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Catherine Mühlemann: Der Spass hat ein Ende

Das Mäntelchen der Spassgesellschaft ist abgelegt, die Leistungsgesellschaft hat sich dem kühlen ­Wirtschaftsklima zu stellen. In Zukunft ist Selbst­vermarktung Pflicht.

Veröffentlicht 19.12.2008

Mit wem will ich arbeiten?
Wie viel?
Will ich überhaupt?

Individualisierung prägte bis dato die Gesellschaft: Selbstverwirklichung, persönliche Lebensfindung, Work-Life Balance, Well-Being oder Wellness sind Erscheinungen dieses Zeitgeistes. Und Zeichen einer Wohlstandsgesellschaft, die es sich offenbar leisten konnte, das persönliche Wohlbefinden über alles zu stellen. Die Grenzen zwischen Arbeit und Leben waren in Auflösung.

Und heute? Nun hoffen alle, dass ihr Job erhalten bleibt. Und schreien zu dessen Sicherung gar nach staatlicher Hilfe. Die Banker, die Auto­industriellen oder die Maschinenbauer. In den Kanon der Bittsteller werden bald noch andere einstimmen.

Dabei war die Gleichung «Arbeit bedeutet Sicherheit» für den Arbeitnehmer schon lange nicht mehr zutreffend. Im Moment gibt es nur eine Zukunft jenseits jeder Sicherheit – und diese Zukunft können wir nicht mehr derart frei und sorglos gestalten, wie wir es uns noch gestern vorgestellt haben.
Die lebenslange Vollzeitstelle ist ein Auslaufmodell. Eine fundierte Ausbildung, überdurchschnittliche Leistung und permanente Weiterbildung, alles Garanten für eine Karriere, schützen nicht mehr vor dem Jobverlust. Mit der aktuellen Krise findet die Spassgesellschaft ein abruptes Ende. Es ist auf einmal nicht mehr alles möglich.

Wie reagieren wir darauf?

Nun wird Selbstvermarktung zur Pflicht. Dies verlangt Selbstvertrauen, Eigeninitiative, Mut, Angstfreiheit, Kreativität, Schaffenskraft. Wir alle müssen flexibler werden, veränderungsbereit. Der Arbeitsmarkt ist die Welt, unser Vermarktungstool sind wir. Jeder wird zu seinem eigenen Massschneider.

Die «Work-Life-Play»-Gesellschaft, von Trendforschern gerne in allen Facetten beschrieben, war doch nur die Umschreibung der Spassgesellschaft. In harten Zeiten aber sind starke Nerven und bedingungsloser Einsatz gefragt. Man muss sich durchbeissen. Im Unternehmen, in der Gemeinschaft, im persönlichen beruflichen Weiterkommen.

Fast ging in den letzten Jahren der Hochkonjunktur und im Streben nach grösstmöglicher Lebensqualität und der 35-Stunden-Woche vergessen: Wir sind eine Leistungsgesellschaft. Heute drängt sich die Frage auf: Wie leidensfähig sind wir? Wie veränderungsbereit? Fragen, die sich auch bei der jüngeren Generation stellen, die noch kaum richtige Krisen erlebt und gemeistert hat. Unvorstellbar für sie, dass zwei Elterngenerationen früher zwölf Stunden Arbeit pro Tag an sechs Tagen pro Woche die Norm waren und daneben auch noch ein paar Kinder erzogen wurden.

Etwas Bescheidenheit tut jetzt not. Gefragt sind mehr als je zuvor Leute, die team- und lösungsorientiert arbeiten. Menschen mit Sozialkompetenz. Fachspezialisten. Problemlöser. Kreative, Offene, Neugierige, Experimentierfreudige. Nur wenn wir Neues schaffen, wenn wir neue Ideen verwirklichen, neue Produkte erfinden, in sie investieren, sie zur Marktreife treiben, vermarkten, werden wir die Krise meistern. Stillstehen, um staatliche Hilfe schreien und betteln hilft vielleicht zur Überbrückung, eine Lösung ist der Rockzipfel des Staates jedoch nicht.

«Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott», haben die Altvorderen einst gesagt. Dieser Satz, wiewohl antiquiert, gilt auch heute noch. Oder wieder.

Catherine Mühlemann war Geschäftsführerin bei MTV Networks in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie sitzt u.a. im Swisscom-VR und lebt in Berlin.

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