In den letzten fünf Jahren sind in der Welt Hunderttausende Millionäre und Hunderte Milliardäre geworden. Die wenigsten, weil sie richtig investierten, die meisten, weil sie Glück hatten oder dem Glück nachhalfen. Speziell in den aufstrebenden Märkten wie Brasilien, Russland oder China ist so viel Vermögen in so kurzer Zeit kreiert worden wie nie zuvor.

Es war eine Spirale; die Globalisierung brachte ­höheres Wirtschaftswachstum, was die Rohstoffpreise antrieb, und dies wiederum brachte höheres Wachstum für die Rohstoff-produzierenden Länder. Auf jeder Ebene wurden Millionäre und Milliardäre geschaffen. Noch vor ein paar Monaten haben die besten Analysten der renommiertesten Banken vorhergesagt, dass die Rohstoffpreise unaufhaltsam weiter steigen würden und Rohöl am Jahresende bei 200 Dollar notieren werde.

Nun, wie alle scheinbar logischen Spiralen ist auch diese früher zu einem Ende gekommen, als wir dachten. Nun gilt die umgekehrte Spirale: Kreditreduzierung, Deflation und ­Depression. Wir haben auch wieder einmal erfahren, dass es viel schneller hinunter- als hinaufgeht. Die ­Aktienmärkte haben dieses Jahr schon 50 Prozent oder mehr verloren, und das ist viel, wenn man bedenkt, dass man höchstens 100 Prozent verlieren kann. Klar ist, dass nach der Theorie der aufsteigenden Spirale wir alle sehr bald Millionäre oder Milliardäre geworden ­wären, was natürlich genauso unwahrscheinlich ist wie die jetzige Theorie, dass wir alle in Kürze pleite sein werden. Wie immer liegt die Wahrheit eher in der Mitte. Wir werden im nächsten Jahr sicher weniger Millionäre haben als letztes Jahr, aber immer noch mehr als vor fünf Jahren, und vermutlich werden wir auf die jetzige Zeit zurückblicken und sagen: Hätten wir nur Aktien gekauft, als niemand sie wollte.

Der Grund für den vorgezogenen Winterschlussverkauf an den Börsen ist die ungeheure Transparenz, die wir in den letzten Jahren aufgebaut haben. Wie wir alle aus unserer Lebenserfahrung wissen, sind wir süchtig nach der Wahrheit, obwohl wir damit nicht immer rational umgehen können. Es gilt aber auch: Wenn es keine Geheimnisse mehr gibt, wird es uninteressant. Es scheint, dass wir gerade jetzt in einer solchen Phase sind. Wir sind geschockt, dass wir den Institutionen, denen wir über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte vertrauten, nicht mehr trauen, weil wir heute mehr über sie wissen als je zuvor. Dieses Wissen beunruhigt uns, und dies wird von den Medien ausgenutzt. Wir zelebrieren schlechte Nachrichten und halten damit die Abwärtsspirale intakt.

Es ist wichtig, dass wir diesen Abwärtstrend so schnell wie möglich brechen, sonst laufen wir Gefahr, uns tatsächlich in eine Depression zu bringen. Die Zentralbanken tun ihr Bestes, um unser Geldsystem am Laufen zu halten. Die Überwacher hingegen scheinen noch nicht ganz verstanden zu haben, dass es jetzt ums Überleben geht. Sie und viele Verwaltungsräte lassen sich zu sehr von den Medien leiten und beschäftigen sich hauptsächlich mit der Bestrafung der vermeintlichen Übeltäter. Es werden Malus-Systeme eingeführt, als wenn die Angestellten Leibeigene wären und keine Wahl des Arbeitsplatzes hätten. Gerade jetzt, da die ­Finanzinstitute die besten Köpfe brauchen, um neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, vertreibt man sie. Wir erwarten doch nicht im Ernst, dass die besten und ­erfahrensten Angestellten drei oder fünf Jahre warten, bis sie wissen, wie hoch ihr Lohn ist.

Die Zeit der Übertreibungen ist vorbei und wird lange nicht wiederkommen. Doch vielleicht wünschen wir uns diese Zeit schon bald zurück, weil sie das kleinere Übel war. Denn wenn wir so weitermachen wie jetzt, wird die BILANZ-Liste der Reichsten in der Schweiz von Jahr zu Jahr dünner, und das wollen wir doch nicht, oder?

Oswald J. Grübel arbeitete 40 Jahre für die Credit Suisse, zuletzt während fünf Jahren als Konzernchef. Anfang Mai 2007 trat er in den Ruhestand.

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