Das Erdbeben in den Finanzmärkten hat uns für einen dramatischen Augenblick gezeigt, welche Auswirkungen die Kreditreduzierung hat, die seit einem Jahr stattfindet. Die rasanten Schwankungen an den Börsen ­haben eine ungeheure Verunsicherung hervorgerufen und das internationale Bankensystem unter enormen Druck gesetzt. Zentralbanken mussten mit Hunderten von Milliarden den inexistenten Interbankenmarkt, in dem sich Banken gegenseitig finanzierten, ersetzen. Am stärksten traf es die US-Investmentbanken: Zwei wurden übernommen, eine ging unter, die letzten zwei, Goldman Sachs und Morgan Stanley, wollen nun zu Kommerzbanken werden. Damit schliessen die In­vestmentbanken den Kreis, wurden sie doch vor 75 Jahren mit dem Glass-Steagall Act kreiert, der das risikoreiche Investment Banking vom übrigen Bankgeschäft trennte. Die US-Regierung will 700 Milliarden zur Verfügung stellen, um Hypotheken aufzu­kaufen und die Wirtschaft und das Bankensystem zu ­unterstützen. War es das, oder kommt da noch mehr?

Die Konsequenzen dieses Umbruchs werden uns noch viele Jahre beschäftigen. Das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Banken und der Banken untereinander wird Jahre brauchen, um wiederhergestellt zu werden. Die Rufe nach stärkerer Aufsicht und nach einschränkenden Regeln werden erst einmal mehr Schaden anrichten, da sich auch die Behörden dem Druck der Medien nicht entziehen können. Der Lynchmob der Boulevardpresse hat die Schuldigen schon ausgemacht, die Hexenjagd ist voll im Gang und zeigt, dass wir mit der heutigen schnellen, viel transparenteren Welt nicht so richtig zurechtkommen.

Die in den letzten Jahren am stärksten gewachsene Investmentsparte, diejenige der Hedge Funds, ist der Auslöser der grossen Marktbewegungen. Diese Fonds erreichen ihre oft hohen Renditen, indem sie ein Mehrfaches ihrer Einlagen mit Krediten investieren. Demnach müssen sie verkaufen, wenn der Markt fällt, und verstärken so den Trend. Das Gleiche gilt, wenn der Markt steigt – nur dagegen haben wir nichts. Einige Länder haben Leerverkäufe verboten, um Firmen zu schützen, die offensichtlich zu schwach sind, um im freien Markt zu bestehen. Das ist bestenfalls eine sehr fragwürdige Massnahme und scheint eher aus Ratlosigkeit geboren denn aus Überzeugung durch Nachdenken. Die Aufsichtsorgane werden höhere Kapitalanforderungen durchsetzen, die nur durch enorme Bilanzreduktionen erfüllt werden können.

Das bedeutet, dass weniger Kredit für die Wirtschaft zur Verfügung stehen wird, und dies gerade zu einer Zeit, da klare Anzeichen für ein viel schwächeres Wirtschaftswachstum vorhanden sind. Die Gewinnschätzungen für die Finanzindustrie werden in den kommenden Monaten empfindlich reduziert werden, und wir werden feststellen, dass Bankaktien doch nicht so billig sind, wie wir dachten. Die USA versuchen mit viel zu tiefen Zinsen und enormen Unterstützungsaktionen für ihr Bankensystem ihre Wirtschaft, die mehr als jede andere Volkswirtschaft auf Kredit aufgebaut ist, vor einer Rezession zu bewahren. Das wird im nächsten Jahr, wenn die Kapitalrepatriierung abgelaufen sein wird, zu einer neuen grossen Dollarschwäche führen. Die Globalisierung, die von Krediten abhängig ist und uns allen in den letzten Jahren Wirtschaftswachstum und Wohlstand gebracht hat, wird ins Stocken geraten und vielen Millionen von Menschen die Aussicht auf Arbeit und Einkommen zunichte machen. Wahrlich keine guten Aussichten.

Haben wir wenigstens etwas gelernt aus der Misere? Ja, dass AAA-Wertschriften nur heruntergestuft werden können, dass zu viel kurzfristige Liquidität sehr langfristig ausgeliehen wurde, dass viele Manager keine Ahnung vom Geschäft haben und dass es länger dauert als gedacht, bis Vertrauen zurückgewonnen wird. Aber das haben wir schon in all den Finanzkrisen vorher gelernt, oder?

Oswald J. Grübel arbeitete 40 Jahre für die Credit Suisse, zuletzt während fünf Jahren als Konzernchef. Anfang Mai 2007 trat er in den Ruhestand.

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