Ohne Ratgeber traut man sich heute nicht mehr aus dem Bett. Oder ins Bett. Und auch für die Karriere scheint Beratung das A und O zu sein. So wurde ich unlängst nach meiner Technik der Karriereberatung für meine Assistenzärzte gefragt. Ich antwortete, ich hätte keine, und argumentierte mit meinem eigenen Fall.

Eigentlich wollte ich ja Chirurg werden. Meine Ungeschicklichkeit beim Präparieren an der Leiche und das daraus resultierende Durchfallen bei der Anatomieprüfung – eine archaische Form der Beratung – führten mich zur Inneren Medizin. Bei meiner Bewerbung an der Klinik in Innsbruck bekam ich den nächsten Beratungsschub: Der Professor attestierte mir zwar guten Willen und gewisse Fähigkeiten, empfahl aber, zunächst im Ausland Schliff und Kenntnis zu erwerben. So reiste ich nach Zürich und traf einen Dr. Froesch, der mich nach dreiminütigem Gespräch anstellte. Ich sollte forschen und zunächst mittels Guillotine Ratten köpfen, den vom Nebenhoden herabhängenden Fettzipfel in zwölf Stücke zerschneiden, und dies mit den Fettzipfeln von zwölf Ratten. Diese Stücke seien auf zwölf Gläschen zu verteilen und daraufhin Stoffwechselefekte zu studieren. Ich zeigte eine gewisse Flexibilität, als ich meinte, das klinge interessant und ich wolle es versuchen. Und ich beschloss, aus dem Zerschneiden von Rattenfett so viel Lustgewinn als möglich zu ziehen. Dank dem diskreten Coaching durch Dr. Froesch begriff ich innerhalb von sechs Wochen, wozu das Zerschneiden gut war. Innerhalb weniger Jahre entstanden dank idealem Umfeld Neugier und Begeisterung, die Basis der für einen weiteren Aufstieg nötigen Publikationen.

1972 las ich einen Artikel über Prostaglandine, neu entdeckte lokale Hormone. Ich war fasziniert und beschloss, so schnell als möglich so viel wie möglich über diese Substanzen zu lernen. Froesch fand heraus, wo man das am besten macht, und so reiste ich an die Vanderbilt University. Damals hatte ich auch mein einziges Qualifikationsgespräch mit dem Chef der Inneren Medizin, der mir in seiner spartanischen Art mitteilte, falls ich zurückkäme, würde ich Oberarzt. Weitere Qualifikationsgespräche oder Karriereberatung habe ich nicht erhalten.

Begeisterung ist der Schlüssel zum Erfolg und bestimmt den Karriereverlauf. Die Erfolgreichen, die es ganz nach oben zur Ordinaria oder zum grossen Preis bringen, brauchen eigentlich keine Karriereplanung und keine Beratung. Sie haben das Zuckerbrot geortet, und die Peitsche steckt in ihnen selbst. Ich erinnere mich an einen jungen Mann, der nach drei Jahren im Labor des Nobelpreisträgers Zinkernagel zu uns kam. Auch in unserer Klinik, bei den alten und polymorbiden Patienten, war er ob der Dinge, die er tat, stets begeistert. Keine mühselige Anamnese, keine Sozialabklärung und keine Rektaluntersuchung waren ihm Last, das Wochenende verbrachte er in Zinkernagels Labor. Trotz gelegentlichen Selbstzweifeln, ob wohl alles gut oder zum Besten stehe, zeichnete ihn der Optimismus der Erfolgreichen aus. Wer depressiv am Einstieg einer Wand innehält, steigt gar nicht ein. Für den Berufenen werden das Spital, die Bank, das Büro oder der Schafstall die schönsten Orte der Welt. Es ist Neugier und nicht Geldgier, die treibt, Enthusiasmus und nicht Selbstzweifel. Leidenschaftslosigkeit andererseits bedeutet Mittelmass oder weniger.

Dann gibt es den grossen Haufen: Wer mit etwas weniger unbekümmertem Optimismus ausgestattet ist, macht sich heute Sorgen. Das ist mir unverständlich. Ärzte, Banker, CEOs und Schafzüchter wird es immer brauchen, und wir haben sowieso von allem zu viel. Um das Jammertal zu überwinden, brauchen wir keine Psychologen oder Selbsthilfegruppen, sondern aktives Tun. Es ist bewusst zu machen, dass jeder von uns die schönste Aufgabe der Welt hat und wir eigentlich immer nur gewinnen können. Und dann braucht es nur wenig Peitsche, vielleicht einmal Bob Dylans freundlichen Hinweis: «You better start swimming or you sink like a stone.»

Dann wächst aus der Begeisterung und ihren Resultaten die Erkenntnis, dass man sich durch Arbeit verwirklicht. Dies ist heutzutage eine verstaubte Sicht der Dinge. Wir täten aber gut daran, sie zu entstauben.

Am Vorhandensein von Enthusiasmus und Neugier kann ich die künftig Erfolgreichen meiner Assistenzärzte meist erkennen. So bleibt meine einzige Beratung, ihnen zu sagen, dass sie weiter tun sollen, wozu sie Lust haben, und eventuell, bei wem. Ich glaube nicht, dass die grossen Ärzte und die erfolgreichen Industriekapitäne mehr Beratung erhalten haben.

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