Wir waren bis zur letzten ­Woche noch auf dem besten Weg zum Ein-Euro-Franken. Durch die angekündigte straffere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) ist diese ­Gefahr zunächst gebannt. Die europäischen Leitzinsen werden möglicherweise schon ab April von ­ihrem Tiefstand von einem Prozent stetig steigen. Ich erwarte ein Zinsniveau von zwei Prozent bis zum Jahresende mit anschliessend leicht steigender Tendenz.

Die Zinsen, die zwischen dem Euroraum und dem Rest der Welt auseinanderklaffen, werden Kurzfristanleger aus dem Dollar, dem Pfund und dem Franken zurück in den Euro jagen. Insbesondere für die Schweiz wäre das eine Erleichterung, merkwürdigerweise auch für den Euroraum. Ein höherer Wechselkurs ist das beste Instrument im Kampf ­gegen eine durch steigende Rohstoffpreise verur­sachte Inflation und gegen einen Lohndruck, der vorwiegend im Exportsektor entsteht.

Für den Fall, dass sich die Finanzkrise im ­Euroraum ihrem Ende nähert, wäre das wirklich das Ende der Aufwertungskrise des Frankens. Die Schweizerische Nationalbank würde nach ihren ­Verlusten 2010 in diesem Jahr einen deftigen Gewinn einfahren.

Doch bevor ich gratuliere – ein Wort der Vorsicht. Die Eurokrise ist trotz allen politischen Solidaritätsbekenntnissen nicht ausgestanden. Selbst die Deutschen wissen, dass man mit dem von ihnen vorgeschlagenen Pakt für Wettbewerbsfähigkeit keine Schuldenkrise löst. Griechenland wird um ­eine Umschuldung nicht herumkommen. Die Schuldenlast ist zu hoch, das Reformprogramm zu ambitiös und der Widerstand in der Bevölkerung zu gross. Irland ist ebenso insolvent, wenn man die noch nicht erfassten ­Verluste im Immobiliensektor berücksichtigt. Allein für die Banken­rekapitalisierung braucht die Grüne Insel mindestens weitere 50 Milliarden ­Euro. Und Portugal ist strukturell zu schwach. Das Land strebt trotz Rezession auf ein Leistungsbilanzdefizit von acht Prozent zu. Italien und Belgien sind mit einem Schuldenstand von 100 Prozent des BIP solvent. Portugal ist es nicht. Spanien wiederum ist solvent, aber die Umstrukturierung des Finanzsektors wird wohl mehr als die von der Regierung veranschlagten 20 Milliarden Euro kosten. Die Schätzungen liegen zwischen 50 und 100 Milliarden Euro. Auch hier ist man zu ­optimistisch, was den ­Immobilienmarkt angeht.

Es lauern noch viele Gefahren. Das Bemühen Deutschlands, seine ­Verantwortung einer beschränkten Haftung zu unterziehen, wird irgendwann von den Märkten geprüft. Das sind Krisen­momente, die uns noch bevorstehen. Sie werden schwerer wiegen als die noch relativ kleinen Zinsdifferenzen. Ich kenne italienische Familien, die ihr gesamtes ­flüssiges Vermögen in die Schweiz brachten, nicht um Steuern zu umgehen oder vom steigenden Franken zu profitieren, sondern weil sie um ­dessen Bestand bangten. Dabei gehört Italien nicht einmal zu den ­gefährdeten Ländern. Und wer in Griechenland Geld hat, hat es schon längst nicht mehr dort. Eine Rückkehr zur Stabilität im Euroraum ist nicht nur für diesen wichtig. Sie ist auch eine notwendige und hinreichende Voraussetzung für die Stabilität in den innereuropäischen Wechselkursen. Die Zinspolitik der EZB erleichtert die Situation. Nach all den schlechten Nachrichten ist das endlich einmal ein gutes Signal.

Wolfgang Münchau betreibt in Brüssel den Internetdienst Eurointelligence.com und schreibt als Kolumnist für die «Financial Times».

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