Im Flughafenkanton Zürich stehen wieder Volksinitiativen an, und die Mahnwachen gehen weiter. Leserbriefspalten und Blogs füllen sich wöchentlich mit ­Unmut, Ärger, Beschimpfungen, gut gemeinten und weniger gut gemeinten Kommentaren. Die Politik scheint sich in der Normalität des Konflikts eingerichtet zu haben. Die Positionen sind bezogen. Lösungen, so der Tenor, seien kurzfristig nicht zu erwarten.

Nun aber gibt es neue Lichtblicke im Flughafendossier. Die Einladung an die Politik, wieder Bewegung in die Sache zu bringen, könnte nicht deutlicher sein. Da ist zum einen der technologische Fortschritt: Neue Navigationssysteme könn­ten künftig ökologisch verträglichere Anflugverfahren ermöglichen und so Hunderttausende in der Flughafenregion von übermässigem Lärm entlasten (Green Approach). Starke Führungspersönlichkeiten, die seit kurzem bei BAZL, Skyguide, Unique und Swiss am Ruder sind, könnten den Durchbruch auf der technischen Seite wagen. Dies umso mehr, als die Erprobung und Einführung dieser Technik auf internationalen Flughäfen längst erfolgreich angelaufen ist.

Da ist zum andern eine sorgfältige und erhellende Studie des Think Tank Avenir Suisse. Sie zeigt auf, wie dem Flughafen Zürich im «föderalen Geflecht» immer wieder Stricke um den Hals gelegt und immer weiter zugezogen werden. Der Schluss ist klar: Es braucht vor allem intelligente und mutige Entscheidungen, wenn den übergeordneten Interessen des Zürcher Flughafens gedient sein soll.

112  000 Arbeitsplätze hängen von diesem Flug­hafen ab, eine Wertschöpfung von über 19 Milliarden Franken jährlich, und 80 Prozent des über die Luft abgewickelten Frachtvolumens der Schweizer Volkswirtschaft gehen in Zürich Nord über die Rollbänder. Der Flughafen ermöglicht nicht nur Geschäfts- und Ferienreisen. Er sorgt auch dafür, das Kräuter und Früchte auf unserem Tisch liegen, dass Hightech-­Unternehmen liefern können und es den Schweizern gut geht.

Der Zürcher Fluglärmindex hat nichts gebracht: Er erhöht zwar den Entscheidungsdruck auf die Politik, zeigt aber keine Lösungen auf. Die Nachfolgerin oder der Nachfolger von Regierungsrätin Rita Fuhrer wird kaum Spielraum haben, ohne dass wir die Verhältnisse ins richtige Licht rücken: Wirtschaft und Volk möchten über einen funktionierenden Flughafen verfügen. Und Umweltgesetze zeigen auf, wie wir mit den negativen Folgen eines Hubs in einer Stadt umgehen sollten: Lärmimmissionen sind zu kanalisieren, nicht zu verteilen! Wie sonst könnten wir heute mit der Autolawine, mit den Eisenbahnen, mit dem Kehricht leben? Die Einführung von Südstarts würde erneut Zehntausende Bürger und Bürgerinnen gegen den Flughafen Kloten aufbringen.

Technische und institutionelle Vorschläge liegen auf dem Tisch. Neue Führungsmannschaften in Politik und Wirtschaft erhalten damit die Chance, die Spielregeln neu zu definieren. Sie könnten einen Beitrag an das Funktionieren des wichtigsten Schweizer Flughafens leisten. Und sie könnten etwas für eine ­regionale Bevölkerung tun, deren Zahl den Bestand in so manchem schweizerischen Kleinkanton bei weitem übersteigt.

Hatten unsere Vorfahren für die Regelung der ­Eisenbahnen Patentrezepte oder unsere Eltern für die politische Regelung der Kernenergie? Wohl nicht, ­genauso wenig, wie wir für unser Flughafenproblem welche haben. Aber sie liessen nicht locker: Sie ­bewahrten sich im Streit um nationale Probleme den Blick aufs Ganze. Ihrem Beispiel brauchen wir nur
zu folgen.

Carolina Müller-Möhl, Politologin, ist Präsidentin der Müller-Möhl Group und Verwaltungsrätin von Nestlé sowie der Orascom Development Holding. Sie ist Jurypräsidentin des Swiss Economic Award, Co-Präsidentin des Forums Bildung und Mitglied der Young Global Leaders.

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