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Hausmänner 
Kinder statt Karriere: So lebt sich der Rollentausch

Hausmänner: Teilzeitarbeit ist häufig ein Karrierekiller.  photosavvy/CC/flickr

Die Frau macht Karriere, der Mann den Kinderbrei: Die Zahl solcher Haushalte steigt, selbstverständlich ist das Modell aber noch längst nicht. Arbeitgeber und Gesellschaft machen es nicht einfach.

Von Maren Meyer
23.08.2016

Henry ist müde. Den Schnuller im Mund und die Augen auf halbmast, hängt der Einjährige auf dem Arm seines Vaters. Die dreijährige Rahel hingegen will Brot backen. Und das sofort. Benjamin Steiner setzt seinen Sohn auf eine Decke in der Küche, um sich dem Wunsch seiner Tochter zu fügen. Der Älteste, Noah, beschäftigt sich derweilen selber und schneidet Figuren aus Papier aus. Während Rahel ihre Hände schon tief im Brotteig hat, fängt Henry an zu weinen. Er will schlafen.

Mit drei kleinen Kindern ist Vater Benjamin immer gefordert. Windeln wechseln, kochen oder Essensreste aus Kindergesichtern wischen ist sein tägliches Geschäft. Während seine Frau Nicole bei der Arbeit ist, schmeisst er den Haushalt und kümmert sich um die Kinder – derzeit zu hundert Prozent. Schon als sich vor sechs Jahren das erste Kind ankündigte, entschied er sich, seine Stelle als Tierarzt aufzugeben und eine 90-Prozent-Stelle in der Pharmabranche anzunehmen. «Es war eine Entscheidung für die Kinder, denn als Tierarzt hat man viele Spät- und Nachtschichten.»

Ausnahme wird beliebter

Seine Frau Nicole arbeitet Vollzeit als Personalleiterin einer Schweizer ABB-Einheit – eine Position, in die sie vor einigen Monaten aufsteigen konnte. Im Hause Steiner wurden die traditionellen Rollen getauscht: Die Mutter macht Karriere, der Vater betreut die Kinder. «Seit wir uns kennen, leben wir eine gleichberechtigte Partnerschaft.»

In der Schweiz ist das Lebens- und Erwerbsmodell der Steiners eine Ausnahme. Meist sorgt der Mann für das Einkommen, die Frau arbeitet Teilzeit oder bleibt zu Hause bei den Kindern. Doch das Bild wandelt sich. Betrachtet man Familien mit Kindern unter sechs Jahren, so zeigen sich deutliche Veränderungen: Waren es im Jahr 2000 noch 41 Prozent der Paare, bei denen der Mann Vollzeit arbeitet und die Frau den Haushalt schmeisst, sind es 2014 nur rund 27 Prozent. Auch bei Ausnahmepaaren wie den Steiners bewegt sich etwas: Immerhin leben 2,2 Prozent der Paare das vertauschte Rollenmodell.

Familientaugliche Karrieremodelle im Trend

Zu den bekannteren Beispielen in der Schweiz zählen Ems-Chemie-Chefin Magdalena Martullo-Blocher und ihr Mann, der Lokalpolitiker Roberto Martullo, der seit letztem Jahr der Kinder wegen nur noch halbtags arbeitet. Auch Susanne Ruoff hat zwei Kinder und ist in ihrer Position als Post-Chefin voll eingespannt. Solange die Kinder noch klein waren, blieb ihr Mann Geri zu Hause.

Dass in der Schweiz immer mehr Männer bereit wären, für ihre Kinder bei der Karriere zurückzustecken, zeigt die Pro-Familia-Studie «Was Männer wollen». Neun von zehn wünschen sich eine Arbeitszeitreduktion und würden Lohneinbussen in Kauf nehmen. Aber: Fast zwei Drittel der befragten Männer befürchten, dass die Einkommenseinbusse für die Familie nicht verkraftbar wäre. Mehr als die Hälfte von ihnen sehen zudem ihre Karrierechancen schwinden, würden sie in Teilzeit arbeiten.

Unterschied beginnt beim Vorstellungsgespräch

Doch Männer denken um: In den nächsten Jahren, so die Studie, wird die Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Wettkampf um qualifizierte Mitarbeitende eines der wichtigsten Handlungsfelder für Unternehmen – über 70 Prozent aller Männer werden ihren zukünftigen Arbeitgeber nach diesen Kriterien auswählen. Deshalb müssten die Unternehmen Männer in ihrem Vatersein ernst nehmen, sagt Markus Theunert. Der Vater einer dreijährigen Tochter ist Generalsekretär des Dachverbandes der Schweizer Männer- und Väterorganisationen und arbeitet 80 Prozent.

Bereits in der Anstellungspraxis liege das Risiko der Familiengründung allein bei den Frauen: «Einen Mann fragt man nicht, ob er plant, Familienvater zu werden», sagt der 43-Jährige. Auch seien die Gesetzgebung und die Arbeitskultur darauf ausgelegt, dass die Frau nach der Familiengründung daheim bleibe. Denn einen Vaterschaftsurlaub, wie ihn viele europäische Länder anbieten, gibt es in der Schweiz nicht. Derzeit liegt es an den Unternehmen, Vätern mehr als einen Tag mit deren Nachwuchs zu gewähren.

Teilzeitarbeit nicht gern gesehen

Theunert fordert 20 Tage gesetzlich festgesetzten Vaterschaftsurlaub, für die Initiative werden derzeit Unterschriften gesammelt. Zwar sieht er bei den Unternehmen bereits Veränderungen, aber sie seien weiterhin gefordert: «Sie haben das Versprechen noch nicht eingelöst, dass Teilzeitarbeit künftig kein Karrierekiller mehr sein soll.»

Für Benjamin Steiner ist die Karriere nicht das Wichtigste, ein Teilzeitpensum für den Wiedereinstieg jedoch Bedingung. Als letztes Jahr das dritte Kind auf die Welt kam, wollte er weiter reduzieren. Und stiess auf Widerstand. «Man sagte mir, ich solle doch lieber auf 100 Prozent aufstocken und dann eine Nanny bezahlen», erinnert sich der 37-Jährige. Für ihn ein Zeichen, sich anderweitig umzuschauen.

Ein Lernprozess

In dieser Zeit bestreitet Mutter Nicole den Unterhalt der Familie alleine: «Es tut gut, die andere Seite zu sehen, was es heisst, für eine fünfköpfige Familie verantwortlich zu sein.» Ihr sei zudem bewusst geworden, was es bedeutet, eine berufstätige Mutter zu sein. Denn als Dreifach-Mama in Vollzeitanstellung erfährt sie nicht von allen Verständnis. Sie müsse sich häufig erklären oder rechtfertigen, sich Dinge fragen lassen, die man ihren Mann nie fragen würde: «Wie ich mich denn organisiere, ob ich kein schlechtes Gewissen habe, oder warum ich denn Kinder habe, wenn ich doch so viel arbeite.»

Daheim die Hoheit über das Kochen an ihren Mann abzugeben, fiel ihr leicht. Zu akzeptieren, dass das Haus bei ihrer Heimkehr am Abend nicht so ordentlich war, wie sie es gern hätte, daran musste sie sich gewöhnen. Die Kinderbetreuung mehrheitlich dem Papa abzugeben und sich zurückzuhalten, musste sie erst lernen. «Mein Mann und ich ergänzen uns ideal, und jeder hat seine ganz eigenen Momente mit den Kindern. Ich habe nicht das Gefühl, etwas zu verpassen», sagt sie.

Hoher Rechtfertigungsdruck

«Berufstätige Mütter oder Paare, die ein getauschtes Rollenmodell leben, sind einem grossen Rechtfertigungsdruck ausgesetzt», sagt Dominik Schöbi. Der Leiter des Instituts für Familienforschung und -beratung an der Universität Freiburg forscht seit 17 Jahren zu diesen Themen.

Nicht nur die Gesellschaft baue Druck auf: «Viele Frauen stellen hohe Anforderungen an sich selber und orientieren sich an Idealbildern. Es ist schwierig, beide Jobs zu koordinieren und mit dem Stress umzugehen.» Schnell könne ein Gefühl des Nichtgenügens entstehen, das wiederum auf Dritte projiziert werden kann. «Die Frau sucht Gründe, warum sie nicht alles vereinbaren kann, und oft werden der Partner oder die Beziehung zu Schuldigen gemacht.» Solange dazu das Umfeld noch kritisch eingestellt sei, könne diese Konstellation für eine Partnerschaft hochproblematisch werden.

Familie Steiner spürt ein lebhaftes Interesse an ihrem Modell. Benjamin sieht die gewählte Aufteilung als ein Geben und Nehmen: «Ich ermögliche meiner Frau, diesen Job zu machen, indem ich mich um die Kinder kümmere und ihr den Rücken freihalte.» Sie ermögliche ihm, seinen Weg zu gehen, und unterstütze ihn bei der Neuorientierung. Zudem lebten sie ihren Kindern die Gleichberechtigung unter Eltern vor. «Die Kinder kennen es nicht anders und lernen, dass es das von der Gesellschaft vorgegebene klassische Rollenbild bei uns nicht gibt», sagt Benjamin.

Prägend fürs kindliche Rollenbild

Für Kinder ist es nur von Vorteil, wenn sie erleben, dass der Vater präsent ist und sich um sie kümmert. Anders als bei vielen ihrer Spielgefährten im Kindergarten erfahren sie, dass es kein klassisches Rollenmodell für Mutter und Vater gibt. Dass die Mutter arbeitet und der Vater zu Hause kocht, ist für sie völlig normal. Dies prägt die Kinder und verändert die Gesellschaft langfristig – das sagt auch die Familienforschung. «Steht die Mutter mit beiden Beinen im Berufsleben, wird die Tochter mit ganz anderen Rollenerwartungen durch die Schulzeit gehen», sagt Familienforscher Schöbi. Andersherum erleben Jungs, dass der Vater zuhören könne, sich um sie kümmere.

Carla und Mathias Kaufmann aus ­Zürich teilen sich die Kinderbetreuung. Dabei arbeitet Vater Mathias zu 60 Prozent, Carla ist selbständig, leitet ein Unternehmen und einen Verein, der Kauf eines zweiten Unternehmens ist geplant. Ihr Pensum kann sich die 36-Jährige flexibel einteilen, meistens arbeitet sie aber mehr als 100 Prozent. Als sich Tochter Enide vor fünf Jahren ankündigte, schrieb Mathias an seiner Doktorarbeit und arbeitete an einem Lehrstuhl im 60-Prozent-Pensum. Dass der Vater mehrheitlich zu Hause bei den Kindern ist, habe sich damals so ergeben, sagen die Eltern.

Ausgeglichenere Eltern

Als dann mit Maro Kind Nummer drei hinzukam, war für Mathias klar, dass er vorerst in keinem Fall in einen 100-Prozent-Job wollte. «Früher war es nicht anders möglich, doch heute ist es meine Bedingung: Wenn man fünf Jahre intensiv mit den Kindern verbracht hat, dann fällt es einem schwer, mehr zu arbeiten», sagt er. Für die dreifache Mutter war immer klar, dass sie neben der Familie berufstätig sein würde. Für Mathias sei die Kinderbetreuung kein Stress, und seiner Frau sei die Arbeit sicher wichtiger als ihm. So ergänzten sich beide gut.

Sie sei die bessere Mutter, wenn sie nebenbei arbeiten könne. «Wir sind ausgeglichener, und das kommt auch den Kindern zugute», sagt Carla. Manchmal frage die Verwandtschaft, was Mathias denn überhaupt mache. «Wenn die Frau daheim ist, dann ist das für sie harte Arbeit. Aber wenn der Mann zu Hause bleibt, gilt er als faul», sagt er. Als er sich für die Teilzeitstelle mit dem Grund bewarb, mehr Zeit mit seinen Kindern verbringen zu wollen, wurde er gefragt, ob er denn keine Frau oder einen Krippenplatz habe.

Das traditionelle Rollenbild besagte lange Zeit: Der Mann verdient das Geld, und die Frau gehört an den Herd. In den letzten 20 Jahren hat sich hier einiges getan, vor allem viele jüngere Erwachsene haben sich von diesem starren Rollenbild verabschiedet. Zudem muss es sich die Familie leisten können, dass einer zu Hause bleibt. Familie Kaufmann kann es sich leisten. Dennoch möchte Mathias sein Arbeitspensum wieder aufstocken, sobald der eineinhalbjährige Maro in den Kindergarten kommt: 80 Prozent sollen es dann werden.

Alte Muster halten sich hartnäckig

Dass einer von beiden zu Hause bleiben würde, sobald das erste Kind da war, hatten Manuela Schranz und Harald Fröhle früh beschlossen – auch dass es Harald war, der seinen Job als Werkmeister aufgeben würde. «Wir haben diese Entscheidung gemeinsam getroffen. Natürlich hätte auch ich es sein können, die zu Hause bleibt, aber es hat für uns beide so gestimmt», sagt die 45-jährige Manuela. Sie arbeitet Vollzeit als Leiterin für strategische Projekte bei einem Medienunternehmen, und das sehr gerne. Reduzieren sei für sie keine Option. Zu Hause bekomme sie den besten Back-up. «Harald hat mir immer hundert Prozent Rückendeckung gegeben.»

Als Sohn Samuel vor 14 Jahren auf die Welt kam, war seine Bezugsperson der Vater. Nach ihm rief er nachts, und zu ihm rannte er, wenn er sich das Knie aufgeschlagen hatte. Den Tagesablauf begleitet der Vater, die Mutter kommt abends nach der Arbeit nach Hause. Bis dahin macht Harald das, was in anderen Familien ganz selbstverständlich die Mutter übernimmt: Mittagessen bereiten, Hausaufgabenhilfe oder Fahrten zum Musikunterricht. «Harald hatte seinen Ablauf geplant, und wenn ich dann abends nach Hause kam, war bereits alles erledigt», sagt Manuela. Sind die Kinder schon im Bett, weckt sie sie nicht mehr auf. «Ich hätte ja sonst nur den gewohnten Rhythmus unterbrochen.» Aus ihrem Umfeld sei das Feedback auf ihre Entscheidung, 100 Prozent weiterzuarbeiten, rundum positiv gewesen.

Erfolgserlebnisse gibt es auch zuhause

Harald Fröhle erzählt hingegen, dass sein Arbeitgeber über seinen Kündigungsgrund überrascht gewesen sei. «Zuerst wollte er nicht glauben, dass ich kündige, um mich um mein Kind zu kümmern», erzählt der 45-Jährige. Ihm sei die Entscheidung leichtgefallen, bereut habe er sie nie. Dass die Auszeit seiner Karriere nicht zuträglich sein würde, war ihm bewusst, aber für ihn sei eine Führungsposition nie wichtig gewesen. Doch um im Beruf nicht völlig den Anschluss zu verlieren, nahm er nach der Geburt seines zweiten Sohnes Silas eine 50-Prozent-Stelle als Monteur an. Finanziell habe der Job gerade die Kinderbetreuung abgedeckt.

Sicher bietet sich das Modell des Hausmannes – in Voll- oder Teilzeit – nicht für jede Partnerschaft an. Denn neben guter Organisation müssen beide gewillt sein, sich dem sozialen Druck, der immer noch besteht, zu stellen. Und vor allem muss der Mann bereit sein, seine Karrierewünsche zurückzustellen. Wie der Hausmann ist auch der Teilzeitmann in der Schweiz noch selten. Unternehmen und die Gesellschaft sind oft noch zu stark in alten Rollenmustern verhaftet.

Am Morgen nicht zur Arbeit zu gehen, vermisst Benjamin Steiner derzeit überhaupt nicht, er geniesse die Zeit mit seinen drei Kindern. Erfolgserlebnisse habe er auch so fast täglich – nicht im Beruf, dafür zu Hause: «Wenn man es geschafft hat, am Abend alle Kinder ins Bett zu kriegen, ist das schon sehr befriedigend.»

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