Früher war es in vornehmen Zirkeln nicht erlaubt, die Frage zu stellen, ob der Euro ­jemals zerbrechen könne. Heute ist diese Frage nicht nur salonfähig geworden. Mittlerweile steht sie auf der Tagesordnung. Die Wahrscheinlichkeit eines ­solchen Ereignisses ist nicht ermittelbar. Es hängt von unvorhersehbaren Zufällen ab: Wird man die Pläne zur Krisenbewältigung umsetzen können? Wird die deutsche Koalition die Eurokrise über­leben? Werden die privaten Gläubiger tatsächlich an der vereinbarten Beteiligung der griechischen Gläubiger mitmachen?

Ein Zusammenbruch des Euro wäre sicher ein wirtschaftliches und politisches Katastrophal-Ereignis für Europa und zum Teil auch für die Weltwirtschaft insgesamt. Niemand wird sich gegen diesen Schock vollends impfen können. Es ist trotzdem ­geboten, sich vorzubereiten, um das Schlimmste zu verhindern und schnell wieder Fuss zu fassen. Das gilt insbesondere für kleine Volkswirtschaften in geografischer Nähe zum Euro.

Für einen gesamtwirtschaftlichen Stresstest würde ich drei Szenarien skizzieren. Im ersten hält der Euroraum zusammen, leidet aber ein Jahrzehnt wegen der grossen Anpassungslasten unter einem relativ schwachen Wachstum. Im zweiten Szenario bröckelt der Euro am Rand, der Kern mit Deutschland und Frankreich hält aber zusammen. Im dritten Szenario bricht der Euro komplett auseinander.

Jedes dieser Szenarien hat unterschiedliche Auswirkungen auf die Vermögenspositionen der Banken. Aber auch der Rest der Wirtschaft sollte sich einem derartigen Stresstest unterziehen. Egal, wie das Ganze ausgeht, es finden in den nächsten Jahren tektonische Veränderungen statt. Das erste Szenario hat die geringsten Auswirkungen auf Vermögenspositionen, dafür aber sehr negative auf alle Formen von Neugeschäften. Eine lange und tiefe Rezession ist in diesem Szenario sehr wahrscheinlich. Auch die Schweiz wird sich davon nicht abkoppeln können.

Das zweite Szenario birgt grosse Abwertungsrisiken. Griechenland und Portugal sind noch relativ klein, aber sollten Italien und Spanien am Ende aus dem Euro austreten, hätte das verheerende Folgen für die Vermögenspositionen aller Grossbanken, nicht zuletzt der schweizerischen. Im dritten Szenario sind die potenziellen Verluste so hoch, dass Europas Bankensektor zusammenbräche. Gegen einen Unfall dieser Grössenordnung kann man sich nicht schützen, da man von den indirekten Auswirkungen erschlagen wird.

Die beste Strategie für Banken und andere Investoren besteht darin, die Nettorisiken in diesen Ländern zu verringern, sowohl durch eine ­Reduzierung der Bruttoposition selbst als durch eine Absicherung mit Kredit­derivaten – am besten mit nichteuropäischen Banken als Vertragspartnern. Das Gegenpartei-Risiko ist im Fall eines Eurozusammenbruchs extrem hoch.

Eines aber macht diese Debatte klar. Aus der Sicht einer Bank oder eines Unternehmens ist es völlig richtig, sich vorzubereiten. Wenn es alle tun, dann verschlimmert das allerdings die Krise – eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Es war der kapitale Fehler der europäischen Politik, dass sie die Krise so weit ausarten liess.

Wolfgang Münchau betreibt in Brüssel den Internetdienst Eurointelligence.com und schreibt als Kolumnist für die «Financial Times».

Anzeige