Wenn man die Schweiz und Grossbritannien in Bezug auf die Anbindung der beiden Länder an die Europäische Union vergleicht, dann ergibt sich eine merkwürdige Asymmetrie. Die Briten sind Mitglied der EU, sind aber weder beim Schengener Abkommen noch beim Euro dabei. Die Schweiz hingegen ist kein Mitglied, nimmt aber an Schengen teil und ist ausserdem seit kurzem eine Art Ehrenmitglied im Euroraum.

Die Anbindung des Schweizer Frankens an den Euro war alternativlos. Aber sie ist bestenfalls eine vorübergehende Lösung. Durch die Festlegung 
einer Untergrenze von 1.20 Franken pro Euro hat man die Währung stabilisiert, wenn auch auf einem hohen Niveau. Als Nichtmitglied ist man darüber ­hinaus auch nicht an dem ganzen Euroschlamassel be­teiligt. Die Schweiz hat also kurzfristig die beste aller Welten: Sie bleibt unabhängig, hat ein gewisses Mass an Stabilität gewonnen und braucht sich 
nicht an der Rettung Griechenlands und anderer Länder zu beteiligen. Nur leider wird das langfristig nicht funktionieren.

Der Langfrist-Ausblick hängt vom Ausgang der Eurokrise ab. Ich sehe drei Szenarien. Das erste ist der Zusammenbruch des Euro. Ausschlies­sen kann man das nicht mehr. Dann drohte eine Periode extremer Instabilität für alle, von der auch die Schweiz betroffen wäre. Dieses Szenario würde beim Franken wahrscheinlich zu einer Rückkehr des freien Floatens führen. Ein Ende mit Schrecken wäre zwar unangenehm, aber zumindest wäre die Rolle der Schweiz als sicherer Hafen nicht mehr die gleiche wie zuvor.

Das zweite Szenario ist das optimistische. Der Euro bliebe erhalten, und der Euroraum ginge gestärkt aus der Krise hervor. Eurobonds würden eingeführt, und asiatische Investoren überschwemmten den Euroraum mit Kapital und drückten die Marktzinsen. In diesem Fall würden sich die Kapitalflüsse der letzten Jahre in Richtung Schweiz umkehren. Die Schweizerische Nationalbank wäre dann gezwungen, eine Obergrenze festzulegen, um eine Abwertung des Frankens und die hohe Inflation zu unterbinden. Die Instabilität bliebe erhalten. Wenn der Euro sich zu einer starken Weltwährung entwickeln würde, dann wäre es fraglich, ob kleine Währungen in unmittelbarer Nachbarschaft noch lebensfähig wären. Die Schweiz würde dann über kurz oder lang Teil eines ausgedehnten Euroraums.

In der dritten Variante überlebt der Euro, dümpelt vor sich hin und ­verliert eventuell das eine oder andere periphere Mitglied. Dann bliebe der Aufwertungsdruck des Frankens auf unbestimmte Zeit bestehen. Auch in diesem Fall würde man nicht mehr zu einem freien Wechselkurs des ­Frankens zurückkehren.

Die Wahrscheinlichkeit, dass eines der letzten beiden Szenarien eintreten wird, ist relativ gross, was wiederum impliziert, dass eine Mitgliedschaft der Schweiz im Euroraum langfristig Sinn ergeben könnte. Das setzt natürlich eine Vollmitgliedschaft in der Europäischen Union voraus. Die ewige Schweizer EU-Debatte wird also weitergehen – wenngleich unter ­anderen Vorzeichen.

Wolfgang Münchau betreibt in Brüssel den Internetdienst Eurointelligence.com und schreibt als Kolumnist für die «Financial Times».

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