Die Diskussion über das Bankgeheimnis ist wieder einmal in vollem Gange. Doch dieses Mal ist die Situation viel komplexer und ernster als je zuvor. Die deutsche Regierung ist dazu übergegangen, sich Informationen über mutmassliche Steuerhinterzieher zu besorgen, indem sie den Informanten Millionen von Euros bezahlt und die erhaltenen Informationen in einer «Name and shame»-Kampagne bei Prominenten einsetzt. Die ethische Rechtfertigung dieses Vorgehens ist bestenfalls zweifelhaft. Die Realität ist allerdings, dass die deutsche Regierung ein Mittel gefunden hat, das Bankgeheimnis weniger geheim zu machen.

In unserer Welt, wo das Geld regiert und nicht die Ethik, ist es lediglich eine Frage der Zeit, bis auch jemand aus der Schweiz bereit ist, für Millionen von Franken das Gesetz, welches das Bankgeheimnis schützt, zu brechen. Deshalb ist es zwingend notwendig, dass unsere Regierung jetzt aktiv wird und nicht passiv der Dinge harrt, die da auf uns zukommen. Nicht um mutmassliche Steuerhinterzieher zu schützen, das kann nicht ihre Aufgabe sein, sondern um unsere Werte, die über Jahrzehnte und Jahrhunderte aufgebaut wurden und sich für die Schweiz als richtig erwiesen haben, zu schützen und zu erhalten.

Wir respektieren mehr als jedes andere Land die Privatsphäre unserer Bürger. In einer Zeit, in welcher der Bürger in Europa unter dem Deckmantel des Umverteilungssozialismus immer mehr bevormundet wird, wird die Schweiz mit ihrer Direktdemokratie als eines der attraktivsten Länder für Kapitalanlagen und Investitionen gesehen.

Wir haben einen der wichtigsten Finanzplätze Europas aufgebaut, der darum stark beneidet wird.

Über 4000 Milliarden Franken werden von hier in der ganzen Welt investiert, ein Grossteil davon in Europa. In den letzten zehn Jahren haben zum Beispiel ausländische Unternehmen und Regierungen Anleihen von über 475 Milliarden Franken auf dem Schweizer Kapitalmarkt emittiert.

Nein, wir haben nichts zu verbergen und sollten uns dementsprechend offensiv verhalten.

Unsere Wirtschaft und auch diejenige Europas brauchen den Finanzplatz heute mehr denn je. Er ist viel zu wichtig, um von populistischen deutschen Politikern als Spielball benutzt zu werden oder als dass sich seine Exponenten als Gehilfen von Steuerhinterziehern abstempeln lassen sollten.

Oswald J. Grübel arbeitete 40 Jahre für die Credit Suisse, zuletzt als CEO. Im Mai 2007 trat er in den Ruhestand.

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