Zwar ist die Krise noch nicht endgültig überwunden, aber die Silberstreifen am Horizont lassen uns für die bevorstehende Advents- und Weihnachtszeit wieder etwas aufatmen. Trotzdem sollte nicht vergessen ­gehen, dass die kommenden Jahre schwierig werden könnten.

Vorerst gibt es kein Zurück zu ungetrübten Boomzeiten. Doch ist dies aus meiner Sicht gar kein ­Schaden. Im Gegenteil: Bremsende Faktoren in der Wirtschaft sind das Zeichen dafür, dass die Ressourcen nicht unerschöpflich sind. Und dass Erfolg in der Wirtschaft von der Kunst abhängt, mit dieser Knappheit umzugehen. Genau deshalb war Unternehmertum schon immer auch eine Frage der Kreativität.

Kreativität lebt dort, wo Regulierung nicht alles bestimmt. Sie lebt dort, wo Probleme einer Lösung harren. Und sie blüht auf, wenn persönliche und gesellschaftliche Werte uns zum Handeln antreiben. Das ist in Branchen wie Cleantech der Fall, wo die Nutzung von Wind- und Sonnenenergie einen Boom verursacht hat.

Das gilt aber auch andernorts: in Nischen der Gesellschaft nämlich, wo sich Menschen nach Schicksalsschlägen neu erfinden müssen, oder auch in Regionen, wo das tägliche Überleben mit kargen Mitteln eine schwierige Aufgabe ist. Wer hier in kreativer Weise Werte schafft, ist ein Social Entrepreneur. In seinem Buch «Die Welt verändern» hat der New Yorker ­Publizist David ­Bornstein solche Persönlichkeiten aus aller Welt in eindrücklicher Weise vorgestellt.

Bornstein ist auf eine entscheidende Erkenntnis ge­stossen: Wegen globaler gesellschaftlicher Probleme sind unternehmerische Qualitäten unabdingbarer denn je. So stammen spektakuläre Projekte zur Elektrifizierung riesiger Landstriche, zu Reformen des Gesundheits- und Bildungswesens von Social Entrepreneurs. Sie brechen aus fest­gefahrenen Systemen aus, um Probleme dauerhaft zu lösen, und schaffen gerade deswegen wirtschaftliche Werte. Dazu braucht es nicht nur innovative Ideen, ­eisernen Durchhaltewillen und Weitsicht. Auch die ­banale Erkenntnis gehört dazu, dass es sinnvoll ist, Ressourcen von Bereichen mit geringerer in solche mit höherer Produktivität zu verlagern.

Wer sich nach neuen Perspektiven umschauen will, wird sich auf solche Ansätze besinnen. Die Investition in Nachhaltigkeitfonds ist nur eine von vielen ­Möglichkeiten. Mikrofinanz-Instrumente verwandeln die Kreativität von Kleinstunternehmern in armen Ländern in einen wertschöpfenden Faktor. Welches Potenzial für Social Entrepreneurs auch in der Schweiz vorhanden ist, zeigen die Ernennungen zum dies­jährigen Social-Entrepreneur-Preis der Schwab Foundation. Das auch hierzulande wachsende Netzwerk der Ashoka-Fellows ist ein weiterer Beleg dafür.

Wie langfristig müssen Engagements in Nachhaltigkeit und mikrofinanzierte Entrepreneurship an­gelegt sein? Wie kurzfristig kann mit einem Return gerechnet werden? Muss, soll und darf ein solcher ­Return überhaupt erwartet werden? Diese Fragen sind berechtigt. Und die Antwort darauf ist einfach: Investoren liegen mit diversifizierten Strategien am besten. Wer investiert, partizipiert an Erfolgsgeschichten der Zukunft. Dabei wird er einerseits den Erfolg spüren wollen, ihn anderseits aber auch mit langem Atem zu fördern wissen.

Wer jetzt begreift, dass sich Kreativität, Nachhaltigkeit und Wertschöpfung nicht ausschliessen, kann sich gelassen von der Krise abwenden – und Kurs auf die Zukunft nehmen.

Carolina Müller-Möhl, Politologin, ist Präsidentin der Müller-Möhl Group und Verwaltungsrätin von Nestlé sowie der Orascom Development Holding. Sie ist Jurypräsidentin des Swiss Economic Award, Co-Präsidentin des Forums Bildung und Mitglied der Young Global Leaders. Die Mutter eines Sohnes gehört der Leitung der Stiftung Pestalozzianum für Jugend, Bildung, Dialog an.

Anzeige