1. Home
  2. Oswald Oelz: Lebensspuren

 
Oswald Oelz: Lebensspuren

Manche Vermögende hinterlassen dereinst Villen, Hodlers oder Maseratis – und sonst nichts. Dies spiegelt sich auch in ihren leeren Gesichtern.

Veröffentlicht 21.11.2008

Die ausgebrannte Wüste von G.W. Bushs Visage spiegelt die Zerstörungen, die er anrichtete – dagegen wirkte Bill Clinton nach acht Jahren im Oval Office noch geradezu jugendlich und zu allerlei Unfug bereit. Silvio Berlusconi liess sich zur Mickey Mouse Jackson retuschieren, während Nelson Mandelas oder Ernst Siebers Furchen und Strahlen die Spuren eines erfüllten Lebens sind. Wir alle, ob Paten oder Friedenspreisträger, bestimmen mit dem, was wir an Schurkereien und Wohltaten anrichten, das Aussehen unserer reifen Jahre.

Unlängst durfte ich das Vorwort zum illustrierten Lebenswerk eines weisen 98-Jährigen schreiben und machte mir dabei Gedanken über das Geheimnis eines glücklichen und erfolgreichen Lebens – denn das strahlten die Altersporträts die­ses Mannes aus. Er war offenbar mit robusten Genen gesegnet und hatte eine günstige frühkindliche Prägung in Sozialkompetenz mitbekommen. Er machte sich früh daran, die Wunder der Welt mit riesiger Neugierde zu erkunden. Strapazen beim Durchqueren von Hochwüsten unter kärglichsten Bedingungen, im Wettstreit um Forschungsmittel oder in der akademischen Lehre waren ihm Ansporn und Freude.

Unbekanntes wurde um der Erkenntnis willen erforscht und nicht in erster Linie zur Karriereförderung oder zur Hebung des persönlichen Einfluss­faktors. Der Mann wusste, dass jenseits des sich weitenden Horizonts neues Land voller Risiken und Wundersamkeiten liegt. So wurden Hindernisse zu Herausforderungen und nicht zur hemmenden Barriere. Dabei verbarg sich hinter den blauen Augen des ­zähen Pilgers die notwendige Schlitzohrigkeit, mit der er Grenzhüter, Beamte und andere Bremser überlistete. Dies brachte ihn in die Hochwüsten Asiens, den Urwald von Kolumbien, auf einen Lehrstuhl der ETH und zum Tee mit Deng Xiaoping und dem König von Bhutan.

Dabei begegnete der Professor den Menschen, ob Studenten, Kollegen, Yaktreibern oder Urwaldindianern, mit Offenheit, Freude und Wohlwollen. Man muss Menschen mögen, um ein glückliches Leben zu führen. Solche Gedanken äusserte ich auch, als ich wenig später die Festrede anlässlich des 80. Geburtstages eines Freundes hielt, eines Mannes, der vom Glück gesalbt ist. Auch er hat gute, währende Spuren im Leben seiner Zeitgenossen hinterlassen, und auch sein Gesicht ist davon gezeichnet. Unter den Zuhörern sassen manche, die es mit allerlei Geschäften scheinbar viel weiter gebracht hatten. Sie konnten wohl Villen, Feriensitze in St.  Moritz und auf den Bahamas ihr Eigen nennen, Sammlungen von Oldtimern oder Maseratis in der Garage oder ein paar Hodlers im Esszimmer – dies aber mit ausgebrannten, leeren Gesichtern und mächtigem Bauchfett.

Sie wirkten nachdenklich, wenn auch spät in ihrem Leben. Vielleicht kam in manchen der Gedanke auf, dass Kontostand und BILANZ-Ranking am Lebensende ohne Belang sind. Vielleicht versuchen sie ja noch, ­ihre Lebensspuren etwas zu verschönern – mit etwas mehr als fünf Prozent ihres Reingewinns, wie dies ein inzwischen gestürzter Schweizer Hochgewinnler vor einem Jahr mit selbstgerechtem Stolz verkündete. Wahrscheinlich währt der Versuch allerdings nicht lange, und sie sorgen sich zurzeit um ihr schrumpfendes Vermögen.

Ich sitze, während ich das schreibe, an der Quelle des Ganges im indischen Himalaja und sehe Menschen fast gänzlich frei von Besitz, aber mit glücklichen Gesichtern an mir vorbeigehen. Die Sardus segnen ihre Mitmenschen. Vielleicht ist es für manchen noch nicht zu spät, um Lebensspuren und Gesichtskosmetik zu verbessern.

Oswald Oelz war bis Ende Juli 2006 Chefarzt für Innere Medizin am Triemli-Spital Zürich. Der Bergsteiger und Buchautor liess sich mit 63 Jahren pensionieren.

Buchtipp

Adrenalin, Bullshit und Chemotherapie.

Texte von Oswald Oelz von A wie «Adrenalin» über H wie «Heldentaten» bis Z wie «Zu guter Letzt».

Obwohl Oelz mit seinen Ideen ansteckend wirkt, ist er weder Missionar noch Rezeptverkäufer. Er drängt sein Leben niemandem auf. Was fasziniert und anspricht, ist der nüchterne Blick des Doktors auf die menschliche Existenz, gepaart mit den Erfahrungen am Berg. Was er schreibt, ist unverstellt hart und wirkt gerade dadurch befreiend und tröstlich. «Glasklar erlebt man das Leben. Und ebenso glasklar den Tod.»

Gebunden, 168 Seiten

Normalpreis: SFr. 28.00

Abonnenten-Preis: SFr. 26.00

Bestellen Sie jetzt direkt beim Verlag Echtzeit, porto- und spesenfrei.

Schreiben Sie uns Ihre Meinung zu diesem Artikel.

Anzeige