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Diagnose von Oswald Oelz: Hähne auf ihren Misthaufen

Im Schweizer Gesundheitswesen streiten sich Politiker und Ärzte um ihre Pfründe. Die Zeche dafür zahlen die Patienten.

Von Oswald Oelz
19.12.2006

Meine Oktoberkolumne über Fliessbandmedizin verfasste ich mit klammen Fingern auf 5000 Metern im indischen Himalaja, in einer, nebenbei bemerkt, wunderschönen, weitgehend unberührten Landschaft. Unsere Sherpas hatten Rakshi gekauft, und ich bekam einen Blechnapf mit dem heissen harmonisierenden Getränk. Vielleicht deshalb friedfertig gestimmt, unterliess ich einige Provokationen. Hiermit seien ein paar nachgeholt.

Es ist der Vorabend einer Vulkanbesteigung in Indonesien. Ohne Rakshi, schliesslich herrschen hier muselmanische Sitten. Dafür wetteifern in der Umgebung gleich drei Hähne auf ihren Misthaufen um den Rang des Allerlautesten. Dieses eindrückliche Gekrähe verschafft mir unmittelbare Assoziationen zur eidgenössischen Gesundheitsszene.

H5N1 hat sich wieder in Angriffsposition gebracht und verbreitet sich über allerlei Transporteure in Richtung Westen. Bis Ende September 2006 wurde die Vogelgrippe weltweit bei 251 Menschen nachgewiesen, mehr als die Hälfte der Patienten ist daran gestorben. Nimmt die Virulenz zu, könnte eine Pandemie mit Millionen von Toten und ungeheuerlichem wirtschaftlichem Schaden resultieren. Die Regierungen von Australien, Hongkong und Neuseeland haben für diesen Fall exzellente Vorsorge getroffen, China, Vietnam und die europäischen Staaten ziehen nach und scheinen gerüstet. Am sichersten aber dürfen sich die Bewohner der Stadt Zürich fühlen: Ihnen gilt nämlich nicht nur – wie allen anderen Bewohnern unseres Landes – die Fürsorge des entsprechenden Bundesamtes, sondern zusätzlich die vorausschauende Obhut ihrer Stadtoberen. Einer Notiz in der «NZZ» durfte ich entnehmen, dass eine hochkarätige Expertengruppe aus städtischen Beamten in zahlreichen Sitzungen einen Pandemieplan ganz spezifisch für die so besondere und von Hunderttausenden anderer Städte vollkommen unterschiedliche Situation in Zürich verfasst hat. Also: Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode. Und beschäftigt zudem Beamte.

Gemäss anderen Meldungen streiten sich 26 Westentaschennapoleons (die weibliche Version eingeschlossen) mittels bestellter, aber teilweise gar nicht vorhandener Gutachten um Anzahl und Standorte von Institutionen der Spitzenmedizin. Der Streit kommt nicht so recht voran, weswegen der angeblich verärgerte Obernapoleon, den ich auch nicht für gänzlich frei von Eigeninteressen halte, über eine «gewisse Hinhaltetaktik» klagt. Wer König auf einem Misthaufen ist, will es auch bleiben, und aus diesem Grund hat die nationalrätliche Gesundheitskommission auch die Kantone als Betreiber, Finanzierer und Planer der Spitäler zementiert und damit helvetisch stolz die Kritik der OECD, kantonale Planung sei ineffizient, protektionistisch und teuer, in den Wind geschlagen. Schlecht ist dieser Entscheid für Patienten und Steuerzahler. Da dem Patienten aber die Qualität eines Spitals sowieso verschwiegen wird – die Daten werden zwar erhoben, sind aber geheim –, spielt es keine Rolle, dass er nicht auswählen kann, wo er behandelt werden will. Und eben, es kostet viel. Kein Wunder, hat in diesem Gesundheitsdurcheinandertal Hans Heinrich Brunner schliesslich entnervt das Handtuch geworfen.

Zurück zur Fliessbandmedizin: Hier interessieren Strukturen, Behandlungspfade und Prozesse. Die – gemäss Selbstdarstellung – «Leading Hospitals» sind effiziente Cashmaschinen. Die Anpreisung aller möglichen medizinischen und verschönernden Leistungen auch in seriös wirkenden Publikationen erinnert mich zunehmend an das Geschäftsgebaren von Strassenverkäufern in Kathmandu oder von Kamelführern vor den Pyramiden. Robert Petersdorf, ein Doyen der Medizin, schrieb unlängst, dass auf jede auch nur ein wenig verengte Herzkranzarterie drei Spezialisten begierig warteten, und forderte, dass die Medizinschulen die Anzahl der Organspezialisten limitieren sollten. Die Kranken wollen nämlich nicht nur Behandlungspfade und Klempnerei, sondern Hausärzte und Generalisten, deren erste Sorge das bestmögliche Wohl ihrer Patienten ist. Sie wollen väterliche Partner, die ihnen zuhören und ihre Ängste und Sorgen teilen – und Mütter können das mindestens ebenso gut.

Prof. Dr. med. Oswald Oelz war bis Ende Juli 2006 Chefarzt für Innere Medizin am Triemli-Spital Zürich. Der Bergsteiger und Buchautor liess sich mit 63 Jahren pensionieren.

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