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Kolumne 
Die Kunst der Koalition

Schimpansen
Die Grossmeister der Koalitionen und Koalitionsbrüche sind in der Biologie die Schimpansen.Quelle: Keystone

Koalitionen, ob in Unternehmen, in der Politik oder im Tierreich, haben eines gemeinsam. Sie enden ausnahmslos in einem Verrat.

Kurt W. Zimmermann
Kommentar  
Von Kurt W. Zimmermann
12.01.2018
Im Streit um die unrentable Druckerei hatten wir keine Chance. Denn wir scheiterten an einer grossen Koalition. Wir als Berater empfahlen für die Druckerei einen rigorosen Personalabbau und dann eine Haltestrategie im bestehenden Markt. Die Drucker hingegen wollten eine Investitionsstrategie, erst den Kauf einer neuen Rollenoffsetmaschine und dann den Vorstoss in neue Kundensegmente.
 
Die Drucker setzten sich mit ihrem unsinnigen Vorschlag durch. Denn sie verbündeten sich mit der Finanzabteilung. Der Finanzchef unterstützte sie, weil er sich die Chance ausrechnete, dadurch neuer CEO der Druckerei zu werden. Genauso kam es denn auch.

Koalition von Kojote und Dachs

Koalitionen gehören zu den interessantesten Spielformen des Sozialverhaltens. Es gibt sie im Tierreich genauso häufig wie in menschlichen Organisationen.
 
Ein bekanntes Beispiel ist zum Beispiel die Koalition von Kojote und Dachs. Der Kojote kommt nicht an Beute wie Mäuse, Hasen und Ratten heran, weil die in Höhlen hausen. Den Job übernimmt der Dachs. Er gräbt sich in die Höhlen vor, die Nagetiere ergreifen die Flucht, auf der sie dann vom Kojoten erlegt werden. Nun wird die Beute geteilt.
 
Koalitionen sind immer befristet. Oftmals endet die zuvor loyale Kooperation mit einem Vertrauensbruch.

Zweckbündnisse von ungleichen Partnern

In unserem Beispiel endet die Koalition mitunter dramatisch, wenn die gemeinsame Beute über längere Zeit ausbleibt. Dann frisst der Kojote den Dachs.
 
Koalitionen sind Zweckbündnisse von ungleichen Partnern, die sich aber zusammenfinden, weil man gemeinsam mehr Beute machen kann als im Alleingang. An genau diesem Mechanismus ist zuletzt die Jamaika-Koalition in Deutschland gescheitert. CDU, FDP und Grüne konnten sich nicht über die Verteilung der Beute einigen.
 
Die Grossmeister der Koalitionen und Koalitionsbrüche sind in der Biologie die Schimpansen. Oft verbünden sich drei oder vier Affen gegen stärkere Widersacher, weil sie gemeinsam besser an die Weibchen und ans Futter herankommen. Die Koalition wird regelmässig mit gegenseitigen Fellpflege-Aktionen am Leben erhalten.
 
In der Wirtschaft nennt man denselben Vorgang Teambuilding, in der Politik Kabinettssitzung.
 
Nun sind Koalitionen bei Schimpansen aber sehr brüchige Konstrukte. In kurzer Zeit können zuvor verbündete Affen zu erbitterten Rivalen werden und neue Kooperationen mit bisherigen Feinden eingehen. Der holländische Zoologe Frans de Waal hat schon in den achtziger Jahren über tierische Koalitionen und deren Verrat ein Buch unter dem Titel «Chimpanzee Politics» geschrieben. In den USA gehört es bis heute zur Pflichtlektüre der Politiker.

Geendet in einem Verrat

Damit wären wir zurück bei unserem Streit um die Zukunft der Druckerei. Wir konnten uns mit unserer Sparvariante nicht durchsetzen, man kaufte also eine Rollenoffsetmaschine von Heidelberger und startete eine Marketingoffensive. Es ging schrecklich schief. Nach drei Jahren war die Druckerei tiefer in den roten Zahlen als je zuvor.
 
Nun ging der ehemalige Finanzchef und aktuelle CEO der Druckerei. Er wurde neuer Delegierter des Verwaltungsrates ausgerechnet beim grössten Konkurrenten im Markt. Intern sprach man von «Verrat».
 
Das war präzise ausgedrückt. Jede Koalition, von Kojoten über Schimpansen bis zu Managern, endet in einem Verrat. Ausnahmslos.
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