Herr Vincenz, herzlichen Glückwunsch zur Übernahme der ältesten Schweizer Bank. Was bedeutet dieser Deal für Sie persönlich?
Pierin Vincenz: Für mich stellt dieser Deal eine neue Herausforderung dar. Ich fühle mich der ältesten Schweizer Bank gegenüber verpflichtet, das Unternehmen erfolgreich in die Zukunft zu führen.

Wollten Sie sich mit der Übernahme ein Denkmal setzen?
Wo denken Sie hin. Ich bin seit 16 Jahren für diese Bank tätig. Ich suche ständig nach Lösungen, um dieses Finanzinstitut weiterzuentwickeln und den Finanzplatz Schweiz als Ganzes zu stärken. In diesem Fall mussten wir eine Güterabwägung vornehmen. Wollen wir unseren Finanzplatz nach Jahren des Steuerstreits mit Drittstaaten weiter schwächen und Stellen abbauen, oder den Bankenplatz stärken und die Arbeitsplätze erhalten. Wir haben uns für letztere Variante entschieden.

Trotzdem eröffnen sich für die Raiffeisen Gruppe mit der Übernahme der Privatbank Wegelin & Co. neue finanzielle Möglichkeiten. Kommt eine mögliche Fusion mit einer anderen Privat- oder Vermögensverwaltungsbank wieder aufs Tapet?
Zunächst müssen wir nach diesem Deal unser Geschäft konsolidieren und stabilisieren. Diese beiden Faktoren sind derzeit entscheidend über den Erfolg oder Misserfolg unserer Firma.

Das ist keine Antwort.
Natürlich prüfen wir, wie wir unser Finanzinstitut erfolgreicher machen können.

Somit sind Sie an weiteren Übernahmen interessiert?
Wir haben mit dem heutigen Deal eine gesunde und solide Basis geschaffen. Uns stehen alle Möglichkeiten offen – dazu gehören auch Fusionen.

Die Übernahme der Bank Wegelin ist für Sie ein Erfolg. Aber dieses Geschäft kostet einiges. So ist die Privatbank dafür berühmt, ihren Mitarbeitern hohe Löhne zu zahlen. Diese Lohnkosten wird jetzt auch das Budget der Raiffeisen belasten. Wann greifen Sie zum Kahlschlag?
Es wird keinen Stellenabbau geben. Die neugegründete Notenstein Privatbank AG wird als eigenständige Bank positioniert – allerdings mit den Compliance Vorschriften der Raiffeisenbank.
 
Also wird es keine Lohn- und Bonikürzungen geben?
Wir haben keine Indikatoren dafür, dass die Lohn- und Bonikosten bei der Wegelin zu hoch sind. Natürlich prüfen wir die Lohn- und Bonuskosten und werden diese auch gegebenenfalls unternehmerisch anpassen.

Die Lohnkosten sind das Eine. Die gescheiterte Expansion das Andere. Die Privatbank Wegelin hat sich unter der Führung von Konrad Hummler mit ihrer Expansion in der Schweiz finanziell übernommen. Das schlägt sich ab sofort ebenfalls auf die Bilanz der Raiffeisenbank nieder. Machen Sie diese Expansion jetzt rückgängig?
Ich sehe keinen Grund, auf die Expansion zurückzukommen. Die Filialen sind selbständige Einheiten innerhalb der Raiffeisengruppe. Natürlich nutzen wir Synergien bei Kompetenzfragen. So werden wir beispielsweise Kundenanlässe gemeinsam durchführen.

Kommen wir nochmals darauf zurück, wie die Übernahme überhaupt zustande gekommen ist.
Vor zehn Tagen stellte die Privatbank Wegelin erstmals den Kontakt mit uns her. Mich überraschte dieser Anruf nicht.
 
Warum nicht?
Wir wussten ja, dass sich Wegelin im Rechtsstreit mit den amerikanischen Behörden befindet. Deshalb suchten die Verantwortlichen von Wegelin nach einem Ausweg und stellten letztlich den Kontakt zu uns her.
 
Was wollte Wegelin-Chef Konrad Hummler?
Wir sollten der Bank wieder auf die Beine helfen. Das haben wir getan und so Arbeitsplätze erhalten.

Dieses Zeitfenster ist erstaunlich: Sie mussten innerhalb einer Woche für den Segen der Finanzmarktaufsicht Finma sorgen, die Verträge mit Wegelin selbst unter Dach und Fach bringen sowie mit den US-Behörden Gespräche führen. War das in so kurzer Zeit überhaupt möglich?
Wir haben es möglich gemacht. Wir haben das Geschäft geprüft und sind zur Tat geschritten. Sie müssen auch sehen: Es war eine Frage der Verantwortung. Wir wollten nicht zusehen, wie das älteste Finanzinstitut der Schweiz zugrunde geht. Zudem gehe ich davon aus, dass Wegelin bereits zu einem früheren Zeitpunkt den Kontakt zur Finma gesucht hat.
 
Sie deuten auch an, dass Gespräche mit den US-Justizbehörden geführt wurden.
Wir haben Gespräche mit Anwälten, der Finma und in den USA geführt.

Wie stark spürten Sie den Druck aus Übersee?
Es war nicht der Druck, sondern die Unsicherheit, welche uns zu schaffen machte. Die Kunden und Mitarbeiter waren verunsichert. Darüber hinaus stellte der latent, vorhandene Steuerstreit auch für den Finanzplatz selbst ein Unsicherheitsfaktor dar.

Neben der gescheiterten Expansionspolitik hat besonders der Steuerstreit mit den USA der Wegelin Privatbank das Genick gebrochen. Sie müssen mit denselben Leuten jetzt zusammenarbeiten. Wie wollen Sie in Zukunft sicherstellen, dass es innerhalb der Bank keine Beihilfe zu Steuerbetrug- und Hinterziehung mehr geben wird?
Wir werden Anpassungen im Regelwerk und in den Compliancestrukturen vornehmen. Allerdings sind die neuen Regeln im Vermögensverwaltungsgeschäft nicht nur für die Raiffeisen und die Wegelin, sondern auch für den gesamten Finanzplatz Schweiz eine Herausforderung.

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