Der Boléro des Komponisten Maurice Ravel begann in meinem Kopf zu klingen, als ich am 25.  Mai von den vom Bundesamt für Gesundheit prognostizierten Erhöhungen der Krankenkassenprämien erfuhr. Während 18 Wiederholungen des immer gleichen Themas wird die Musik immer dichter und lauter, um schliesslich dramatisch und unerwartet von C- in E-Dur zu wechseln und im Glissando der Posaunen zu enden.

Das Dauertheater um die Gesundheitskosten und die Krankenkassenprämien hat ein tosendes Crescendo erfahren, die Politiker, welche die immer gleiche Melodie spielen, sind «überrascht und schockiert», die die Trommel schlagenden Journalisten empört.

IM GESUNDHEITSWESEN ZU SPAREN, IST EINE ILLUSION.

Doch die Aufregung ist Heuchelei: ­Alle wussten, dass die Unterwalliser Taschenspielertricks mit dem Abbau der Reserven nur begrenzt funktionieren konnten und dass das Fünf-Prozent-Jahreswachstum weiterging. Und alle profitierten davon: die Ärzteschaft, die Industrie, die Pflege, die Kassen, die Beratung und auch die Patienten. Die Rationalisierungs- und Qualitätssicherungsmassnahmen mit Arbeitsgruppen, endlosen Sitzungen und Absichtserklärungen vernichteten produktive Arbeitszeit und kreierten neue Posten. Ob ordentlich oder nicht – so funktioniert Beschäftigungspolitik. Und der Souverän will das so. Das Stimmvolk hat die Irrationalität mit 67-prozentiger Überzeugung in der Verfassung verankert und die eigene Zechprellerei sanktioniert.

Wir wollen immer mehr. Ärzte und Krankenkassenmitarbeiter funktionieren wie Investment Banker. Milton Friedmans Diktum, dass Gier, Hass und Liebe unsere primären Antriebskräfte seien, gilt auch hier. Da wird auch mit zum Teil nicht ganz lupenreinen Methoden der Umsatz gefördert.

So schreiben drei Mediziner in der «Schweizerischen Ärztezeitung»: «PSA-Screening verringert Sterblichkeit um 20 Prozent.» Dies ist irreführend. Wohl konnte gemäss einer im «New England Journal of Medicine» publizierten Studie die Sterblichkeit wegen Prostatakrebs durch Screening um 20 Prozent reduziert werden. Mit oder ohne Screening waren am Schluss aber gleich viele Männer tot; in der gescreenten Gruppe einfach mehr solche, die zuvor durch Operation, Bestrahlung und Medikamente ihre Potenz und/oder Kontinenz eingebüsst hatten. Schamhaft wurde verschwiegen, dass eine ähnliche, im selben Journal publizierte US-Studie ein negatives Resultat gezeitigt hatte. Eine unbewusste oder gar absichtliche Täuschung?

So viel steht fest: Es könnte bei allerlei Unnötigem und potenziell Schädlichem gespart und der Leistungskatalog wirkungsvoll verkleinert werden. Auch könnten die 26 kantonalen Gesundheitssysteme auf 5 reduziert und dazu noch einige Spitäler geschlossen werden. Der sadistische CVP-Vorschlag – auch aus dem Unterwallis, wo das christliche Element anscheinend verloren gegangen ist –, für schwerkranke Patienten die Behandlungskosten auf 50  000 Franken zu begrenzen, könnte dafür entsorgt werden. Und dann gäbe es noch Spar­potenzial bei den Medikamentenpreisen, den Krankenkassen, den Spezialistenhonoraren usw. Jeder ortet bei den anderen Mitspielern eine Menge Sparmöglichkeiten – nur bei sich selbst nicht.

Sparen ist eine Illusion. Zu solide sind das schweizerische Gesundheitswesen und seine politische Steuerung verfilzt. Die BILANZ publizierte vor zwei Jahren die medizinsystemischen Interessenbindungen der eidgenössischen Parlamentarier: 85 von 246 lobbyierten für Spitäler, Krankenkassen, Konsumenten, die Pharmaindustrie, die Pflege oder die Ärzteschaft.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. In wechselnden Koalitionen wird so jede Massnahme, die aus dem Status quo zu führen verspricht, verhindert. Die Pseudoempörung wird also weitergehen. Und ein ­Boléro-Finale mit Posaunen ist nicht abzusehen.

Prof. Dr. med. Oswald Oelz war bis Ende Juli 2006 Chefarzt für Innere Medizin am Triemli-Spital Zürich. Der Bergsteiger und Buchautor liess sich mit 63 Jahren pensionieren.

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