Die Schlüsselstelle der Kletterroute «Separate Reality», 200 Meter über dem Tal im Yosemite Valley, ist ein sechs Meter weit ausladendes waagrechtes Felsdach, das von einem faustbreiten Riss durchzogen wird. 1978 wurde sie erstmals erklettert, mit guter Sicherung und nach vielen durch das Seil aufgefangenen Stürzen ins Leere. Im Oktober 1986 stand Wolfgang Güllich, schon damals eine Kletterikone, nur mit Shorts, Magnesiabeutel und Kletterschuhen ausgerüstet, unter dem Felsdach, um dieses «free solo» zu erklettern, also ohne Seil, Netz oder doppelten Boden. Ein kleinster Rutscher, eine winzige Unsicherheit, und Wolfgangs Leben würde auf die Spanne reduziert, die ein menschlicher Körper für einen 200 Meter tiefen Absturz braucht.

«Er stand unter Strom und zitterte vor Erregung», entsinnt sich Heinz Zak, der den Wahnsinn fotografierte. Güllich: «Du bist vollkommen in die Konzentration vertieft und geniesst die totale Aktivierung, du erlebst dich und alles so intensiv wie sonst nie.» Und dann trat er für Minuten in diese andere Wirklichkeit ein; es gab keine Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft, nur totale Konzentration. Am Dachrand löste er die Beine, schwang sie über die Dachlippe hinaus und verhakte die Füsse kopfüber, um sich wieder in die «normale Welt» zurückzuziehen. Ein Glücksgefühl durchflutete ihn.

Güllichs Risiko war rein subjektiv bestimmt. Was für die meisten mit einem Scheitern geendet hätte, war für ihn kalkulierbar, er war in optimaler Verfassung, kannte jeden Kletterzug von früheren Begehungen mit Seilsicherung. Der Fels war absolut verlässlich fest, es drohten also keinerlei objektive Gefahren. Wolfgang wusste, was er tat, die Relation zwischen Risiko und Lustgewinn war bei totaler Eigenverantwortung perfekt.

In der Gipfelregion des K2 vor einigen Wochen war dies anders: Die Akteure waren zum Teil nicht fähig, ohne vorher fixierte Seile abzusteigen, ihre Route wurde von fragilen Eisbalkonen bedroht. Als diese abbrachen, fegten sie einen Teil der Bergsteiger und die Seile in die Tiefe, weitere Kletterer stürzten ab, weil das Gelände nun für sie zu schwierig geworden war. Das erinnert an den US-Subprime-Markt.

So entziehen sich manche dem immer dichter werdenden Sicherheitsnetz von Regeln, um den evolutionistischen Adrenalinrausch auf der Flucht vor dem angreifenden Mammut nachzuerleben. Sie meinen zumindest temporär, Nietzsches Diktum praktizieren zu müssen: «Das Geheimnis des fruchtbaren Lebens heisst gefährlich leben, darum: Baut eure Häuser an den Vesuv!»

Mischformen von subjektivem und objektivem Risiko sind das Gehen auf den Gletschern des Monte Rosa ohne Biwakausrüstung, Investitionen in Hochrisikobereiche, Versuche, den K2 für sich zu erobern, oder River Rafting ohne Ausbildung und vorhergehende Erkundung. Solches Verhalten fasziniert und tritt auch immer wieder in Form von Massenpsychosen auf. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, tanzte ganz Europa nach einer satten Zeit der Frustration im Freudentaumel und zog singend mit wehenden Fahnen ins vermeintliche Vergnügen. Doch maximale Freude verkehrte sich bald in das ultimative Grauen, im Feuer der Maschinengewehre und in den Schützengräben war das subjektive Management des Risikos unterhöhlt.

Das Verhältnis von Risiko und Lustgewinn verläuft U-förmig: Solange der Erfolg von den eigenen Fähigkeiten abhängt, ist die Beziehung linear; Eisbalkone, Granaten, faule Kredite und unhandliche Boote entziehen sich dagegen unserer Kontrolle, biegen die Kurve nach unten und lassen die Lust dem Schrecken weichen.

Ich wünsche Ihnen einen lustvollen Herbst in der Schweiz ohne Unwetter oder Kehrwasser. Falls Sie doch ein Gewitter überrascht, stülpen Sie sich Ihren Biwaksack über, und falls Sie ein Kehrwasser fahren wollen, schauen Sie es sich vorher an.

Oswald Oelz war bis Ende Juli 2006 Chefarzt für Innere Medizin am Triemli-Spital Zürich. Der Bergsteiger und Buchautor liess sich mit 63 Jahren pensionieren.

Buchtipp

Adrenalin, Bullshit und Chemotherapie.

Texte von Oswald Oelz von A wie «Adrenalin» über H wie «Heldentaten» bis Z wie «Zu guter Letzt».

Obwohl Oelz mit seinen Ideen ansteckend wirkt, ist er weder Missionar noch Rezeptverkäufer. Er drängt sein Leben niemandem auf. Was fasziniert und anspricht, ist der nüchterne Blick des Doktors auf die menschliche Existenz, gepaart mit den Erfahrungen am Berg. Was er schreibt, ist unverstellt hart und wirkt gerade dadurch befreiend und tröstlich. «Glasklar erlebt man das Leben. Und ebenso glasklar den Tod.»

Gebunden, 168 Seiten

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