Gegen das Jahresende hin ist es unübersehbar ­geworden: In Weltwirtschaft und Weltpolitik haben sich die Gewichte verschoben. Im November lasen wir historische Schlagzeilen: Das New Yorker Wirtschaftsmagazin «Forbes» stiess den amerikanischen Präsidenten vom Thron und bezeichnet neu das chinesische Staatsoberhaupt Hu Jintao als mächtigsten Mann der Welt.

Anfang Dezember dann weitere Meldungen: ­Europa bleibt vom Aufstieg Asiens, aber auch von ­jenem Russlands nicht unberührt. Ganz im Gegenteil: Mit dem Krebsgang der Vereinigten Staaten und einer Verschiebung der Machtblöcke muss sich auch der alte Kontinent neu orientieren. Wie das gehen könnte, zeigten verschiedene Leaderfiguren kurz nach­einander auf. Joe Ackermann von der Deutschen Bank denkt über die Ausweitung der Eurozone auf Russland nach. Der deutsche Aussenminister Guido Westerwelle sieht in China den neuen strategischen Partner eines vereinig­ten Europas – und begrüsste gleichzeitig die Idee des ­russischen Präsidenten Putin, eine «Wirtschafts­gemeinschaft zwischen Lissabon und Wladiwostok» zu schaffen.

Die sogenannten BRIC-Länder – Brasilien, Russland, Indien und China – sind unter langfristig und wertschöpfungsorientiert denkenden Investoren seit längerem im Gespräch. Erfahrungen im vergangenen Jahrzehnt haben allerdings gezeigt, dass kaum gewinnt, wer zu einseitig auf neue Regionen setzt. Von der rasanten Entwicklung der Schwellenländer haben vor allem diejenigen profitiert, die gemischte Strategien anwandten. Weder ziellos in die Ferne zu schweifen noch regungslos auf herkömmlichen Werten zu sitzen, scheint das Erfolgsrezept zu sein.

Gut schlafen kann, wer auf Vernetzung und Diversifikation setzt. So gewann mancher auch wieder in den klassischen Aktienmärkten, vorausgesetzt, er ­investierte in global aufgestellte Unternehmen. Was europäische Technologie-, Energie- und Nahrungsmittelkonzerne vorgemacht haben, müsste sich auf ­politischem Parkett wiederholen lassen: alte Stärken mit neuen Chancen verbinden. Trotz Eurokrise ist das politische Europa auf dem Sprung dazu.
Und wo bleibt da die Schweiz? Ihre politische Handlungsfähigkeit, die Lage der öffentlichen Finanzen und ein nach wie vor vernünftiger Regulierungsgrad stimmen optimistisch. Die Chancen, die unsere «Heimbasis» damit bietet, sollten wir zuerst in der Wirtschaft nutzen: Ein finanziell, sozial und ökologisch nachhaltiger Auftritt der Schweizer Gross­konzerne auf den Weltmärkten ist der Schlüssel zur neuen Rolle der Schweiz in ­einer nunmehr globali­sierten Globalisierung.

Auch das Bildungswesen kann einen Beitrag an die global vernetzte Schweiz leisten. Mehrsprachigkeit, Leistungsbewusstsein und zivile Toleranz können die Eckpunkte einer konstruktiven und vorwärtsgerichteten Bildungspolitik sein. Schliesslich sind Politik und Diplomatie gefordert, die Zeichen der Zeit zu er­kennen. Wir sollten lähmende Grabenkämpfe um Ausländerpolitik, Parteienproporz und Föderalismus endlich überwinden. Und wir sollten die Fortentwicklung der Bilateralen Verträge nutzen, um eine selbstbewusste Partnerschaft mit der EU aufzubauen. So bleibt die Schweiz ein verlässlich pulsierendes Herz in Europa.

Carolina Müller-Möhl, Politologin, ist Präsidentin der Müller-Möhl Group und Verwaltungsrätin von Nestlé S.A. sowie der Orascom Development Holding. Sie ist Stiftungsratsmitglied des Stiftungsforum, Co-Präsidentin des Forums Bildung und Mitglied der Young Global Leaders.

Anzeige