Die Wolken über dem Schweizer Finanzplatz haben sich noch nicht verzogen. Und nach wie vor lässt das politische Hickhack den Weitblick vermissen. Früher oder später werden wir Antworten auf zentrale Fragen haben müssen: Wohin soll sich diese wichtige Branche entwickeln? Welche Rolle werden das Investment Banking und die klassische Vermögensverwaltung in Zukunft spielen?

Schwierige Zeiten bergen immer auch eine Chance: Nachdenken ist erlaubt. Plötzlich kann dann zur Op­tion werden, was kaum jemanden interessierte, als die ­Aktienkurse nur nach oben zeigten: der sogenannte dritte Sektor. Zwar hat sich schon herum­gesprochen: Social Responsibility, Citizenship und Freiwilligenarbeit sind keine Feierabendveranstaltungen, auf die man zur Not auch verzichten kann. Sie gehören zur Strategie, wenn die Gewinne der Gegenwart nicht zum Raubbau an der Zukunft werden sollen.

Noch wenig bekannt aber ist, dass daraus ein bedeutendes Tätigkeitsfeld, ein Wirtschaftszweig entstanden ist. Und der wächst ständig an. Es ist das Schweizer Stiftungswesen.

Unser Land besitzt im Vergleich mit Deutschland schon heute die zehnfache Zahl von Stiftungen, berechnet pro Kopf der Bevölkerung. Das Vermögen ­aller gemeinnützigen Stiftungen beträgt wohl über 40 Milliarden Franken. Mit Erträgen, Vermögensverzehr und Zustiftungen kann jährlich rund eine Milliarde ausgeschüttet werden. Das sind zwei Prozent des ­Bundeshaushalts, oder anders ausgedrückt: Das Stiftungswesen ist der kleine Goliath unseres Gemein­wesens, gross durch die Freiwilligkeit, die ihn erschaffen hat, und stark dank dem persönlichen Engagement, das ihn lenkt.

Es sind überwiegend Privatpersonen – zur Hälfte solche ohne eigenen Nachwuchs –, die sich im Schnitt mit 60 Jahren zum Stiften entscheiden. Und es werden laufend mehr. Dabei ist es ein Mythos, dass nur Superreiche sich für diesen Schritt entscheiden. Gerade auch Eigentümer von Vermögen unter einer Million Franken gehören zu den Neustiftern. Sie haben erkannt, worum es hier geht: Intelligenz, Initiative und Verantwortungsbewusstsein können durch eine Stiftung vereinigt werden. Und so erhalten Bildung, Forschung und Entwicklung, Kultur und das Sozialwesen entscheidende Anstösse.

Wer reich ist – nicht nur an Vermögen, sondern auch an Stiftungen wie wir –, der sollte dazu Sorge ­tragen. Eigentlich erstaunlich, dass erst jetzt, mit der Motion von Ständerat Werner Luginbühl, wieder Bewegung in die Stiftungspolitik kommt. Wir müssen den Stiftungsstandort europaweit attraktiv halten. Und wir müssen dafür sorgen, dass eine Stiftung in der Schweiz ein Qualitätssiegel ist. Schliesslich sollten wir uns für die Vernetzung und Kooperation von Stiftungen engagieren. Genau diesen Anliegen widmet sich nun auch das kürzlich gegründete Stiftungsforum in Bern.

Intelligent vernetzt – so könnte die Stiftungszukunft hierzulande aussehen. Es könnte ein Alleinstellungsmerkmal in der globalisierten Wirtschaft sein, dass die Schweiz ein wichtiges Prinzip vorlebt: Wir müssen heute in die Gesellschaft investieren, damit es künftig in der Wirtschaft noch Investitionsmöglichkeiten gibt, nämlich neue Ideen in der Technologie, gebildete Menschen und integrierte Teams. Anliegen der Grundbildung und Integration, der Förderung von Entrepreneurship und Forschung, Begleitprogramme für Nachwuchskräfte: Das sind Anliegen, die auf neue Stifterinnen und Stifter warten. Wenn sie sich besser vernetzen, machen sie mehr aus ihren Franken – und mehr aus der Schweiz!

Carolina Müller-Möhl, Politologin, ist Präsidentin der Müller-Möhl Group und Verwaltungsrätin von Nestlé S.A. sowie der Orascom Development Holding. Sie ist Stiftungsratsmitglied des Stiftungsforum, Co-Präsidentin des Forums Bildung und Mitglied der Young Global Leaders.

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