand keinen ­öffentlichen Auftritt im Rahmen des ­Forums.

Zu seiner ersten Station in der Schweizer Bankenwelt bei der Bank Vontobel heisst es im Lebenslauf: «Von August 2000 bis Oktober 2001: Chief Investment Officer der Vontobel Gruppe und Mitglied der Direktion der Bank Vontobel». Geholt hatte ihn der damalige Vontobel-Chef Jörg Fischer, der im März 2001 seinen Hut nehmen musste. Sein Einsatz­gebiet beschränkte sich jedoch auf das Projekt der Internetbank You, die Vontobel mit viel Geld lancieren wollte, dann aber aufgab. Er war also weder für die Anlagestrategie der Gesamtbank zu­ständig, noch traf er jemals Investitionsentscheidungen für die neue Internetbank, denn diese wurde nie gestartet.Statt der ausgewiesenen 15 Monate arbeitete er tatsächlich nur 6 Monate bei ­Vontobel: von September 2000 bis ­Februar 2001.

Ein ähnliches Bild bei der nächsten Adresse: Als «Generaldirektor und Mitglied des Exekutivkomitees» der Genfer Union Bancaire Privée (UBP) weist ihn der Lebenslauf ab Oktober 2001 aus, «verantwortlich für sämtliche Vermögensverwaltungsaktivitäten». In dieser Zeit investierte die Genfer Bank in grossem Stil bei bei dem späteren Milliarden­pleitier Bernard Madoff. Wenn er tatsächlich für die gesamten Vermögensverwaltungs­aktivitäten verantwortlich gewesen wäre, hätte er davon wissen müssen. Doch Hildebrand stritt jede Beteiligung ab. «Ich kenne Herrn Madoff nicht und habe ihn auch nie getroffen», sagte er 2009 zu BILANZ. Tatsächlich arbeitete Hildebrand bei der UBP in der Rolle eines Chefökonomen, der die Anlageprognosen gegenüber der Öffentlichkeit vertrat und für den Banklenker Edgar de Picciotto den Kontakt zur Deutschschweiz hielt.

Wie schaffte er von der UBP den Sprung ins dreiköpfige Direktorium der Nationalbank? Am Anfang stand ein Eklat. Als es im Herbst 2000 darum ging, die Nachfolge des Präsidenten Hans Meyer zu regeln, machte der Bankrat, der formal das Vorschlagsrecht zur Präsidentenkür hat, einen ungewöhnlichen Vorschlag: Das Kontrollgremium, geleitet vom Basler SP-Politiker Eduard Felser, portierte entgegen den Usanzen nicht den damaligen Vizepräsidenten Jean-Pierre Roth, sondern schlug mit dem CVP-Mann Bruno Gehrig, heute VR-Präsident der Swiss, die Nummer drei des Direk­toriums vor.

Der Bundesrat folgte diesem Vorschlag jedoch nicht und kürte den Vize Roth. «Wenn ich nicht gewählt werde, verlasse ich die Nationalbank», hatte Gehrig vorher verkündet. Es dauerte jedoch zwei Jahre, bis er einen passenden Job gefunden hatte: den Präsidenten­posten bei der Swiss Life. Um die düpierte CVP zu beschwichtigen, trat der Thurgauer CVP-Politiker Hansueli Raggenbass, ein wenig bekannter Rechts­anwalt aus Amriswil, 2001 in den Bankrat ein und übernahm 2002 das Präsidium. Raggenbass zog mit Gehrig an einem Strang, als es darum ging, ­dessen Nachfolge zu regeln.

Und so kam Hildebrand ins Spiel. Der hatte das WEF so abrupt verlassen, weil er dort einen hochrangigen Mitarbeiter des Hedge Fund Moore Capital Management kennen gelernt hatte. Der Fonds war von einem gewissen Louis Bacon gegründet worden und galt als einer der aggressivsten der Wall Street. Hildebrands Hauptaufgabe war es, für Bacon bei den Notenbankern und Regierungsvertretern zu sondieren, wie sie Wirtschaft und Währungen einschätzten. Er flog um den Globus und baute sich ein riesiges Kontaktnetz auf, allerdings nur bei öffentlichen Stellen. Seine Welt war das jährliche Meeting der Notenbanker in Jackson Hole im US-Bundesstaat Wyoming, wo er schon in jungen Jahren teilnahm.

Dort traf er auch Gehrig, dem der junge Schweizer mit der internationalen Aura sehr imponierte. Aufgefallen war ihm Hildebrand, weil er im April 1996 in der «Finanz und Wirtschaft» einen ganzseitigen Artikel veröffentlicht hatte. «Die Chance zum Wandel nutzen!», lautete die Titelzeile, und im Untertitel hiess es zur Schweizer Währungspolitik: «Lobenswerte Zielsetzung, schlechte Strategie, dürftiges Ergebnis». Für einen 32-Jährigen erstaunlich selbstbewusst.

Akademisches Leichtgewicht. Nach dem Eklat bei der letzten Besetzung konnte der Bundesrat dem scheidenden Gehrig und dem neuen Präsidenten Raggenbass nicht ein weiteres Mal in die Parade fahren. Raggenbass orchestrierte die Kandidatur so geschickt, dass es am Ende nur einen einzigen Kandidaten gab: Philipp Hildebrand. Akademisch war der Jungbanker in der abgeschotteten Welt der Notenbanker, die von ­Makroökonomen, wenn möglich mit ­Professorentitel, beherrscht wurde, ein Leichtgewicht: international ausgebildet zwar (Toronto, Genf, Oxford), doch nur in Politikwissenschaften, und nur Doktorat, keine Professur.

Doch das wurde bei der Nominierung nur wenig thematisiert. Mit seiner geschliffenen Rhetorik punktete Hildebrand auch beim Bundesrat. «Er will etwas für unser Land tun und ist ein ­sozialer Typ, dem es nicht ums Geld geht», begründete Raggenbass die Wahl. In diesen Tagen entstand die Nibe­lungentreue, die Raggenbass bis zu den bitteren Tagen im Januar 2012 an ­Hildebrand festhalten liess. Erst als er die belastenden E-Mails des Kundenberaters Felix Scheuber sah, rückte er von ihm ab – und steht jetzt selbst massiv unter Druck.

Mit dem Einzug des Exoten Hildebrand ins Direktorium im Juli 2003 hatte die Nationalbank ein Problem, wie sie es bis dahin nicht gekannt hatte: Hildebrand war mit 40 Jahren nicht nur das jüngste Direktoriumsmitglied in der Geschichte der Institution – er war wohl auch das wohlhabendste, das jemals in die Führung der SNB eintrat.
Zwar hielt sich der Quereinsteiger über seine Vermögensverhältnisse bedeckt, doch selbst konservative Schätzungen gingen von einem Vermögen von mehreren Millionen Franken aus. Mit seinem Flaggschiff Moore Capital Investments hatte Hedge-Fund-Manager Bacon in den neunziger Jahren eine durschnittliche Performance von mehr als 30 Prozent geschafft. Hildebrand stieg bei Moore Capial nach eigenen Angaben nach zwei Jahren zum Partner auf und übernahm anschliessend in London als eine Art Chefstratege die Leitung der Moore Capital Strategy Group. Das Vermögen Bacons wird heute auf 1,6 Milliarden Dollar geschätzt. Allein die Immobilienliste, die Hildebrand 2003 gegenüber BILANZ erwähnte, war stattlich: verschiedene Wohnungen in städtischen Zentren wie Paris und New York, ein, zwei Immobilien in der Schweiz, Land in Colorado.

Der reiche Neue. Einen Verhaltenskodex für Eigen­geschäfte gab es damals für das Direktorium nicht, er war angesichts der eher überschaubaren Vermögensverhältnisse der Direktoriumsmitglieder auch nicht notwendig. Der Präsident verdiente damals 592 000 Franken, für die beiden anderen Direktoriumsmitglieder gab es 20 000 Franken weniger. Nach Steuern gab es da wenig Anreize, im Devisenmarkt, der nur bei grossen Volumen Gewinne verspricht, zu spekulieren. Den Unterschied im Vergleich zu seinen beiden Mitstreitern im Direktorium machte Hildebrands Hedge-Fund-Vermögen, dem er seit seinem Eintritt bei der SNB in achteinhalb Jahren die Ersparnisse aus etwa sechs Millionen Franken Einkommen hinzufügte (siehe Grafik unter 'Downloads').

Die Nationalbank verfügte bis zum Eintritt Hildebrands lediglich über ihre Regeln für Eigengeschäfte, die für alle Mitarbeiter gültig und recht allgemein gehalten waren. Mit dem mutmasslichen Multimillionär Hildebrand, das war dem Präsidenten Roth klar, brauchte es ein neueres, detailliertes Reglement. «Lex Hildebrand» wurde das neue Regelwerk dann auch intern genannt.

Wer den Impuls dafür gegeben hat, ist umstritten. Hildebrand stellte sich selbst als Vater des neuen Reglements dar, so etwa in einem am 7. Januar 2012 erschienenen Porträt in der «Financial Times». Ein damaliges Mitglied des erweiterten Direktoriums erinnert sich jedoch, dass Roth die treibende Kraft hinter dem neuen Kodex war. Fakt ist: Der Impuls ging vom Direktorium aus, nicht vom Bankrats-Präsidenten Raggenbass, und formal war Präsident Roth verantwortlich. Er stellte am 18. September 2003 den Antrag an den Bankrat, die neuen Richtlinien über private Finanzgeschäfte der Direktoren und ihrer Stellvertreter zu genehmigen. Es entstand das Reglement, das im Wesent­lichen heute noch gilt und eine Kern­aussage hat: Aktien, Devisen, Obligationen und andere Finanzprodukte aller Art dürfen gekauft werden, sofern sie mindestens sechs Monate gehalten werden – mit Ausnahmen von ­Aktien und Optionen von Banken. Das Reglement trat am 1. November 2003 in Kraft und wurde vom Bankrat am 25. Juni 2004 bestätigt.

Wenige Wochen zuvor, am 1. Mai 2004, trat die damalige Bündner ­Finanzdirektorin Eveline Widmer-Schlumpf in den neu formierten, elfköpfigen Bankrat ein, vom Mai 2007 bis zu ihrer Wahl in den Bundesrat im Dezember 2007 amtete sie als Vizepräsidentin und damit Stellvertreterin von Raggenbass. Das schwache Reglement muss ihr also bekannt gewesen sein. «Wir haben nicht gewusst, dass das Reglement relativ lasch ist», sagte sie dennoch in der «Arena». Auf diesen Widerspruch hin befragt, fand die Bundesrätin nach Angaben ihrer Sprecherin keine Zeit für eine Stellungnahme gegenüber BILANZ.

Gelockertes Reglement. Das neue Reglement vom 16. April 2010, erlassen vier Monate nach Hildebrands Antritt als Präsident, enthält in puncto Anlagegeschäften nur eine wesentliche Änderung: Die bisherige Obergrenze für Aktienpositionen von 250 000 Franken wurde gestrichen. Zu einer Zeit, als Hildebrand den Grossbanken im Tandem mit Widmer-Schlumpf die härtesten Kapitalvorschriften der Welt aufbürdete, wurde das Reglement damit sogar leicht gelockert.

Hildebrand durfte also seit dem Eintritt in die Nationalbank 2003 in grossem Stil Aktien kaufen. Doch nach eigenen Aussagen tat er das nicht. «Ich besitze heute weder Aktien noch Derivate oder Hedge-Fund-Anteile», sagte er 2003 der BILANZ. Ob diese Aussage stimmte, lässt sich nicht überprüfen. Dass er im Jahr 2011 stark in Aktien investierte, belegt die Korrespondenz mit seinem Sarasin-Banker. In einem BILANZ-Interview von 2006 hat Hildebrand dagegen nachweislich die Unwahrheit gesagt: «Wir dürfen (…) keine Wechselkursoperationen vornehmen. Falls wir Firmenaktien halten, ist dies nur über ein Vermögensverwaltungsmandat möglich.» Beide Richtlinien gibt es in dem Reglement nicht, und deswegen hat Hildebrand sie auch nicht befolgt.

Bei seinem bisherigen Vize Thomas Jordan wird sich das Thema kaum stellen. Der Bieler hat weder eine Hedge-Fund-Vergangenheit noch einen familiären Drang zu Dollar-Guthaben. Er ist seit 15 Jahren bei der Nationalbank und hat seit seinem Eintritt ins erweiterte Direktorium im Juli 2004 etwa 4,5 Millionen Franken verdient, was über einen Zeitraum von siebeneinhalb Jahren kaum zu üppiger Devisendiversifikation inspirieren dürfte. Zwar hat Jordan die wesentlichen Entscheide Hildebrands mitgetragen, denn das Gremium arbeitet als Kollegialbehörde. Doch den Furor des SVP-Lagers wird er kaum auf sich ziehen.

Hildebrand hat sich immer als Kosmopolit verstanden und die Schweizer Interessen aus seiner internationalen Perspektive heraus definiert. Die Kriegsführung der SVP gewann dann auch vor allem nach seinem heftigen Eintreten für den Schweizer Milliardenkredit an den Internationalen Währungsfonds an Schärfe. Der Rekordverlust von 21 Milliarden Franken 2010 lieferte seinen Kritikern dann Munition, seine ökonomische Kompetenz anzuzweifeln.

Diese Angriffsfläche bietet Jordan nicht: Der 48-Jährige habilitierte in Harvard und wurde 2003 zum Honorarprofessor der Uni Bern ernannt, wo er Vorlesungen zu Geldtheorie und Geldpolitik hält. Als Internationalist gilt Jordan in ­Habitus und Kommunikation kaum – sein dreijähriger Forschungsaufenthalt in Harvard war seine einzige grös­sere Auslandstation. Er entspricht wieder dem klassischen Bild des Staatsdieners, das die Notenbank-Chefs vor Hildebrand ausgezeichnet hatte.

«Jeder einzelne Mensch sollte aus der Krise lernen und sein Verhältnis zum Geld ändern», sagte Philipp Hildebrand im November 2011 der «Schweizer Illustrierten». Er selbst ist an seinem eigenen Anspruch gescheitert. 

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