An einem sonnigen Mittag im Mai grillierte ich Lammfilets, wir tranken Retsina, und Markus, ein gestandener Journalist, besprach mit mir die Abfolge meiner Texte für ein geplantes Buch in seinem Verlag. Darauf stiessen wir an und dann noch auf die Markus bevorstehende Herz­operation. Seine Aortenklappe, also das Ventil zwischen linker Herzkammer und Aorta, schloss nicht mehr richtig. Deswegen hatte man dem Patienten den Ersatz durch eine künstliche Klappe empfohlen.

Voller Überzeugung stimmte ich dem zu, diese Operation sei heute Routine, Markus war noch nicht einmal 50-jährig und abgesehen von seiner Aortenklappe gesund. Komplikationen seien bei weniger als zwei Prozent der Patienten zu befürchten. Bei ihm sowieso nicht. No problem.

Zwei Monate lang bestätigten sich die optimistischen Prognosen, die Operation war erfolgreich verlaufen, der Patient erholte sich rasch und trat eine Rehabilitation in einer spezialisierten Klinik an.

Doch dann, ohne jegliche Vorwarnung, brach der Patient eines Morgens in der Rehabilitationsklinik zusammen. Ein Blutgerinnsel, das sich an der künstlichen Herzklappe gebildet hatte, war ins Gehirn gespült worden und hatte einen Schlaganfall verursacht. Diese Komplikation lässt sich mit Blutverdünnung fast immer verhindern – aber eben nur fast. Die Blutverdünnung wurde intensiviert, alle Richtlinien guter klinischer Praxis wurden befolgt, und trotzdem trat die nächste Komplikation auf: eine riesige Blutung im Gehirn. Der Schädel wurde geöffnet, das Blut und zerstörtes Hirngewebe wurden abgesaugt, der Patient fünf Wochen lang auf der Intensivstation beatmet. Alle behandelnden Ärzte und ich als Beobachter waren zutiefst besorgt. Vor 10 oder 20 Jahren haben solche Patienten kaum überlebt. Markus liess keine Komplikation aus: Wochenlang tobte in seinem Gehirn ein elektrischer Sturm, zugleich entwickelten sich Lungenentzündungen durch aggressive Spitalkeime. Zudem prägten allerlei scheussliche Nebenwirkungen der lebenswichtigen Medikamente den Überlebenskampf. Schlechte Karten.

Das Netz der Spitzenmedizin und der Lieben aber hielt. Nach fünf Wochen wachte Markus langsam auf, wähnte sich in Delirien zwischen Tigern und Nashörnern, staunte über sein Erleben von Hilflosigkeit und Defiziten, lernte wieder zu gehen, zu funktionieren und kehrte in die Welt zurück. Darüber hat er einen eindrücklichen Text geschrieben, der die Hilflosigkeit, das Leiden und die Frustration der gemarterten Kreatur zeigt. Ein ernsthafter Gedanke an Kapitulation lässt sich in diesem Buch nicht finden, weder beim Patienten noch im medizinisch-sozialen Netz. Der Betroffene steht auf, als er bereits bis acht angezählt ist, und kommt schwankend wieder auf seine Beine. Und am Schluss reisst er die Fäuste in die Höhe, noch etwas zaghaft zwar, dann aber gänzlich entschlossen – weil er überleben will. Wir alle könnten dies nach Schicksalsschlägen zumindest versuchen. Die meisten Krisen, so auch die jetzige Rezession, muten doch im Vergleich mit dieser Krankengeschichte relativ banal an.

Markus’ Behandlung hat Hunderttausende Franken gekostet, ein Beispiel für einen Return on Investment. In Anbetracht des sicherlich demnächst wieder von Politikern und Journalisten inszenierten Geschreis über die zu hohen Gesundheitskosten werden aber viele wieder nach dem Sinn der Spitzenmedizin fragen.

Noch kann ich dies mit Markus nicht bei einem weiteren Glas Retsina erörtern, die Medikamente, die er noch einnehmen muss, vertragen sich nicht damit. Doch auch ohne solchen Treibstoff wissen die unmittelbar und mittelbar Betroffenen, dass Lebensjahre und Lebensqualität mehr Wert erzeugen als aller Designertand und alle Statussymbole dieser Welt.

Markus Schneider: Grimassenherz. Eine Reise zurück ins Leben.
Echtzeit Verlag, Basel 2009.
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Prof. Dr. med. Oswald Oelz war bis Ende Juli 2006 Chefarzt für Innere Medizin am Triemli-Spital Zürich. Der Bergsteiger und Buchautor liess sich mit 63 Jahren pensionieren.

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